Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1917)
- Article
- Das Vierte
- Date
- 1917-07-01
- Page
- Seite 275 - 276 (sequence 5)
- Language
- German
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275 Zur Psychologie der jüdischen Mystik. 276 Im Gegenteil, er sprach davon, wie gut es das Kind bei dem Onkel und der Tante hatte, wie sie über das Mädchen wachten und ihm jeden Wunsch von den Augen ablasen. Aber schließlich war es mit der Ueberwindung zu Ende. Eines Morgens, nach schlafloser Nacht, trat Jonas vor seine Frau hin und sagte kurz angebunden: „Mira, ich muß heute verreisen. Morgen komm ich wieder." „Wohin?", fragt die Frau überrascht. „Zu meinem Bruder . . . Perele abholen. Ich halte das nicht länger aus. Von jetzt ab werden wir alle beisammen sein .... Nie, nie mehr tue ich das . . . „Perele, ach! . . . Du Lieber, du Bester!" schrie Mira auf in plötzlich aufwallender Freude. Als sie ruhiger ward, brach sie in Tränen aus und konnte lange nicht aufhören zu weinen. * * Als Perele wiederkam konnten Vater und Mutter sich nicht sattsehen an ihr. Dieselbe Dienstfrau, die sie abgeholt, brachte sie wieder heim; sie erzählte: „Am ersten Tag nahm das Kind all das Spielzeug dankbar entgegen, das der Onkel und die Tante ihm schenkten. Aber schon tags daraui wurde Perele traurig, und ihre Trauer wuchs mit jedem Tag. Was man ihr auch geben mochte, sie wollte nicht munter werden. Keinen Wunsch versagte man ihr, aber es half nichts." „Das ist es, was ein Mutterheim bedeutet", fügte die einfache Frau hinzu. „Eine Kleinigkeit zu sagen!" Vater und Mutter fühlten einen Stich durchs Herz bei diesen Worten. Mira bemerkte, daß das Kind etwas bleich geworden war. Es regnete Küsse auf Pereies Wangen. Die Ankunft des Kindes wirkte wie belebender Tau auf die andern Geschwister. Das Haus hatte gleichsam den Trauerschleier abgelegt. Alles war wie neugeboren, alles war lebendig und fröhlich. Jonas hörte auf, sein Schicksal zu beklagen, er trug fortab mit Lust den „Mühlstein am Halse", denn er wußte nun, für wen er sich mühte. Er fing jetzt erst an, die ganze Süßigkeit des Familienlebens mit seinem stillen Glück zu fühlen. Vor kurzem schenkte ihm seine Frau wieder ein Kind, bereits das fünfte, ein Töchterchen. Er hatte keine Worte, es zu loben, eine solche Schönheit, versicherte er, kann man weit und breit nicht finden. „Sie hat blonde Haare und ganz die Äugen der Mutter." ZUR PSYCHOLOGIE DER JUEDISCHEN MYSTIK. Von Dr. B. S e 1 i g k o w i t z, Cöthen. Unter Mystik im eigentlichen Sinne verstehen wir die Geistesrichtung, bei der die Gegenstände der Erkenntnis vermöge des Uebergewichtes des Gefühls und der Phantasie nicht durch klare Begriffe und streng logische Gesetze geordnet und gesichertsind. Ihr Ursprung findet sich namentlich im Orient bei den Indern, bei den mohammedanischen Völkern der Perser und Araber. Der Charakter dieser Mystik ist die Ueberschwänglichkeit des Gefühls des Lebensstromes, der sich durch das Universum ergießt und in den der Mensch verschlungen ist, das dunkle Bewußtsein, das in seinem eigenen Herzen der lautere Lebensquell fließt, sodaß der Mensch nur das Auge in das Zentrum zu richten braucht, wo die Unendlichkeit in die Endlichkeit einströmt. Die Grundlage der Mystik bildet demnach der Glaube, daß der menschliche Geist das innere Wesen und die Oekonomie Gottes erfassen und die übersinnliche Welt wissen und lehren könne. In jedem Menschen ist ein metaphysisches Bedürfnis rege, denn jeder ,will über das Vorzeitliche und Nachzeitliche möglichst viel erfahren. Diesem -metaphysischen Bedürfnis entspringen die Philosophie und die Religion. Beide sollen alle jene Prägen beantworten, die ider menschliche Geist in drei Probleme untergebracht hat:Gott. Seele, Welt. Wären diese Fragen minder wichtig, als sie es sind, so hätten die Menschen sie als schätzbares Material für eine zukünftige Zeit der Forschung bei Seite geschoben, wie die Frage nach der Bewohnbarkeit des Mondes bis jetzt noch keine Kopfzerbrechen gemacht hat. Es ist aber für den Menschen von scheinbar höchstem Interesse, zu wissen, was mit ihm nach seinem Tode geschehen wird; ganz anders würde er, wie er meint, sein Leben einrichten, wenn es mit dem Tode gänzlich aufhörte, ganz anders dagegen, wenn diese Welt nur eine Vorhalle zu "jener ist; daher die Kraft des metaphysischen Bedürfnisses, das nach Stillung sucht. Man muß eine Antwort auf die Frage erhalten, sei sie theoretisch noch so unhaltbar — das praktische Bedürfnis ist taub den theoretischen Bedenken gegenüber. Weil dieses metaphysische Bedürfnis das größte ist, wird es auch am leichtesten gestillt; denn wenn der Durst sehr groß ist, trinkt man jedes Wasser., Fast jedes philosophische System ist eine Zeitlang geeignet genug, das metaphysische Bedürfnis zu stillen. Denn zeigt sich ein philosophisches