Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1917)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1917-07-01
- Page
- Seite 253 - 254 (sequence 10)
- Language
- German
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253 Rumänien und seine Juden. 254 bischen Staatsverbandes erhielten von der Militärbehörde den Auftrag, zum Heer einzurücken. Die Juden fragten nun den Bürgermeister, woran sie sich zu halten hätten, und. iob> es anginge, sich für ein Land zu schlagen, das sie aus seinen Städten auswies. Der Bürgermeister beruhigte sie und. versicherte ihnen, daß der Ausweisungsbefehl bereits zurückgezogen wäre. Sobald jedoch die kriegsdienstfähigen Juden ausmarschiert waren, wurde der Ausweisungsbefehl erneuert und allen jüdischen Familien zugestellt. Die davon betroffenen österreichisch-ungarischen Juden beschwerten sich darüber bei dem Generalkonsul der Monarchie, Fürsten Wrede, allein die Antwort ließ lange auf sich warten. Die einheimischen Juden warteten ruhig1 ab, was' sich ereiglnen würde. Gegen Anfang 1877 sollte es' zu einem Sonderfrieden zwischen Serbien und der Türkei kommen, und die Pforte stellte dabei die ausdrückliche Bedingung, daß die serbischen Juden von allen bedrückenden Ausnahmegesetzen befreit und den Christen in allen Punkten, auch der Munizipalität gegenüber, vollkommen gleichgestellt würden. Der serbische Unterhändler, nachmaliger Ministerpräsident Ristisch, sagte: „J'espere que la sublime Porte n'insistera pas sur ce point." Worauf der» Bevollmächtigte der Türkei, Perten Effendi, erwiderte: „Et moi j'espere que la sublime Porte n'aura pas besoin d'insister sur ce poi'nt qui regarde la, civilisatLon, la justice et le progres1..' Die Beding gungen wurden angenommen. In die neue Skuptschina wurde in Belgrad sogar ein Jude zum Abgeordneten gewählt; er hieß Abraham M. Oser und vereinigte auf sich die größte Stimmenzahl, 454 von 752, darunter die der höchsten Persönlichkeiten des Staates. (Als bezeichnend mag hervorgehoben werden, daß die Wählerversammlung der Juden im Lokale des Belgrader Vereins „Thikkun Chazoth", nach dem üblichen Mitternachtsgottesdienst, abgehalten wurde.) Die Juden von Serbien hatten ihr Schicksal in die eigene Hand genommen und beschlossen, an die serbische Nationalversammlung ohne auswärtige Vermittlung oder Beihilfe eine Petition um Aufhebung aller bürgerlichen und politischen Beschränkungen zu richten. Im serbischen Heere dienten Juden in einer etwas größeren Anzahl, als ihrem Anteil an der Bevölkerungsziffer entsprach. Von den siebzehn Freiwilligen aus Belgrad waren sieben der Garde des Fürsten eingereiht worden. Die Kavalleristen hatten Pferde und Waffen aus eigenen Mitteln angeschafft. Vier jüdische Krieger wurden dekoriert, zwei für ärztliche Dienste, zwei für Waffendienste, von denen einer, namens Michel Oser, ein Verwandter des Abgeordneten, auf dem Schlachtfelde vor der versammelten Armee ausgezeichnet wurde; er war achtmal im Feuer gewesen und jedesmal hatte er sich durch Tapferkeit hervorgetan; er wurde zum Hornisten des Generalstabes ernannt. Von seinen Heldentaten sprach man wochenlang in ganz Serbien. Es verdient, hervorgehoben zu werden, daß von Grausamkeit und Tücke der Serben in dieser ganzen Zeit nicht mit einem Worte die Rede war. Vergebens durchstöbert man die zeitgenössischen Berichte nach einer Spur solcher Vorkommnisse, wie sie die Russen von den Bulgaren systematisch, mit so viel Eifer und humaner Entrüstung der ganzen Welt mitzuteilen wußten. Und doch wurde in den beiden Balkankriegen 1912, sowie in dem gegenwärtigen Kriege sehr viel von der heimtückischen Blutgier der Serben gegen den Feind, sowie gegen die friedliche Bevölkerung berichtet. Wenn wir jedoch erwägen, was jetzt die höchstzivilisierten Nationen einander an Anklagen in dieser Beziehung entgegenschleudern, werden wir wissen, was wir von solchen Urteilen und Nachrichten zu halten haben. Damals aber hätte keiner ein Interesse daran,- idvie Serben vor der Welt als raub!- Und mordlustige Barbaren hinzustellen, die es nicht verdienten, daß man ihnen eine Unabhängigkeit und Selbstregierung zugestehe. Rußlands Bemühungen, Serbien in völlige Abhängigkeit vom Zarismus zu bringen, und es zum Vollstrecker der russischen Politik auf dem Balkan zu machen, begannen erst, als diese Politik in Bulgarien gänzlich fehlschlug. Auch sonst hatte zu jener Zeit keine Großmacht an diesem kleinen Staate ein sonderliches Interesse. Darum unterließ man es, die Juden Serbiens in besonderen Schutz zu nehmen. Es wurden keine Komitees begründet, ihnen die Gleichberechtigung zu erkämpfen, und sie vor ihren christlichen Landsleuten zu schirmen. Sie durften ihre Sache ohne fremde Einmischung mit den legalen Vertretern der serbischen Nation austragen. Dazu kam, daß der Fürst und nachmalige König Milan Obernowitsch persönlich ein loyaler und wohlwollender Mann war, und daß er nicht nötig hätte, aus einer künstlich geschaffenen Judenfrage im Kampfe der politischen Parteien sich eine Waffe zu schmieden. Im Lande fehlte eine Kaste von Berufspolitikern, die von der Agitation lebte, und dem WählerpuMikum den Juden als den ewigen Feind an die Wand malen konnte, vor dem das Vaterland immer wieder gerettet werden mußte. Der Konkurrenzneid der Kaufmannsgilde mußte naturnotwendig allmählich einer vernünftigeren Auffassung des wirtschaftlichen Prozesses weichen. Der Berliner Kongreß, der Serbien die Gleichstellung der Juden zur Pflicht machte, rannte also eine zu vier Fünfteln offene Tür ein. Serbien fügte sich auch, wie wir gesehen haben, *den Bestimmungen ohne Widerrede. Seither gab es in Serbien keine Judenfrage.