Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1917)
- Article
- Zur Psychologie der jüdischen Mystik
- Date
- 1917-07-01
- Page
- Seite 277 - 278 (sequence 2)
- Language
- German
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277 Zur Psychologie der jüdischen -Mystik. 278 System infolge neuer Anschauungen unhaltbar, entsteht gleich darauf ein anderes. Kant beweist die Unzulänglichkeit der menschlichen Vernunft, die drei Probleme zu lösen; seine Nachfolger geben nichtsdestoweniger in neuen Systemen eine Lösung. Aber diese neuen Systeme 'beherrschen nicht lange den Gedankenkreis; die Anschauungen erweitern sich, -die Systeme stürzen zusammen, es müssen neue an deren Stelle treten. Nichts überwältigt daher so leicht, wie das Geheimnisvolle, darum ist auch nichts so ansteckend wie der Mystizismus. Die sich wie auf Kommando wiederholenden Geistererscheinungen, die Furcht vor Gespenstern, in unserer Zeit der Spiritismus, was sind sie anders als eine Epidemie, die die Köpfe der erlösungsbedürftigen Menschen erfaßt, die sich nachs Erlösung ringend in einen Taumel stürzen, wo die Vernunft gebändigt liegt, die Phantasie zügellos ihr Spiel treibt und Halluzinationen erzeugt. Die Vernunft bedarf der strengen Zucht einer steten Uebung, um nie zu lerliegen, und gerade die Zucht und Uebung fehlt der großen Menge gänzlich. Nach dem Ungewöhnlichen, dem Geheimnisvollen, hascht sie wie das Kind nach verbotenen Früchten^ Die Welt der Wirklichkeit und der Erfahrungen, so trocken, so dürr, so alltäglich, kann nie den Zauber hervorbringen, den die Sehnsucht nach Höherem, nach Besserern und Glückseligem in das Uebernatürliche verlegt; die Welt der Erfahrungen, mechanisch durch das Gesetz von Ursache und Wirkung festgestellt, kennt kein Wunderbares, keine Wirkung ohne Ursache. Dieses Geseiz zeigt die Grenze der menschlichen Macht. Der Mensch will aber mehr vermögen, er will alles vermögen, und er wirft sich dem Geheimnisvollen in die Arme, das ihm diese Wirkung verheißt. Je unklarer '"das Land von Ursache und Wirkung, von Grund und Folge, desto größeres Verlangen wird ihn danach beherrschen: das ist ihm cTie höhere Offenbarung, die übernatürliche Welt. Er fragt gar nicht, ob die Theorie widerspruchslos, ob das System logisch möglich sei, er will nur die Wirkung. Der Mystizismus hat noch immer die meisten Anhänger gefunden in jeder Religion, ohne Unterschied. Kann man nun von einer solchen Mystik auch innerhalb des Judentums zur Zeit der biblischen Theologie sprechen? Durchaus nicht. Es liegt das schon im Kern der religiösen Lehre des Mosaismus, der nicht nur von allem Aberglauben, aller •Schwärmerei und Ueberschwänglichkeit des Gefühls frei, sondern deren größter Feind war. Es gibt nur einen Gott. In diesem einen Wort konzentrierte sich die philosophische Kenntnis im Zeitalter der Propheten; und um diesen Glauben zu verbreiten, eiferten die Propheten in ihren Reden und-richteten demnach all ihr Tun und Lassen, während sie den Glauben, daß der Menschengeist das innere Wesen und die Oekonomie Gottes erfassen könne, streng zurückwiesen. Erst mit der Vernichtung des jüdischen Reiches änderte sich die Sachlage. Ihre verlorene materielle Macht ersetzten sie durch eine geistige, die sie aus dem Monotheismus schöpften, zu dessen eifrigsten Anhängern sie nun wurden. Dieser Monotheismus wurde zum Kardinalpunkt des Glaubens. Nur die Frage, worin und woraus besteht Gottes Wesen, dessen Intelligenz und Allmacht, der Welt Kräfte und Elemente, des Menschen Seele und Körper, und welcher Zusammenhang besteht zwischen Gott, Welt und Mensch? — Diese Frage war in den Schleier des tiefsten Geheimnisses gehüllt. Des Rätsels Lösung wurde nun in eingeweihten Gelehrtenkreisen angestrebt. Die \v orte der Propheten wurden durchforscht, und je dunkler deren Inhalt war, desto mehr eigneten sie sich zu Orakelsprüchen, und so entstand ein Mystizismus bei den Hebräern. Dieser Mystizismus ward auch von anderer Seite begünstigt. Während der babylonischen Gefangenschaft kamen die Hebräer mit chaldäischen Weisen in Berührung, und es entstand zwischen beiden ein wahrhaft befruchtender Ideenaustausch. Die Chaldäer lernten den Monotheismus kennen, und die Hebräer wurden in den Mystizismus der Chaldäer eingeweiht. Allerdings, die Grundüberzeugung von der Gottheit als einem einzigen geistigen, vollkommenen Wesen war im Herzen der Judäer so fest eingewurzelt, daß keine andere mystische Vorstellung irgend welchen Einfluß darauf-üben konnte. Allein dies hinderte nicht, daß fremde mystische Anschauungen und Gebräuche unbewußt ins Judentum aufgenommen wurden. So sog der Mystizismus die Milch' zu seiher Erhaltung und gedieh dabei ganz vortrefflich. Das erste Produkt aus diesem Gebiete, das in unsere Hände gelangte, ist das Buch Daniel. Hier fand schon der Mystizismus seine Nahrung in der Aufnahme der Engel, die mit ihren Namen charakterisiert sind. Die Boten Gottes", die im biblischen Schrifttum1 als Sendlinge bezeichnet werden, — womit aber auch Menschen, besonders Propheten, bezeichnet werden — wurden auf einmal in himmlische Wesen mit eigenem Charakter und ausgeprägter Persönlichkeit umgewandelt. Man dachte sich GottesThron von einer unzähligen Schar solcher Engel umgeben. Die Engel erhalten auch eigene Namen: „Gabriel", der Starke, „Raphael", der Krankheit Heilende, „Michael", der himmlische Fürst des Volkes Israel, beauftragt, es zu beschützen. Ein Satan wurde geschaffen, dem eine große Schar böser Geister, Dämonen, beigegeben wurde. Auch der Todesengel mit seinen tausend Augen gehört in das Gebiet dieses frischen Mystizismus während der nachbiblischen Theologie.