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Ost und West · 1917-09-01 · Heft 9 (September 1917) · p. Seite 411 - 412

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 9 (September 1917)
Article
An den Pforten der Ewigkeit
Date
1917-09-01
Page
Seite 411 - 412 (sequence 3)
Language
German
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411 An den Pforten der Ewigkeit. 412 Existierende und keiner gleicht Dir auf irgendeine Weise in der Welt, Du warst, bist und wirst sein in alle Ewigkeit . . ." In manchen Fassungen dieser Formel wendet sich der Kranke an die Umstehenden mit den Worten: „Hört mich an, meine Herren!" und nimmt sie zu Zeugen, dass er die Verwahrung rechtskräftig eingelegt habe. Darauf folgt das eigentliche Sterbegebet, welches viel älteren Ursprunges ist als die Verwahrungsformel und wegen seines Reichtums an Stimmungen und Gedanken sehr bemerkenswert: „Ich bekenne vor Dir, Ewiger, mein Gott, Gott meiner Vorfahren Abraham, Isaak und Jakob, dass meine Genesung in Deiner Hand liegt und mein Tod in Deiner Hand liegt. Möge es Dein Wille sein, mir eine vollkommene Genesung zu senden. Wenn Du aber beschlossen hast, mich zu Dir zu nehmen, so bekenne ich, dass Du gerecht bist in allem, was Du über mich verhängst, denn Du handelst nach der Wahrheit, ich aber bin sündig. Zu Dir, Ewiger, erhebe ich meine Seele. Möge es Dein Wille sein, dass mein Tod alles sühnt, was ich vor Dir gesündigt habe durch Gedanken, Wort oder Tat. Nimm mich auf in den Gan Eden und gib mir Teil an der ewigen Seligkeit, die aufbewahrt ist für die, die Dich fürchten. Leite mich den Weg des Lebens, zu der Fülle der Freuden vor Deinem Angesicht, der Wonnen zu Deiner Rechten, ewiglich." Hier folgt das Bekenntnis: „Höre, Israel" und die sich daran anschliessenden Verse, sowie einige andere, die sich auf das ewige Reich beziehen. Dann fährt der Kranke fort, sich für den letzten Gang zu rüsten: „Mein Gott, wenn meine Sünden zu gross sind, so vergib mir um der Ehre Deines Namens willen. Wenn ich nicht auf Deine Gnade bauen könnte, wer erbarmt sich mein ausser Dir. Darum hoffe ich zu Dir, auch wenn Du mich tötest; wenn Du auf meine Sünden achtest, so flüchte ich vor Dir zu Dir selber. Vor Deinem Zorn suche ich Schutz in Deinem Schatten, an den Saum Deines Gnadengewandes klammere ich mich, bis Du Dich mein erbarmst, ich lasse Dich nicht los, ehe Du midi gesegnet hast (Gabirul). Bedenke, dass Du mich aus Lehm geformt hast; Du hast mir so viel von des Lebens Mühsal auferlegt, darum darfst Du mir nicht heimzahlen nach meinen Werken und mir nicht darbieten die Früchte meiner Taten. Uebe Langmut mit mir und lasse meine Stunde nicht kommen, ehe ich mir Wegzehrung vorbereitet habe, um gerüstet zu meinem Ort zurückzukehren. Schick mich nicht fort von dieser Erde, während das Bündel Sauerteig meiner Sünden auf meinen Schultern lastet. Und wenn Du meine Missetaten wiegst, leg in die andere Wagschale meine Leiden; bedenkst Du meine Bosheit, , so bedenke auch meine Pein und halte eins dem anderen entgegen." In diesem Ton geht es eine Weile weiter, und schliesst mit einem aramäischen Spruch: „Möge ich nicht beschämt werden, wenn ich hintrete vor Dir und vor den Häuptern des himmlischen Gerichtes1, möge ich gewürdigt werden, die Geheimnisse der Thora au 5 dem Munde der Obersten in den himmlischen Lehrhallen zu vernehmen." Hier waltet die Vorstellung vor, dass die Wonnen, deren die Seelen der Abgeschiedenen im Himmei teilhaftig werden, darin bestehen, dass sie, gleichsam unter der persönlichen Anleitung Gottes, die Geheimnisse und den tiefsten Sinn der Thora ergründen; der Himmel bildet sozusagen ein grosses Lehrhaus, eine Jeschibah, aramäisch: Methibtha; die Ausgezeichneten, die einst auf Erden durch grosse Gelehrsamkeit, Weisheit vor allem aber durch gute Werke und demütigen Wandel hervorragten, bilden die Oberhäupter und Lehrmeister; sie bilden aber in gewissem Sinne auch einen Gerichtshof, auf dessen Meinung Gott selber, der höchste und einzige Richter, hört, weil er nur seine eigene, Gottes Meinung zum Ausdruck bringt. So bildet das Dasein im Jenseits eine Vervollkommnung des irdischen Wandels. Und es gilt als höchster Lohn für den gewöhnlichen Sterblichen, im Jenseits zur Teilnahme an jenen himmlischen Offenbarungen zugelassen zu werden, die die Quelle tiefster "Wonnen und Seligkeiten sind. „Vitam amare, mortem non timere", das stellte ein Römer aus der stoischen Schule als Ideal hin, ein Ideal, welches stark jüdisch gefärbt war. Man kann das nicht schöner ausdrücken, als es in diesem Gebet geschieht. Neben der starken Liebe zum Leben eine ruhige und gelassene Ergebung in den Tod ais die gerechte Schickung Gottes, ein echt kindliches Vertrauen in seine Gerechtigkeit und alles überwindende Gnade und Barmherzigkeit. Der Grundton ist von unüberwindlichem Optimismus, der Pein und Tod als etwas Nebensächliches und Vorübergehendes erscheinen lässt; die Hauptsache ist, sich in Uebereinstimmung zu wissen mit dem ewigen Willen, der lauter Heiligkeit und Gnade ist und schliesslich über Sünde und Tod triumphiert. Alle christlichen Kirchen wiederholen immer wieder das Wort „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist deine Pein?" Das gilt gewissermassen als die Devise des Stifters der christlichen Religion. Aber nur wenige, leider auch unter den Juden, wissen, dass das ein Vers in Hosea (XIII, 14) ist, also ungefähr 750 Jahre vor Christus gesprochen wurde. * * Als uraltes Symbol der Seele gilt das Licnt. „Ein Licht Gottes ist die Menschenseele", heisst es schon in der Bjbel. Der Patriarch Rabbi Jehuda L, der Heilige (Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr.) ordnete an, dass bei seinem Sterben ein

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