Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1917)
- Article
- Das Vierte
- Date
- 1917-07-01
- Page
- Seite 269 - 270 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2584069-2584074-2605835--16664-2605887- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
269 Das Vierte. 270 Arzt es untersagte? Ich wollte, daß meine Kinder die Milch ihrer Mutter trinken .... Aber nach der Geburt des Zweiten brachte Jonas die Amme ins Haus, ohne mich erst zu befragen .... Der Arzt muß es wohl sehr entschieden gefordert haben . . . Eine kleine Hand, die ihr über die Wange fuhr, weckte Mira aus ihren Gedanken. Die Kleine, die in ihren Armen schlummerte, war erwacht. „Ach Gott", rief sie erschrocken aus, „der Tisch ist noch nicht abgedeckt, das Zimmer noch nicht aufgeräumt;" sie wollte das Kind in die "Wiege legen, aber das Kind protestierte energisch: es hatte Lust, auf den Armen der Mutter zu spielen. „Na, bleib doch liegen und schlaf lieber, du kleiner Unband," aber jetzt fiel ihr Blick auf die lachenden hellen Augen des Kindes, sie beugte sich hinab und küßte es. * * Ais Mira mit Jonas Glasmann bekannt wurde, war er zwanzig und sie siebzehn Jahre alt. Bald fühlten sie sich zu einander auf eine besondere "Weise hingezogen und einige Zeit nacher war es ihnen klar, daß sie zu einander gehörten. Er war damals in demselben Kontor beschäftigt, in dem er auch jetzt arbeitete und sein Gehalt betrug fünfundzwanzig Rubel monatlich, was in einem kleinen polnischen Städtchen dazumal für einen alleinstehenden jungen Mann vollkommen ausreichte. Miras Eltern hatten nichts gegen die Verbindung, auch die Eltern des jungen Mannes machten keine Einwendungen, zumal die Braut achthundert Rubel mitbekam, von denen die Hälfte gleich ausgezahlt wurde. Nach dem üblichen längeren Brautstand wurde Hochzeit gemacht und ..Gott und Menschen freuten sich", wie man zu sagen pflegt, über das passende, schöne Paar. Nach der Hochzeit verdoppelte der Chef aus freien Stücken das Gehalt seines Angestellten, und das reichte vollauf zum Leben hin. Ausstattung und Einrichtung hatten die Eltern beigesteuert, die Mitgift wurde auf die Bank gegeben. Dem jungen Paar floß das Leben kleiner Leute in bescheidenem Glück ungetrübt dahin. In der Zweizimmerwohnung herrschte die peinlichste Sauberkeit und stiller Friede. Ein Jahr nach der Hochzeit kam das erste Kind, ein Knabe, und brachte eine gründliche Aenderung im Leben des kleinen Hausstandes. Bald erkrankte das Kind, bald die Mutter. Abgesehen von den Unannehmlichkeiten, verschlang das alles viel Geld. Dazu kamen eine Menge unvorhergesehener, fortwährender Ausgaben. Das war aber alles nichts im Vergleich mit der Wonne, die ihnen das Kind bereitete. Jeder Tag war eine Quelle neuer Freuden und neuen Entzückens über die Schönheit, die Klugheit und Fröhlichkeit des Kleinen. Als er anfing zu stammeln und die Eltern daraus deutlich die Laute „Papa" und „Mama" heraus hörten, kannte ihre Glückseligkeit keine" Grenzen. Obgleich sie wohl fühlten, daß ihr Leben erst letzt den rechten Inhalt erhalten hatte, beschlossen sie doch nach reiflicher Ueberlegung, daß sie, wie die Dinge nun eimal lagen, nicht viele Kinder bekommen durften. Nach vier, fünf Jahren, so ungefähr, wenn die Einkünfte sich gesteigert haben werden und Mira ihre Gesundheit ganz wieder erlangt haben wird, dann konnte es nicht schaden, wenn ihnen noch ein Kind geboren wurde. Dann aber nach einer gleich langen Pause konnte wieder eins kommen. Aber mehr als drei Kinder durften sie nicht haben. Zwei Knaben und ein Mädchen. Sie durften nicht vergessen, daß sie nicht zu den Reichen gehörten, die sich den Luxus des Kindersegens gestatten durften. Jonas Glasmann war nichts als ein Angestellter in einem Kontor mit mässigem Gehalt, und Kinder kosteten Geld. „Drei, das ist das Höchste, was wir uns leisten dürfen", schloß der Gatte diese Betrachtungen im Gespräch mit seiner Frau. „Wer nicht imstande ist, seinen Kindern eine gute Erziehung zu .geben, so daß sie nacher ein gutes Fortkommen im Leben haben, und nicht anderen zur Last fallen, darf keine vielen Kinder in die Welt setzen. Dann noch etwas", fügte er schüchtern hinzu. „Du mußt auf deine Gesundheit Rücksicht nehmen. Unser Kind ist schön. Von wem hat es die Schönheit? Von dir! Wirf nur einen Blick in den Spiegel, und du wirst zugeben, daß du dir Ruhe gönnen mußt, mindestens einige Jahre lang." Mira mußte zugeben, daß ihr Mann vollkommen im Rechte war. Trotzdem waren beide, Gatte und Gattin, nicht erschrocken, als ihnen nach dreiundzwanzig Monaten klar ward, daß ihre Familie demnächst einen Zuwachs erhalten würde. Ganz wider ihr eigenes Erwarten fühlten sie sich beglückt. „Besser zwei als eins", sagten sie zu einander unter zärtlichen Küssen. „Es ist nicht gut, von so kostbarem und zerbrechlichem Glasgerät nur ein einziges Exemplar zu haben." Sie dachten dabei an die Krankheit, die der Knabe durchgemacht hatte; so leicht der Fall war, hatte ihnen eine namenlose Angst eingeflößt. „Gebe Gott dem Ankömmling Glück und langes Leben"! schlössen sie gerührt und befriedigt das intime Gespräch. Es war diesmal ein Mädchen, dem Mira das Leben schenkte. Alle sagten, daß das Kleine eine Schönheit zu werden versprach. „Nicht umsonst war Schwangerschaft und Geburt so schwer",versicherten die erfahrenen Gevatterionen. Der Arzt aber ermahnte den Gatten dringend, eine Amme zu nehmen, denn die junge Mutter durfte um keinen Preis das Kind selber stillen. Die Amme kostete Mühe und Geld in Fülle. Der Arzt versicherte nämlich, daß von der Beschaffenheit der Amme das Gedeihen des Kindes abhänge. Im Verlaufe von drei Monaten mußte die Amme dreimal gewechselt werden, was dem Kinde natürlich nicht zum Vorteil gereichte. Eine hatte sogar dreißig Rubel im Voraus gefordert und erhalten, mußte aber entlassen