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Ost und West · 1917-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1917) · p. Seite 251 - 252

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-07-01
Page
Seite 251 - 252 (sequence 9)
Language
German
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251 Rumänien und seine Juden. 252 alsbald keinen Anlaß mehr, den russischen Bestrebungen auf Kosten der Juden Handlangerdienste zu leisten. Die Hetze hörte bald, auf, die Anklagen verstummten, die betrübenden Vorkommnisse während des Krieges gerieten bald in Vergessenheit. Friede trat ein. Zu der konstituierenden Versammlung, welche Ende 1878 einberufen wurde, um dem Lande eine Verfassung zu geben, hatten die Juden das aktive und passive Wahlrecht. Seither erfreuen sie sich in diesem Lande voller bürgerlicher und politischer Gleichberechtigung und leben mit ihren christlichen Mitbürgern in ungetrübtem Frieden. Gegenwärtig bekleidet ein Jude dort sogar den hohen Posten eines Ministerialdirektors im Ministerium des Aeußern. * *- * Eine interessante Episode dieses Krieges trug sich' weit vom Schauplatz zu — in Warschau. Im September 1877, als sich der Krieg auf dem Balkan seinem Höhepunkte näherte, kurz vor Jörn Kippfur, fing die russische Polizei in der polnischen Hauptstadt an, Maßregeln ...... zum Schutze der Juden zu treffen! In den Judenvierteln wurden die Polizeipatrouillen verstärkt, den Hausbesitzern wurde der Auftrag gegeben, die Tore um acht Uhr abends zu schließen. An die Handwerksmeister wurde der Befehl erlassen, am Nachmittage vor Jörn Kippur ihre Lehrlinge und Gesellen nicht zu entlassen. Reichen Juden wurde im Vertrauen der wohlgemeinte Rat erteilt, für die Nacht auf den Jörn Kippur eine Anzahl Soldaten oder Polizisten, natürlich gegen Bezahlung, ins Haus zu nehmen, oder Wächter zu mieten, anderen die Erlaubnis gegeben, sich zu bewaffnen, oder ihre Häuser mit Gittern zu versehen. Eine unheimliche, panikartige Stimmung bemächtigte sich der judischen Bevölkerung. Wenn man einen Polizeigewaltigen fragte, was das alles -zu bedeuten hätte, munkelte er geheimnisvoll und bemerkte nur, man könnte nicht wissen, was bevorstünde, und es wäre gut, auf alle Fälle gerüstet zu sein. Ließ man aber eine Banknote in seine Hand gleiten, so flüsterte er, man sei einer Verschwörunar auf die Spur gekommen; die Polen hätten beschlossen, am Vorabend des Jörn. Kippur, wenn alle Juden in der Synagoge versammelt sind, sie zu (überfallen und eine „sizilianiiäche Vesper" unter ihnen zu veranstalten. Es verbreiteten sich allerlei Gerüchte in der Stadt; bald hieß es, mehrere erstochene und grauenhaft verstümmelte Juden wären aufgefunden worden, bald wieder, die Polizei hätte im Judenviertel einen mit allerlei Mordwaffen gefüllten Sarg entdeckt, den die Verschwörer versteckt hätten, um auf ein verabredetes Zeichen sich über die Nachbarn zu stürzen und ein Blutbad unter ihnen ,anzurichten. Ein betrunkener Bauer, dem ein jüdischer Schankwirt Schnaps verweigerte und den er hinausgeworfen, hätte offen die Drohung ausgestoßen. Die Besorgnis unter den Juden stieg — zumal erst vor kurzem in .. . Kiew und Umgegend ein paar Judenmetzeleien stattgefunden hatten. In der Tat harrte man voll Bangigkeit der kommenden Dinge, viele Juden gingen an jenem Abend mit Revolvern und Dolchen bewaffnet in die Synagoge. Natürlich ereignete sich nicht der geringste Vorfall. Am nächsten Tage lachte man darüber in ganz Warschau und das verbreitetste Blatt der Stadt, der „Kurjer Warszawski" schrieb: „Es wäre Zeit, daß die hiesigen Juden wüßten, was von solchem Geschwätz zu halten ist. In der Stadt herrscht vollkommene Ruhe. Zwischen beiden Teilen der Bevölkerung fand keine Demonstration statt. Man darf natürlich weder heimischen, noch von außen kommenden Insinuationen Glauben schenken!. [Wer solchen Redereien Glauben beimißt, setzt sich dem Spott des vernünftigen Publikums aus, und verdient ihn vollauf." Indessen war die Sache durchaus nicht harmlos. In Polen herrschte allerdings seit Jahrzehnten zwischen Christen und Juden tiefster Friede, aber um diese Zeit, da alle Kräfte Rußlands auf dem Balkan und im1 Kaukasus gebunden waren und der Krieg jeden Augenblick eine bedrohliche Wendung nehmen konnte, befürchtete die Regierung einen Aufstand in Polen. Diesem wollte sie beizeiten durch Anstiftung von Judenmetzeleien zuvorkommen, die einen Bürgerkrieg im Lande hervorrufen und die Bevölkerung spalten sollten. Das war diesmal mißlungen. Aber das Pulverfaß war sorgfältig geladen worden, der kleinste Funke konnte eine Explosion herbeiführen. Wäre die Stimmung nicht seit jeher friedlich und beide Teile der Bevölkerung nicht so durchaus besonnen gewesen, wenig hätte gefehlt, daß die Warschauer Juden mit Strömen von Blut die russische Politik auf dem Balkan bezahlt hätten. * * * Es verlohnt sich, auf die Lage der Juden in Serbien während dieser Zeit einen Blick zu werfen. Unter türkischer Herrschaft genossen sie volle Gleichberechtigung mit allen Nichtmuselmanen, und alle diesen nach und nach von der Pforte gewährten Verbesserungen der Rechtstellung kamen auch ihnen ohne weiteres zugute. In den Hattischeriffs1 von Humayun und Gülhane aus den Jahren 1830 und 1834, welche die Autonomie des Fürstentums Serbien unter türkischer Oberhoheit begründeten, wurde die Gleichberechtigung der Juden als eine Bedingung dieser Autonomie ausdrücklich festge setzt. Der Pariser Vertrag von 1858 bekräftigte in seinem Artikel 27 diese Bestimmung. Unter dem Fürsten Milosch Obernowitsch besaßen die Juden denn auch dieselben Rechte wie ihre christlichen Mitbürger. Aber seit 1861 wurden sie im Genuß der Bürgerrechte bedeutend eingeschränkt. Freilich besaßen sie das aktive und passive Wahlrecht, durften nach der Verfassung sogar Minister werden. Aber außerhalb der Stadt Belgrad hatten sie kein Recht zu wohnen, Handwerk und Gewerbe zlu betreiben. Das war in einer eigentümlichen Beschaffen - heit der serbischen Munizipalgesetzgebung begrün - det. Diese bestimmte nämlich, daß die Erteilung des Wohn- und Gewerberechtes in den einzelnen Städten ausschließlich den Gemeindeverwaltungen zustand. Hier übte ein wohlhabender und allmäch - tiger Kaufmannsstand die Alleinherrschaft aus, der noch auf dem kleinbürgerlichen Standpunkt beharrte, daß das beste Mittel zur Hebung seines! Wohlstandeis in der Fernhaltung jeder Konkurrenz zu finden war. Daher drangsalierte er die jüdischen Geschäftsleute nach Kräften. So erließen die Stadtverwaltungen von Semendria, Schabaz, Pozarewaz und einigen anderen Ortschaften im Juni 1876 urplötzlich den Befehl, daß alle Juden ohne Unterschied der -Staatszugehörigkeit binnen dreißig Tagen den Ort zu verlassen hätten, unter Androhung' einer bedeutenden Geldstrafe und der Wegschaffung auf Kosten der Ausgewiesenen. Inzwischen kam die Erhebung gegen die Türkei, das Vorspiel zum russisch-türkischen Krieg, und die Juden des ser-

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