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Ost und West · 1917-09-01 · Heft 9 (September 1917) · p. Seite 395 - 396

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 9 (September 1917)
Article
Friedensziele der Juden
Date
1917-09-01
Page
Seite 395 - 396 (sequence 6)
Language
German
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395 Friedensziele der Juden. 396 Untertanen Eurer Majestät, haben, wie wir sehen, auf eigene iFaust, ohne Vermittlung ihrer vorgesetzten Staatsbehörde, mit der türkischen Regierung verhandelt. Diese ihre besondere den Türken entgegengebrachte Zuneigung ist sehr verwandt mit Untreue gegen ihren rechtmäßigen Herrscher und könnte unter gewissen Umständen zu wirklichem Hochverrat werden. In Odessa wohnen zweitausend Juden; sie unterhalten einen ständigen Briefwechsel m\i den von ihnen unterstützten Juden in Palästina, sicherlich aber auch mit ihren Glaubensgenossen in Konstantinopel; diese ihrerseits dienen ihnen offenbar als Vermittler. Muß man nicht voraussehen, daß die zweitausend Juden in Odessa eine gefährliche Armee von Spionen bilden können, wenn Umstände eintreten sollten, unter denen sie Gelegenheit haben würden, ihre Dienste den Türken zu verkaufen?" So wuchs der arme Kleinkrämer aus Plonsk, der in seinem 70. Lebensjahre eine Pilgerfahrt nach dem Heiligen Lande unternahm, unter Nowosilzows Händen zu einer gefährlichen Staatsperson heran, weil er aus Palästina ein paar Dutzend Bettelbriefe von Almosenemfängern an Verwandte und Wohltäter mitgenommen hatte, in denen die Rede war von dem Aufbau einer alten Synagoge, von dem dafür entrichteten üblichen Bakschisch und von den Gebeten, die an den Gräbern der Heiligen verrichtet werden, daß Messias „bald in unseren Tagen" kommen möge. Der Kaiser, der Senat, das Ministerium, der Generalstab beschäftigten sich mit diesen hochwichtigen diplomatischen Dokumenten. Seit Jahrhunderten wanderten alte Juden aus der ganzen Welt nach Palästina aus, um dort begraben zu werden. Tausende derartiger Briefe wurden nach Europa und überallhin geschrieben, iaber nur denen, die Salonion aus Plonsk mitgebracht und die in Nowosilzows Hände gefallen, war die Ehre beschieden, im Petersburger Staatsarchiv aufbewahrt zu werden, als Beweis für den scharfen Spürsinn der russischen Bureaukratie. * * * In Petersburg hatte man indessen kein ganz reines Gewissen. Im Frühjahr 1821 war nämlich der Griechenaufstand unter Ypsilanti ausgebrochen; bald stand ganz Griechenland und die Hälfte der europäischen Türkei in Flammen. Alexlander I. hatte in früheren Jahren die Vorbereitungen zu diesem Aufstande begünstigt. In Odessa hatte unter seinem Schutz die griechische „Hetairia" ihren Sitz aufgeschlagen, er plante; eine Erhebung der Griechen und der anderen christlichen Balkanvölker zu benutzen, um der Türkei den Todesstoß zu versetzen, und das russische Kreuz ,auf der Hagia Sophia aufzupflanzen. Inzwischen war aber in seiner Politik eine entschiedene Umkehr eingetreten; er wendete sich von allem ab, was mit Revolution und Aufstand zusammenhing, und verschob den Plan, Konstantinqpel zu erobern, auf eine späterej Epoche. Der Aufstand Ypsilantis und was darauf folgte kam ihm sehr ungelegen, er war zu einer Aktion im Orient weder vorbereitet noch aufgelegt, und mittlerweile konnte England eingreifen und aus der ganzen Bewegung, zum Schaden Rußlands, für sich Nutzen ziehen. Man war also in Petersburg sehr nervös und geneigt, überall Intrigen zu wittern. In London wurde damals die Emanzipation der Juden erörtert, England spielte sich überall als deren Beschützer auf; konnte es nicht hier die Hand im Spiele haben, um von demselben Odessa aus, wo Rußland einst gegen die Türkei Ränke spann, jetzt mit Hilfe der Juden und ihrer Verbindungen in Palästina gegen Rußland zu intrigieren? Nowosilzow tat, als hätte er die Hauptfäden eines feingesponnenen Netzes in Händen, trat bei der Regierung als Wächter des Staates auf und flößte zugleich der Warschauer Judengemeinde eine heillose Angst ein. Wer den Bildungsgrad der polnischen und der palästinensischen Juden jener Zeit kennt, weiß, daß sie, ohne Zeitungen und ohne jegliche Weltkenntnis, von den politischen Vorgängen keine Ahnung hatten, daß ihnen die Emanzipation der englischen Juden wie ihre eigene vollkommen gleichgültig war und daß nichts ihnen ferner lag, als sich in die diplomatischen Händel zu mischen. Der arme Salomen aus Plonsk wurde ein halbes Jahr in Untersuchungshaft gehalten und unendlichen langen Verhören durch Nowosilzow persönlich unterworfen. Endlich berichtete der Großfürst Constantin Mitte März 1S22 in einem Rapport an den Kaiser, es habe sich herausgestellt, daß gegen den Inhaftierten nichts vorlieg-e. Mit seiner Freilassung wollte er aber noch bis zur Entscheidung Sr. Majestät warten. (Inzwischen starb Salomon im Gefängnis). So verstand der „Judenfreund" Nowosilzow seine Schützlinge bei jeder Gelegenheit in die auswärtige Politik hineinzuziehen. Nach innen zeigte er ein doppeltes Gesicht. Als im Jahre 1807 Alexander I. eine Kommission einsetzte, um über die Ausweisung der Juden aus den Dörfern zu

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