Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1917)
- Article
- Das Vierte
- Date
- 1917-07-01
- Page
- Seite 271 - 272 (sequence 3)
- Language
- German
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271 Das Vierte. 272 werden, da der Arzt dies unbedingt forderte. Aehnlich erging es ihnen mit der anderen; darum ertrugen sie alle Launen und Unarten der dritten, die endlich vom Arzt für tadellos erklärt worden war. Diese wußte ihren Wert zu schätzen und stellte große Anforderungen. Jonas in eigener Person mußte sie bedienen. Oft stand er in der Nacht auf, um ihr die warme Milch zu reichen, und entschuldigte sich demütig, wenn ihr das Getränk nicht sonderlich mundete. Sie verlangte die besten Speisen. Oftmals mußte man ihr Wein zu trinken geben. Als sie vor drei Jahren das Kind der reichen Frau Gurewitsch stillte, kam ja kein Tropfen Wasser in ihren Mund, sie trank nichts anderes, als Milch, Wein und Bier. Man durfte ihr nichts abschlagen. Sonst drohte sie mit dem Weggang. Sollte man anfangen, eine neue zu suchen? .... Um das Uebel voll zu machen, wurde Mira ernstlich krank. Die Krankheit versetzte den Gatten in die größte Besorgnis, überdies riß sie ein großes Loch in das Kapitälchen, das auf der Bank lag. In diesen bösen Zeiten gedachten Mira und Jonas ihres einmal gefaßten Entschlusses und nahmen sich fest vor, ihn auszuführen. Wenn das Kind entwöhnt und die Amme, aus dem Hause ist, dann würde es auch möglich sein, etwas zu ersparen. Vorläufig konnte davon natürlich nicht die Rede sein. Das zweite Kind brachte eine bedeutende Veränderung in ihre ganze Lebenshaltung. Die peinliche Sauberkeit der kleinen Wohnung verflüchtigte sich immer mebr. Die hübsche Büchersammlung, die Jonas sich noch als Junggeselle angelegt hatte, der Stolz und der Schmuck seiner Häuslichkeit, geriet in Verfall. Die Glastüre des Schrankes war zerbrochen, die Bücher lagen unordentlich herum, die Einbände waren befleckt und zerrissen. Das Nette und Spiegelnde der ganzen Umgebung, das früher die Freude des Mannes ausmachte, verschwand. Oft, wenn Jonas vom Bureau nach Hause kam, fand er das Zimmer noch nicht aufgeräumt und ausgefegt, der Besen lag mitten auf der Diele und es dauerte noch eine Stunde, bis das Essen fertig war. Dann ließ das Tischtuch an Sauberkeit zu wünschen übrig, das Essen war verbrannt. Die Frau war nie ordentlich gekleidet, vernachlässigte auch sonst ihr Aeußeres nur zu häufig. Auch seine eigene Person erschien immer mehr verwahrlost. Die Bürste suchte seine Kleidung fast nur einmal in der Woche heim, am Freitag vor Abend, wenn der Sabbat herannahte. Manchmal konnte ein aufmerksamer Beobachter sogar ein FedercheD in seinen Haaren finden. Man durfte ihm das nicht übel nehmen. Er hatte gar keine Zeit, auf seinen äußeren Menschen Sorgfalt zu verwenden. In letzter Zeit nahm er sich reichliche Arbeit nach Hause, um weitere zehn Rubel im Monat zu verdienen. Jede Stunde war besetzt. Einmal machte Jonas Glasmann seiner Frau einen Vorwurf wegen der Unordnung, die in der AVohnung herrschte, darüber, daß das Essen nie zur Zeit fertig war und er dadurch verspätet ins Kontor kam. Bald aber bedachte er, daß sie leidend war, die Launen der Amme auszustehen und die Kinder zu betreuen hatte, und es gereute ihn., seiner Frau eine bittere Stunde bereitet zu haben. Er bat sie herzlich und demütig um Verzeihung. „Ich grolle dir gar nicht", antwortete Mira. „So? Wirklich? Dann mußt du auf der Stelle lächeln". „Wenn du mich anschreist, bin ich nicht böse, nur das Herz tut mir weh". „Siehst du, du zürnst mir doch. AVenn ich die Unwahrheit spreche, so straf mich Lügen, indem du auf der Stelle lachst." „Ich kann nicht auf Kommando lachen." „Nun, ich befehle, daß du lachst*, drängt Jonas, und die Frau fängt an, über sein Ungestüm zu lachen, wofür sie mit einer Batterie glühender Küsse belohnt wird. Als das zweite Töchterchen ankam, war der Gatte unangenehm überrascht. Aber der Anblick des Kindes stimmte ihn weich und gleich empfand er eine grenzenlose AVonne. „Mira, sieh doch mal her, betrachte nur dieses Gesichtchen ganz genau. Siehst du diese kleine gemeißelte Nase? Ganz die deinige. Ueberhaupt sieht das Kind aus, wie dir aus dem Gesicht geschnitten." Die glückliche Mutter blickte auf und betrachtete den Mann mit Augen voller Dank und Freude. Jetzt kam die Ammenfrage abermals aufs Tapet. Die Ausgaben steigerten sich, im Hause wuchs die Unordnung, das Ehepaar hatte keine Minute Ruhe. Der Gatte gewöhnte sich allmählich, an dem Joch der häuslichen Arbeit mitzuziehen. Jeden Morgen war er es, der die Kinder wusch und anzog und ihnen das Frühstück reichte. AVenn eines in der Nacht erwachte und zu schreien anfing, beeilte er sich, es einzuschläfern, damit die vielgeplagte Mutter nicht gestört wurde, „Jetzt aber ist es genug" . . . beschloß das Ehepaar. „Drei Kinder, das ist nicht zu viel. Die Amme werden wir bald loswerden, die Kinder werden größer dann nimmt der Haushalt wieder geregelte Formen an. Aeltere Kinder machen viel weniger Scherereien, als dieses Kleinzeug. Die Ausgaben sind geringer. Man braucht nicht um jede Kopeke zu bangen." * * * „AVas bist du heute so geistesabwesend, Jonas?" fragte ihn sein Nachbar im Bureau, als er sich an den Schreibtisch gesetzt hatte. „He? AA^ie? . . . Nichts . . . nichts ... ich bin nur sehr müde," erwiederte der Angeredete. Er versuchte einige Male, die Feder in die Hand zu nehmen, ließ sie aber jedesmal sinken „Ich habe heute keine Lust zum Arbeiten, ich fühle mich merkwürdig schwach," „AVenn du glaubst, daß ich Lust habe, irrst du