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Ost und West · 1917-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1917) · p. Seite 273 - 274

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1917)
Article
Das Vierte
Date
1917-07-01
Page
Seite 273 - 274 (sequence 4)
Language
German
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Das Vierte. 274 gewaltig," bemerkte der andere vergnügt, legte die Feder beiseite, zündete sieb eine Zigarette an und blies die Rauchwolken in die Luft. „Weißt du, Glasmann, gestern habe ich mich ihr erklärt. Sie hat eingewilligt. Vielleicht leiern wir noch diese "Woche die Verlobung." „Was? Wie?" Diese Woche verlobe ich mich mit ihr. Glasmann, lieber Freund, kannst du dir einen glücklicheren Menschen vorstellen, als mich? Nach einigen Monaten machen wir Hochzeit." „Hochzeit?" „Jawohl" „Was? Hochzeit?" „Was hast du nur heute, Glasmann? Sprichst, und hörst nicht zu. Na, du scheinst in Gedanken vertieft. Träume nur weiter, ich gehe." „Hochzeit. . . Hochzeit . . ." murmelte Jonas vor sich hin. „Kinder . . . arbeiten und schuften .... Mira! nein!" Er stand auf und fing an, mit breiten Schritten im Zimmer auf und abzugehen. „Nein!" beschloss er bei sich. „Ich darf und will die Sache nicht länger hinausschieben. Wenn, es mich allein anginge, wäre es eine Kleinigkeit, aber sie . .. meine Mira .... Man kann sie ja kaum wiedererkennen .. Das ganze Leben vergeht ihr mit Gebären und Stillen . . . und der Pflege der Kinder . . . Ich muß die Kleine weggeben. Mein Brüder bittet mich schon seit einem Jahr, ihm unsere Perele hinzuschicken. Auch seine Frau flehte mich förmlich an . . . „Ein Glückspilz, dieser mein Bruder", spann Jonas seine Gedanken weiter. „Zehn Jahre verheiratet und kein Kind. Darum verfließt auch sein Leben ganz anders als das meinige. Der lebt wie ein Fürst. In seinem Hause herrscht Reinlichkeit und Ordnung, seine Frau wird mit jeden Tag gesunder und schöner ... Wie kann sich seine Frau mit der meinen vergleichen? Aber Glück muß der Mensch haben... Kurz und gut, ich schicke das Kind hin ... Ob es dem Kind dort gut gehen wird? Welche Frage! . . . Freilich, die Mutter wird sich sehnen ... o, wie wird sie sich sehnen! "Aber ihr eigenes Wohl erfordert das . . . Es bleiben ihr noch daheim zwei, die ihr genug zu schaffen machen . . Heute noch wird die Kleine zur Abreise ausgerüstet. . . Und von nun ab . . . genug damit!" Als Jonas am Abend nach Hause kam, war das Haus säuberlich aufgeräumt, das Hausgerät war blank geputzt, wie am Vorabend des Sabbat. Mira hatte sich alle Mühe gegeben, sie wollte ihren Mann wenigstens auf diese AVeise trösten, für den Kummer, den sie ihm heute mit der Nachricht bereitet hatte. Sie war überzeugt, daß sie allein an allem Schuld trug. Sogar die Kinder fühlten, daß etwas Ungewöhnliches vorging und saßen mäuschenstill da, als erwarteten sie etwas. Als der Mann die Schwelle übertrat, war er so aufgeregt und verwirrt, daß er von dem festlichen Aufputz des Zimmers nichts merkte. „Mira", fing er sofort an. „Ich schreibe heule noch an meinen Bruder, daß er unsere Perele zu sich nimmt.... Wir müssen endlich seine Bitte erfüllen . . wir müssen ... Du verstehst mich wohl .'. . Bereite alles zur Abreise vor." Mira fühlte, daß in ihrem Herzen sich etwas losriß. Die Tränen würgten sie. Aber sie bemeisterte ihre Erregung. Sie fühlte sich so sehr schuldig, daß sie kein Recht zu haben glaubte, in dieser Sache eine eigene Meinung zu äußern. „Was denkst du darüber, Mira?" „Tu, wie dir dein Verstand diktiert", antwortete sie resigniert. „Wenn du es sagst, muß es gewiß so sein." „Ob es muß! Natürlich muß es. Das wirst du doch selber einsehen." Schweigen. „Vielleicht schielten wir ihnen ein anderes Kind?" „Was liegt daran? Alle sind ja unsere Kinder". „Du hast recht. Was liegt daran? Denke dir nur, wie die sich freuen werden, wenn sie meinen Brief erhalten." Als einige Tage darauf die Dienstfrau des Bruders, ausgerüstet mit einer Menge von Decken und Kißen hinkam, um das kleine Perele abzuholen, weinte die Mutter beim Abschiednehmen nicht und jammerte nicht über ihr schweres Los. Sie umarmte und küsste nur das Kind unzählige Male, so daß Jonas sie beschwichtigen mußte. „Na, höre schon auf, sie reist ja nicht nach Amerika." Dagegen ermahnte er die Frau eindringlich, aui das Mädchen acht zu haben und schärfte ihr ein; „Hier, unter der Decke, steht der Krug mit Milch, und cla liegt das Weißbrot..." Schweigend kehrte Mira nach Hause zurück und Jonas ging, ohne ein Wort zu sagen, in sein Kontor. Zwei Wochen waren vorüber. Mit jedem Tag fühlte Jonas immer mehr, daß sich im Hause etwas verändert hatte, die Atmosphäre war wie mit einer stillen Traurigkeit angefüllt. Die Kinder spielten nicht mehr wie früher. Es hatte den Anschein, als täten sie alles mechanisch, ohne rechte Lust. Doch er verbannte alle diese Betrachtungen und bemühte sich, heiter zu sein. Aber mit jedem Tag nahm seine Sehnsucht zu. Die Stimme des Kindes fehlte ihm, es fehlte ihm jener sonderbare Genuß, den er empfand, wenn Perele in ihrer Kindersprache mit ihm redete und ihm Geschichten erzählte. Sein Herz krampfte sich jedesmal zusammen, wenn die andern Kinder beim Spielen ihren Namen erwähnten. Oftmals wollte er vor seiner Frau sein Herz ausschütten und ihr gestehen, wie sehr er sich nach dem Kinde sehnte, wie verödet das Haus ohne Perele ihm erschien und wie schön es wäre, die Kinder beisammen zu haben. Aber jedesmal überwand er sich.

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