Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1917)
- Article
- Zur Psychologie der jüdischen Mystik
- Date
- 1917-07-01
- Page
- Seite 279 - 280 (sequence 3)
- Language
- German
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279 Zur Psychologie der jüdischen Mystik. 280 Im weiteren Verlaufe der nachbiblischen Theologie arbeitet der Midrasch, der sich in der Gemara eines weiten Gebietes bemächtigt hat, auf dem Gebiete der mystischen Phantasieschöpfungen fort, indem er sowohl eigene wie fremde Mythen und Weltansichten neben einander stellt und noch immer die Kritik erwartet, die den ganzen Schatz seiner Phantasieschöpfungen in diese zwei Rubriken scheidet. Die Methode der midraschischen Phantasieschöpfungen ist die, welche die Mystik im allgemeinen beobachtet; sie leiht sich Bestandteile der sinnlichen Wirklichkeit und kombiniert sie zu einer übersinnlichen Welt; darum ist diese der Reflex jener; darum zeigt in ihr der Himmel so große Aehnlichkeit mit der Erde, daß sich in ihm sogar Lehrschulen befinden, ganz nach der Beschaffenheit und mit der Bestimmung der Lehrschuren auf Erden (Gittin 68, Baba mezia 59, 86). Zu dem Objekte seiner Tätigkeit auf dem Gebiete der mystischen Phantasieschöpfungen wählt der Midrasch die Begriffe von Gott, Engel, Welt, Seele, Freiheit und Fatum, und ist in ihrer Behandlungsweise teils didaktisch, teils dramatisch. Seine Schilderungen liefert er bald in der umgeänderten Gestalt, in der er sie von der heidnischen Mystik erhielt, bald mehr in ein jüdisches Gewand gekleidet, sodaß die Aehnlichkeit mit ihren Orginalen verwischt erscheint. Die Grundlage dieser fremden mystischen Theologie innerhalb des Judentums bildet der Glaube, daß der menschliche Geist die innere Oekonomie Gottes erfassen und wissen könne, ein Glaube, den das Judentum während des prophetischen Zeitalters streng zurückwies. Aus der heidnischen Mystik nahm der Midrasch demnach alle jene Schilderungen, die das innere Wesen Gottes, dessen Gestalt, Größe, Immanenz, Beschäftigung und Meinungen beschreiben, und er erlaubt sich dabei die kühnsten Metaphern (Aboda Sara 3, Berachoth 7. 59, Synhedrin 95, Chagiga 5. 15), doch stellt er sie nicht als Glaubenssätze, sondern mehr als poetische Phantasiebilder hin. Neben der Beschreibung von Gott befindet sich die von Engeln und Dämonen, deren Beschäftigungen, Entstehungs- und Fortpflanzungsweise genau angegeben wird, gerade wie bei den heidnischen Mythenerzählern. (Chagiga 12—16). Ganz nach Analogie der mystisch-pantheistischen Auffassung wird einem jeden Wesen in der sichtbaren Welt ein Engel übergeordnet (Pesachim 118), einem jeden Menschen ein „Masol" zugedacht (Chagiga 16), und <die himmlische Familie so beschrieben, wie die persische Mystik sie darstellte (Pesikta rabba p. 35). Die midraschischen Ansichten über das Wesen und die Struktur der Welt sind ebenfalls eine exotische Pflanze. Es wird erzählt, wie über der auf Säulen ruhenden Erde ein siebenfacher Himmel sich erhebt, in dem auf einem Altar Michael opfert, und das Höhenmaß von der Erde bis zum Gottesthron genau angegeben (Chagiga 13). Die prognostische Beobachtung, daß die Erde vor ihrer gegenwärtigen Gestalt mehrere Evolutionen und Revolutionen erlitt, war in der Hypothese dargestellt, daß Gott vor dieser Weltschöpfung mehrere Welten schuf und sie wieder zerstörte, bis ihm endlich diese Welt gefiel (Bereschith rab. 3). Die Menschheit ist in Völker eingeteilt, von denen jedes Volk einem dem Höchsten untergeordneten Engel hat, nur Israel steht unter der unmittelbaren Leitung Gottes (Sabb. 156). Die menschliche Seele hat eine Präexistenz seit der Weltschöpfung und weiß in diesem Zustande alle Geheimnisse der Weisheit, vergißt sie aber mit ihrem Eintritt ins Dasein wieder, weil ihr Genius dem Kinde auf den Mund schlägt (Nidda 30, Chagiga 5, Er. Plato de leg. 1,10, p. 621). Das jenseitige Leben der Seele wird mit der größten Ausführlichkeit geschildert, ihr einstiger Aufenthaltsort ist mit allen Vorzügen und Genüssen für den Frommen, mit allen möglichen Qualen und Mängeln für den Sünder, wie sie das Diesseits darbietet, versehen, sodaß dort sogar die midraschische Gelehrsamkeit dieses Lebens wird fortgesetzt werden (Synhedr. 92). Neben der vollkommensten Willensfreiheit wird die Möglichkeit eines heidnischen Fatums angenommen, sodaß Weisheit und Reichtum durch den Glücksstern bedingt sind (Sabb. 156), und daß Gott bei der Weltschöpfung sogar die Taten der Frommen und der Sünder voraussah. (Bereschith rabba 3.) Die vom Heidentum aufgenommenen theosophischen und kosmologischen Ansichten und mystischen Phantasieschöpfungen zogen sehr oft aus der Theorie in die Praxis und machten im religiösen und asketischen Leben sich geltend. Die anthropomorphistische Vorstellung von den Engeln fordert für das Gebet nur die hebräische Sprache (Sabb. 12). Die mystische Vorstellung von den Dämonen machte notwendig, daß von dem Wasser das obere abgeschüttet werde, ehe es getrunken wird (Chulin 105). Im Schlafe ruhe ein böser Geist auf den Händen; daher wurde eine Vorschrift eingeführt, des Morgens unmittelbar nach dem Erwachen die Hände zu waschen, ebenso nach der Verrichtung eines Bedürfnisses (Sabb. 109, Gittin 70). Die nächtliche Befleckung wurde ebenso wie im Mystizismus des Magiertums als ganz be^ sonders verunreinigend betrachtet, weil ein böser Dämon dahinter gedacht wurde. Wer dadurch verunreinigt, sollte sich nicht bloß von Opfer und Tempel, sondern auch vom Lesen in der heiligen Schrift fernhalten, bis eine Reinigung durch Wasser erfolgt sei. (Berachoth 22.) Ueberhaupt ist es charakteristisch, wie gerade die babylonischen Amoräer für dergleichen mystisch superstitiöse Ideen empfänglich sind. Es läßt sich