Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 9 (September 1917)
- Article
- Friedensziele der Juden
- Date
- 1917-09-01
- Page
- Seite 397 - 398 (sequence 7)
- Language
- German
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397 Friedensziele der Juden. 398 beraten, welche damals in den russischen Provinzen im Gange war, verlangte Nowosilzow die ununterbrochene Fortsetzung dieser harten Maßregel und verteidigte sie energisch gegen die Einwendungen Czartoryskis, Potockis und Gzackis, die sie bekämpften. Er setzte es durch, daß in ,Wilna den Juden die Absiedlung in den Hauptstraßen verboten wurde. Aber als es sich 1814 darum handelte, den Juden die Ausübung des Schankgewerbes in den Dörfern zu verbieten, war Nowosilzow viel milder. Diese Frage wurde in Polen seit mehreren Jahrzehnten erörtert. Die damaligen Volkswirte sahen in den jüdischen Schankwirten das Hauptübel der Zeit, mit dessen Beseitigung der Wohlstand der Bevölkerung aufblühen würde. Nur dachte niemand daran, den tausenden von Familien, die dieses Gewerbe ausübten, beizeiten ein anderes Erwerbsgebiet zu bereiten. In der Praxis ließ sich natürlich die Brotlosmachunig einer so zahlreichen Volksklasse nicht kurzer Hand durchführen, ohne die ganze Volkswirtschaft zu erschüttern. Darum wurde die Frage immer wieder von der Tagesordnung abgesetzt. Aber auf Betreiben des Ministers Grafen Manteuffel, eines verbissenen Judenfeindes, hatte die Regierung des Königs von Sachsen, als Herzogs von Warschau, mit dem Dekret vom 30. Oktober 1812, einer der letzten ihrer legislatorischen Handlungen, festgesetzt, daß; vom 1. Juli 1814 ab den Juden die Erzeugung und der Verkauf von Getränken auf dem Lande für immer verboten sein sollte. Das bedrohte viele Hunderte jüdischer Familien mit dem vollständigen Ruin. Als inzwischen infolge der Besetzung Polens durch die Russen Nowosilzow unumschränkter Machthaber in Warschau geworden war, nahm er die Sache sofort in die Hand. Die Juden gerieten in Verzweiflung. Es wurde zunächst ein allgemeines Fasten, zweimal in der Woche, drei Wochen hintereinander, angeordnet, um die Gnade des Himmels gegen das böse Verhängnis zu erflehen. Die durch die Entbehrung ersparte Summe aber wurde auf hundertzwanzigtausend polnische Gulden ergänzt und Nowosilzow eingehändigt, der Senator Iieß sich dadurch erweichen, die Sache der Bedrohten vor dem Thron seines allerhöchsten Herrn zu führen. Er betrachtete die Angelegenheit von hoher staatsmännischer Warte und wußte ihr politische Bedeutung beizumessen; er machte geltend, daß es für die russische Politik von großer Wichtigkeit wäre, die jüdischen Schankwirte in den Dörfern zu belassen, sie aber dazu anzuhalten, die Umtriebe der Polen, welche sich hauptsächlich auf dem Lande organisierten, um das Joch Rußlands abzuschütteln, auszuspionieren, und den russischen Behörden zu denunzieren! Um dieser Dienste willen lohnte es sich schon, die schwerliegenden volkswirtschaftlichen Interessen hintanzusetzen. Die Juden in den Dörfern waren womögleich politisch noch unentwickelter und verständnisloser als die in den Städten; sie wohnten unter den Bauern und ermangelten jenes moralischen Haltes, den eine städtische Gemeinde mit ihrem regen Verkehr und ihren religiösen Belehrungen bietet. Die jüdischen Schankwirte konnten also viel leichter der allmächtigen russischen Suggestion erliegen, zumal ihnen das Denunziantentum als ein Beistand vorgespiegelt wurde, den sie dem legitimen Herrscher Empörern gegenüber leisten sollten. Wohl1 nie ist das Prinzip „Divide et impera" auf nichtswürdigere Weise angewendet worden. Seit jener Zeit nahm die Erörterung über die Judenfrage in der polnischen Publizistik einen gehässigen, vergifteten Ton an, der ihr bis dahin fremd gewesen war. Vormals wurde darüber gestritten, wie man die „Fehler der Juden" verbessern und sie zu „nützlichen Mitbürgern erziehen" sollte, wobei man nur über die Wahl der Mittel verschiedener Meinung war. Fortab galt es, das Vaterland vor der „jüdischen Gefahr" zu schützen, den „inneren Feind", loszuwerden, der den Fortbestand und die Unabhängigkeit der Nation bedrohte. Wenn trotz der intensiven Wirksamkeit jNo'wosilzows die Revolution von 1831, von einigen Zwischenfällen abgesehen, eine Aussöhnung zwischen Juden und Polen gebracht, die bis zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts angehalten hat, so ist das der Lebensnctwendigkeit zu verdanken, die die beiden Völkerschaften zwang, sich schließlich miteinander zu vertragen. An Verhetzungen von russischer Seite hat es die ganze Periode über nie gefehlt, gelungen sind sie aber erst in unserer Zeit, infolge des Zusammenwirkens mehrerer äußerer Umstände. * Als im Jahre 1812 Napoleon seinen Feldzug gegen Rußland unternahm, verhielt sich die eingeborene Bevölkerung der russischen Grenzge*- biete, durch die die französische Armee marschierte, sehr verschieden. Die litauischen und weißruthenischen Bauern blieben gleichgültig, die höheren Stände, namentlich die katholischen und die polnischen, jubelten den Franzosen entgegen. Die Juden Litauens und Weißrutheniens stellten sich entschieden auf seiten Rußlands. Seit vierzig