Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 9 (September 1917)
- Article
- An den Pforten der Ewigkeit
- Date
- 1917-09-01
- Page
- Seite 415 - 416 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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415 An den Pforten der Ewigkeit. 416 Benno Wulf söhn: Hamburger Hafen sten erhalten haben; dazu kam, dass "die Pflege der Bräuche in den Händen einer Genossenschaft ruhte, die ihrer Natur nach konservativ ist. Schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts brach in Berlin ein Streit wegen des allzu frühen Begrabens der Toten aus. Moses Mendelssohn und R. Jakob Emden griffen in die Diskussion ein, eine ganze kleine Literatur entstand hierüber, die uns Heutigen unverständlich vorkommt. Später gab es lange Diskussionen über den Leichenwagen, da die Konservativen darauf bestanden, dass der Sarg auf den Schultern zu Grabe getragen werden müsse — eine schöne Sitte, die aber nur in ganz kleinen Gemeinden und in sehr primitiven Verhältnissen durchführbar ist. In manchen Gemeinden bestand der Brauch, die entseelte Hülle ohne Sarg in die kahle Erde zu betten, in anderen, den Leichnam auf einer primitiven Strickleiter hinauszutragen. Jeder Versuch, hierin eine Aenderung einzuführen, stiess auf hartnäckigen Widerstand -und galt als ketzerische Neigung. Die alte jüdische Empfindungsweise war jedem Totenkult und Leichenprunk abhold, zumal solchem, der die Vermögensunterschiede hervortreten Hess und so eine Hintansetzung und Demütigung des Unbemittelten nach sich zog. Dieser an sich edle Gedanke führte in seinem Extrem dazu, dass jede Pflege des1 Grabes verpönt wurde. Das verlieh den jüdischen Friedhöfen oft ein sehr kahles und düsteres Aussehen, wenn nicht die Natur selber dafür sorgte, dass zwischen den Gräbern Bäume wuchsen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in vielen Gemeinden heftigen Streit, als manche Mitglieder die Gräber ihrer Angehörigen mit Blumen bepflanzen wollten. Wie gesagt, haben sich an den Tod und das Grab viele abergläubische Vorstellungen und Bräuche geklammert. Sie waren fast ausschliesslich von der nichtjüdischen Umgebung herübergenommen, wo noch alter heidnischer (vorchristlicher) Brauch und Glaube unter der Decke des Christentums fortwucherte. Ein vergleichendes Studium dieses ganzen Gebietes ist ausserordentlich lehrreich. Bräuche und Vorstellungen, die direkt und offen gegen die jüdischen Grundlehren oder die Religionsvorschriften des Judentums verstiessen, konnten so gut wie gar keinen Eingang bei Juden finden. Andere dagegen, die ein unschuldiges Aussehen hatten, wurden leicht nachgeahmt, doch wurde ihnen, namentlich seit dem 12. Jahrhundert, ein anderer Sinn unterlegt, sie wurden mit jüdischen Vorstellungen, oder gar mit Bibelversen in Verbindung gebracht, und auf diese Weise geadelt, geweiht. Liest man z. B. Wuttkes berühmtes, noch immer unübertroffenes Buch „Deutscher Aberglaube", so staunt man, hier Bräuche und Vorstellungen, namentlich in bezug auf den Totenkultus, zu finden, die auch im „Sepher Chassidirn" (aus dem 13. Jahrhundert) verzeichnet sind und sich in der ursprünglichen Form sogar im fernen Polen und in der Ukraine erhalten haben. Wenigstens einer dieser Bräuche sei hier erwähnt: Es ist üblich, dass man beim Weggehen vom geschaufelten Grabe innerhalb des Friedhofes Gräser pflückt und hinter sich wirft. Das ist ein dem deutschen Heidentum entnommener Brauch, der bezweckte, den unterirdischen Geistern, die beim Schaufeln erweckt wurden, ein Opfer darzubringen, um sie loszuwerden. Im Mittelalter wurde dieser Brauch bei den Juden heimisch, aber sein ursprünglicher Sinn wurde abgeändert, indem man dabei den Vers spricht: „Sie werden wieder emporspriessen, wie das Gras aus dem Erdboden"; der Brauch symbolisiert also jetzt die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten.