Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 9 (September 1917)
- Article
- Friedensziele der Juden
- Date
- 1917-09-01
- Page
- Seite 391 - 392 (sequence 4)
- Language
- German
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391 Friedensziele der Juden. 392 Czartoryski vorgestellten jüdischen Mathematiker und Mechaniker Abraham Stern leutselig empfangen und ausgezeichnet hatte.- Nowosilzow verschaffte ihnen Audienzen bei Alexander und seinem Bruder Constantin, verfaßte für sie Bittgesuche in französischer Sprache, von deren Inhalt sie, des Französischen unkundig, nur eine sehr vage Vorstellung hatten und die allerlei Beschwerden und Anklagen gegen die Landesregierung enthielten und in der Versicherung gipfelten, daß die jüdische Bevölkerung Polens in dem Zaren und seinen Petersburger Ministern ihre alleinigen Schutzherren gegen jegliche Bedrückung' erblickte. Paß diese Bittgesuche in Bezug auf die darin enthaltenen konkreten Wünsche gar keinen oder nur einen geringen Erfolg hatten, erklärte Nowosilzow den Juden damit, daß die Landesregierung deren Wjrkung hintertrieb. Sobald ihnen ein Schein von Glück lächelte, nahm er das Verdienst für sich und die Petersburger Gunst in Anspruch und — forderte dafür reichlichen klingenden Dank ein. Gleichzeitig sorgte er dafür, daß diese Bittschriften den polnischen Kreisen bekannt wurden und ihnen bewiesen, was für Gesinnungen die Juden ihnen gegenüber hegten. In Petersburg aber hatte man den Beweis in Händen, daß in Polen ein beträchtliches Element vorhanden war, welches den polnischen Regenten gegenüber von Mißtrauen erfüllt war und sich nach direktem Petersburger Schutz sehnte, den Polen hingegen wurde der Glaube beigebracht, daß sie allen Grund hatten, vor den Juden auf der Hut zu sein. So wurde Zwietracht und verbitterter Argwohn zwischen den Bewohnern des Landes gesät, und das sollte dem russischen Gewalthaber in gegebener Stunde zu Gute kommen, als es galt, dem Rest der Selbständigkeit des Landes ein Ende zu machen. Divide et impera! Im Auftrage des Zaren arbeitete Nowosilzow ein Projekt über die Regelung der Judenfrage in Polen aus. Hier hatte er Gelegenheit, seine ganze warme Freundschaft für dieses unterdrückte Volk an den Tag zu legen. Sein Plan ging dahin, den Juden eine Sonderorganisation zu geben, die ihnen eine eigene Stellung im Lande allen anderen Bewohnern gegenüber sichern und sie als eigene Korporation von niemanden anders als direkt von Petersburg abhängig machen sollte. In jeder Kreisstadt sollte eine „Judendirektion" geschaffen werden, alle zusammen sollten einem „Obersten Judenrat", mit dem Sitz in Warschau, unterstehen. Diese Behörden, deren Hauptfunktionäre, Rabbiner wie Laien, vom Kultusministerium ernannt wurden, sollten alle religiösen, sozialen und politischen Angelegenheiten der Juden nach innen wie nach außen unter ihrer Hand haben. Vor allem war Nowosilzow um die Zukunft der jüdischen Religion besorgt und bestimmte, daß jeder Jude, der den Vorschriften seiner Religion zuwider handelte, durch die „Judendirektion" zur gerichtlichen Verantwortung gezogen werden konnte, denn, wie er sich ausdrückte, der Staat müsse darüber wachen, daß die Juden die Grundsätze ihrer Religion nicht verletzen. Sogar die Karaiten wollte Nowosilzöiw der Kompetenz dieser jüdischen Behörden unterwerfen. Dieses Vorhaben widersprach, wie der ganze Plan, dem Geist des Judentums und den vitalsten Interessen der Juden auf das schroffste und war im Grunde nur eine Kopie des Projektes des Senators Popow von 1809, welches den Juden in Litauen, Weißruthenien und der Ukraine galt. Dieses Projekt wiederum war an sich nur ein Abklatsch der berüchtigten „Judendirektion", mit der die Regierung Maria Theresias, kurz nach der ersten Teilung Polens, die galizischen Juden zu beglücken gedachte. Die „Judendirektion" Maria Theresias trat wirklich ins Leben, fand heftigen Widerstand bei der jüdischen Bevölkerung und löste sich nach kurzem Bestand unter schweren Kämpfen wieder auf. Das Projekt Nowosilzows ist nicht einmal zur Ausführung gekommen, aber schon, daß er die Karaiten den Juden unterwerfen wollte, mußte ihn;als warmen Judenfreund empfehlen, obwohl die Juden von Religionswegen gezwungen waren, solche Oberhoheit entschieden abzulehnen. Das hinderte den Senator nicht, die Forderung der Karaiten in Troki, die Juden aus dieser Stadt auszuweisen, im Senat energisch zu unterstützen und im Jahre 1834 ins Werk zu setzen. Die Heranziehung der Juden zum Militärdienst bildete seit langem einen Gegenstand der Erwägung in Petersburg. Nikolaus I. beschloß gleich nach seiner Thronbesteigung, sie durchzuführen. Es ist bekannt, daß die Militärpflicht unter diesem Zaren für die Juden zu dem schrecklichsten der Schrecken geworden ist und nur mit den ärgsten mittelalterlichen Greueln verglichen werden konnte (siehe „Ost und West" 1916, Heft 2/3). Der Zar unterbreitete den Plan dem Großfürsten Constantin, als dem Oberbefehlshaber der Armeen in Polen und Litauen, und dieser forderte von Nowosilzow ein Gutachten ein, Nowosilzow "ließ die Juden in Litauen (Polen war vorläufig von dem Plan ausgeschlossen) wissen, daß er gegen ein Geschenk von 60 000 Rubeln sich unterziehen