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Ost und West · 1917-09-01 · Heft 9 (September 1917) · p. Seite 399 - 400

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 9 (September 1917)
Article
Friedensziele der Juden
Date
1917-09-01
Page
Seite 399 - 400 (sequence 8)
Language
German
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399 Friedensziele der Juden. 400 Jahren war das Land dem Zarenreich einverleibt, bereits die dritte Generation kannte also den Zaren als. den legitimen Herrscher. Es war nur natürlich, daß die Juden, insofern sie nicht ausgesprochen polnisch orientiert waren, in Napoleon den Landesfeind sahen, den zu bekämpfen ihre Pflicht war. Dazu kam, daß das Oberhaupt der litauischen Chassidim, der sehr einflußreiche R. Schneür Salomen von Lady auf dem Wege mystischer Erkenntnis zu der Ueberzeugung gekommen war, daß Napoleon das gottlose Prinzip vertrat, dessen Sieg dem Judentum zum Unheil gereichen mußte, während der Zar die heilvolle Macht verkörperte, deren Triumph Israel aufrichten würde. Es entstand darüber sogar eine Spaltung zwischen den litauischen und den polnischen Zaddikim, da letztere für Napoleon schwärmten und seine Operationen mit ihren Gebeten unterstützten. Die Kriegshilfe des Zaddik von Lady dagegen beschränkte sich nicht auf das Gebet allein. Er organisierte unter den Juden von Litauen und Weißruthenien einen ausgedehnten und energischen Freiwilligendienst, dessen Mitglieder den russischen Armeen die Lebensmittelzufuhr und Munitionsversorgung erleichterten, ihr mit eigener Lebensgefahr die Wege bahnten, ihre Verwundeten pflegten und einquartierten, dem Feind alle möglichen Hindernisse bereiteten, seine Stellungen auskundschafteten usw. Sie leisteten der russischen Militärverwaltung ganz unschätzbare Dienste, die auch anerkannt wurden, indem der Zar nach der Niederlage Napoleons in einem öffentlichen Schreiben ihre Treue für Kaiser und Reich rühmte und einem ihrer Repräsentanten namens Halpern aus Bialystok einen kostbaren Brillantring verehrte. Die Weissagung des Rabbi von Lady schien in Erfüllung zu gehen. So weit reichte allerdings seine prophetische Sehergabe nicht, um zu ahnen, daß kurz nach dem Wiener Kongreß Alexander I. umkehren, und eine Periode der Bekehrungsversuche einerseits und andererseits der Bedrückungen und Verfolgungen einleiten würde, die unter seinem Nachfolger alles Dagewesene übersteigen und bis zur Thronbesteigung Alexander II. andauern sollte. Der Zar hatte die uneigennützigen aufopfernden Dienste der Juden entgegengenommen und sie öffentlich belobt — damit hatte er sich ein Besitzrecht auch auf alle anderen Juden, namentlich die in Polen, erworben. Wir haben gesehen, wie Nowosilzow dieses Besitzrecht ausübte. Der General Kutusow fand es sogar selbstverständlich, daß die jüdischen Gemeinden verpflichtet waren, ihm '.von Amts wegen Spionagedienste gegen die polnischen „Rebellen" zu leisten. Mit den Polen machte Alexander alsbald seinen Frieden, und die polnischen Generale, die die Napoleonischen Heere gegen Rußland anführten, wurden von ihm nicht nur in Gnaden aufgenommen, sondern mitunter zu Stützen seines Thrones und . Lieblingen seines Hofes. An den Juden allein blieb das Odium des schnöden Undanks und der verräterischen Liebedienerei haften. Und als General Nikolaus Karlowitsch von Schilder die Biographie Alexanders verfaßte, zu einer Zeit, als man in Petersburg bestrebt .war, die Polen vollends zu versöhnen, schrieb er hämisch: „Als die russischen Heere in Polen einmarschierten, begrüßte sie niemand als Befreier. Nur die Juden aller kleinen Städtchen, die -am Wege lagen, kamen heraus, mit bunten Fähnchen, die die Chiffre des Zaren trugen, unter Begleitung von Musikkapellen." Was aber der General von Schilder zu bemerken unterließ, ist, daß sich beim russischen Heer zwei jüdische Heereslieferanten befanden, die den Auftrag hatten, ihren polnischen Glaubensgenossen klar zu machen, daß* der allmächtige Zar aller Reußen und nunmehr auch baldige König von Polen, der Zerschmetterer Napoleons, der Herr über Leben und Tod vieler Millionen dringend wünschte, die Juden sollten seine einmarschierenden Truppen recht herzlich und ostentativ willkommen heißen. Was es bedeutete, einen solchen „Wunsch" nicht zu erfüllen, wußten die Juden nur zu gut. Der Biograph Alexander I. bekräftigte hier abermals nur die von der russischen Historiographie mit Eifer ausgebildete Theorie, daß. die Juden ihrer Natur nach es stets mit dem Stärkeren halten und ihm gerne helfen, den Besiegten zu unterdrücken. Es wäre interessant, zu untersuchen, auf welchen Wiegen diese 'Anschauung in die deutsche Geschichtschreibung übergegangen ist, die doch von der russischen sonst wahrlich nicht viel zu lernen hatte. Kein geringerer als Mommsen hat sie sich zu eigen gemacht und das Wort geprägt die Juden seien ein „national dekompositorisches Element", in den Händen jeder herrschenden Macht stets ein williges Instrument zur Vernichtung der unterworfenen Nationalitäten. Diese These war eine der stärksten Waffen in den Händen des Antisemitismus Ende der siebziger Jahre gegen die deutschen Juden. Mommsen gab sich später alle Mühe, die Wirkung dieses Wortes abzuschwächen.

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