Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1917)
- Article
- Zur Psychologie der jüdischen Mystik
- Date
- 1917-07-01
- Page
- Seite 281 - 282 (sequence 4)
- Language
- German
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281 Zur Psycho'ogie der jüdischen Mystik. 2S2 das vielleicht dadurch erklären, daß, seitdem das Verhältnis zwischen Juden und Neupersern sich freundlicher gestaltete, zwischen Magiern und jüdischen Gelehrten ein reger Verkehr sich nach und nach einstellte. Man fing um diese Zeit an, alles, was ein früherer Lehrer gelegentlich einmal ausgesprochen, insofern es nur einen mystischen Anstrich hatte, in ein vollständig mysteriöses Gewand zu hüllen und ganz ernstlich zur Norm zu erheben. So lautet z. B. eine Stelle: „Der Mensch öffne niemals seinen Mund zu Bösem." Das kann ursprünglich die einfache Bedeutung gehabt haben, daß es in der Natur der meisten Menschen liegt, durch Erwähnung unangenehmer Dinge mißgestimmt, wo nicht gar betrübt zu werden, was schon an und für sich schadet. Später verband man damit die Vorstellung, daß das Aussprechen eines unangenehmen, besonders die Zukunft des menschlichen Geschickes betreffenden Wertes, eine gewisse mysteriöse Macht habe, .zu schaden. Diese Anschauung ist bis auf unsere Zeit auf jüdische Reden nicht ohne Einfluß geblieben. Es wird noch jetzt in jüdischen 'Kreisen vermieden, von Eventualitäten der Zukunft in ungünstigem Sinn zu sprechen. Man wird nicht leicht von einem eventuellen Erkranklingsfall sprechen, ohne hinzuzufügen: „was Ooit Jbehüten .möge." Eine andere in der amoräischen Zeil herrschende mystische Vorstellung ist die des „bösen Auges". Bei den Völkern des Alierlums, wie noch heutigen Tages allenthalben, ist die Furcht verbreitet vor dein schädlichen Einfluß des „bösen Blickes". Man glaubte und glaubt noch, daß Neid und Mißgunst übci" das wirkliche oder vermeintliche Glück eines andern imstande wäre, einen nachteiligen Einfluß auf die Person oder den Gegenstand auszuüben, gegen die sie gerichtet sind, und daß ganz ganz besonders die Augen das Organ wären, durch das diese Wirkungen ausgeübt würden. Man versuchte, sich diesen Zauber, den Aufgeklärte leugneten, auch wissenschaftlich zu erklären. So wie Geruch, Stimme. Atem auf die Empfindungen dessen wirken, mit dem sie in Berührung kämen, in noch höherem Maße gelte dieses von dem Blick, wie sich das bei der Liebe zeige. Auf den Einwand, das könne nur von dem Körper, nicht von der Seele behauptet werden, wird dann erwidert: der Einfluß der Seele bedinge den Zustand des Körpers, und der Neid disponiere diesen so, daß die Blicke gleichsam vergiftet würden, worauf dann noch die Analogie von Krankheiten, die ohne Berührung ansiecken, und von der Liebe, die durch Blicke erregt werde, angeführt wird. 'Modifiziert war allerdings die Vorstellung, daß bei manchen Menschen der "Blick die Wirkung eines schädlichen Zaubers ohne ihr Zutun und wider ihren Willen ausübe, so daß sogar Mütter ihre eigenen Kinder den Blicken des eigenen Vaters nicht auszusetzen wagten. Man erkannte auch hier den Neid als die wirkende Grundursache, der eine Gewohnheit erzeuge, durch die endlich wie von selbst und unwillkürlich der Zauber hervorgebracht werde. Während nun der Ausdruck „des bösen Auges" in derMischna lediglich die Bedeutung von Neid und Mißgunst in dem Sinne hat, daß der Neidische durch Hinterlist oder Gewalt schaden kann, erhält dieser Begriff später zur Zeit der Amoräer einen mystischen Charakter. „Der böse Blick" erhält dann eine magische Gewalt, der durch e:ne geheimnisvolle übernatürliche Macht Schaden anrichtet. Als einst ein Talmudlehrer einen Friedhof überblickte, sagte er: „Neunundneunzig von den hier Ruhenden sind durch das böse Auge gestorben." Eine andere in der amoräischen Zeit herrschende mystische Vorstellung ist die über das Wesen des Traumes. Auch hier scheint der persische Mystizismus auf die babylonischen Amoräer von Einfluß gewesen zu sein, was um so erklärlicher ist, als ja auch die Bibel mitunter prophetischer Träume F>wähnung tut, während dagegen die Mischnalehrer sich davon nicht beirren ließen, die prophetischen Träume in ein ganz anderes Gebiet seizten und die Träume im allgemeinen für nichtig erklärten. JTrotz dieser vielen heidnisch-mystischen Elemente, die das Judentum aufnahm und seinem "Organismus assimilierte, gewann sein religiöser Separatismus immer mehr an intensiver Kraft und bildete sich immer stärker das geistige Land, das die zerstreuten Glieder des Judentums als eine unsichtbare Einheit umschlang und sie vor der Vermischung mit den Heiden bewahrte. Das jüdische Volk hatte von jeher zwei scheinbar einander widersprechende, in Wahrheit aber leicht ihre Erklärung findende Eigenschaften an den Tag gelegt. Auf der einen Seite die hartnäckigste Abwehr alles Fremdartigen, insofern der reine Monotheismus gefährdet schien, auf der anderen Seite die Geneigtheit, neuen Ideen sich anzuschließen, wenn dieselben sich mit den Grundanschauungen des Judentums verschmelzen ließen.