Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1917)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1917-07-01
- Page
- Seite 249 - 250 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2584069-2584074-2605821--16627-2605877- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
249 Rumänien und seine Juden. 250 gierung gedachte übrigens, die Mohammedaner aus Bulgarien lieber nach Mesopotamien zu bringen, wo der Boden, obgleich sehr fruchtbar, teilweise unbebaut lag und der Vali fünfundsiebenzigtausend Kolonisten verlangte. Was die Juden anbetraf, hoffte man noch immer, daß sie an ihren heimatlichen Herd würden zurückkehren können; einstweilen aber waren die Nachrichten, die von verschiedenen Seiten in dieser Beziehung eintrafen, noch wenig ermutigend. »Immer wieder traten die russischen Okkupapationsbehörden als edle uneigennützige Beschützer der Juden vor der Feindseligkeit der Bulgaren auf. So hatte die russische Militärbehörde in Sofia die dort angesammelten jüdischen Flüchtlinge von Wracza, Plewna und Nioopoli aufgefordert, ihre früheren Wohnorte wieder zu be2iehen; die christliche Bevölkerung von Wracza wollte sie nicht aufnehmen, und in Plewna und Nioopoli existierten die jüdischen Viertel nicht mehr. Auch das Konstantinopel er Lokal-Komitee der Alliance Israelite Universelle erblickte in den Russen die berufenen und willigen Beschützer der Juden und wandte sich durch Vermittlung des deutschen Botschafters an den russischen Geschäftsträger mit der Bitte, er möchte seinen Einfluß zu Gunsten der Flüchtlinge geltend machen. Allein die Antwort ließ lange auf sich warten und das Lokal-Komitee befand sich in größter Verlegenheit. Der Baron Moritz von Hirsch in Paris, der Erbauer der türkischen Bahnen, griff jetzt wiederholt mit seiner großartigen Freigebigkeit ein »und so konnte das Konstantinopeler Lokal- Komitee der Alliance Israelite Universelle nach und nach die Flüchtlinge in ihre alte Heimat befördern. Die russischen Behörden zeigten sich überall beflissen, die Juden gegen die Gewalttaten der Bulgaren zu schützen, die sie nicht müde wurden, vor aller Welt in das rechte Licht zu setzen. Der General Totleben, sonst nicht gerade wegen seiner Weichmütigkeit berühmt, nahm sich der verfolgten Juden wiederholt an. Und der russische General- Kommissarius Fürst Dondukow-Korsakow richtete am' 17. Juni 1878 an den Präsidenten des Konstantinopeler Lokal-Kiomitees, Salomlon Fernandez, ein sehr höfliches, ja sogar; herzliches Schreiben, in dem er versicherte, daß er Befehl gegeben habe, -die nötigen Maßregeln zur Wiederaufnahme der Flüchtlinge an ihren früheren Wohnsitz en zu treffen; Hilfe fand Protektion würde ihnen überall gewährt (werden iund sie würden ruhig ihren Geschäften nachgehen können. Was jedoch die Juden von Carlowa betraf, so versicherte der Fürst, es wäre vorteilhafter, abzuwarten, bis die Animosität, die gegen sie herrschte, sich gelegt haben würde; erst dann sollten sie in ihre Heimat zurückkehren; doch habe er dafür Sorge getragen, daß ihnen einstweilen das Getreide, welches sie bis zur Ernte benötigten, geliefert würde. „Niemand wünscht mehr als ich", schloß der russische General-Kommissarius, „daß: Ordnung und Sicherheit in Bulgarien wiederkehren, und daß gutes Einvernehmen zwischen den verschiedenen Nationalitäten Platz greife, aus denen die Bevölkerung besteht; aber ich muß alles vermeiden, was durch' zu groBe Ueberstürzung unangenehme Konflikte herbeiführen könnte." Die Animosität gegen die Juden von Carlowa, auf die das Schreiben anspielt, rührte daher, daß unter den Bulgaren die Meinung verbreitet worden war, die Flüchtlinge hätten es mit den Türken gehalten. Derselbe Verdacht richtete sich auch gegen die Juden von Kazanlyk und Eski-Sagara, sowie gegen etwa tausend jüdische Flüchtlinge, von denen, die in Adrianopel Unterkunft gefunden hatten. Im rechten Licht erscheint uns die humane Beflissenheit der russischen Schutzengel, wenn wir uns folgendes vergegenwärtigen: Rußland war entschlossen, sich auf dem Balkan heimisch einzurichten. Nicht nur sollte Bessarabien den Rumänen weggenommen, sondern Bulgarien in eine russische Satrapie verwandelt werden. Es ist bekannt, daß die russische Politik diesem Lande gegenüber bis zur Wahl des jetzigen Königs kein anderes Ziel verfolgte; mit den verwerflichsten Mitteln der Korruption und des Meuchelmordes wurde darauf hingearbeitet, alle Unabhängigkeitsbestrebungen der Bulgaren zu unterdrücken, und deren Träger aus dem Wege zu räumen. Die Bulgaren erhoben Ansprüche auf Ostrumelien, welches der Berliner Kongreß bekanntlich unter einem christlichen Gouverneur als eine tributpflichtige Provinz der Türkei •bestehen ließ, das aber nachher auf dem Wege einer unblutigen Revolution an Bulgarien angegliedert wurde. Vor dem Berliner Kongreß hatte Rußland ein Interesse daran, diese Provinz ganz bei der Türkei zu belassen; erstlich war Bulgarien ohne Rumelien viel leichter zu verschlingen, und dann kionnte man durch dieses kleine, wohlfeile Entgegenkommen die Türkei williger stimmen, auf andere Abtretungen einzugehen. Daher bemühte sich der russische Nachrichtendienst, die bulgarische Nation vor der ganzen Welt anzuschwärzen und ihre Bevölkerung als barbarisch, grausam, blutgierig hinzustellen, unfähig sich selbst 'zu regieren und unwürdig, im eigenen Lande über die daselbst wohnenden fremden Stämme eine Souveränität auszuüben; natürlich mußten dann die Russen als die einzig berufenen Hüter der Ordnung in Bulgarien erscheinen, und das Land mußte ihrer Verwaltung unterstellt "werden, damit dort menschenwürdige Zustände eingeführt und aufrecht erhalten würden. Keiner der anderen Großmächte lag etwas an Bulgarien, -dagegen wünschten alle, Rußland bei guter Laune zu erhalten, da sie entschlossen waren, ihm auf anderen Gebieten einen großen Teil der Beute abzujagen. Daher gab sich die ausländische Presse [willig dazu her, die aus russischer Quelle stammenden Nachrichten, mit den russischen Kommentaren versehen, ungeprüft in der Welt zu verbreiten. Daß der Krieg die niederen Instinkte des Pöbels auch in Bulgarien wachrief und den Anreiz bot, sich vor allem auf die Juden zu stürzen, braucht nicht wunder zu nehmen; aber es unterliegt keinem Zweifel, daß die Russen den Pöb'el gegen die Juden aufreizten; daß sie es waren, die die Gerüchte aussprengten, die Juden hielten es mit dem Landesfeind, und daß sie sich dann in der Rolle des Retters der Juden gefielen. Ebensowenig unterliegt es einem Zweifel, daß es den Russen ein Leichtes gewesen wäre, gleich bei ihrem Einmarsch durch eine ernste Kundgebung alle Versuche von Ausschreitungen gegen die Juden im voraus unmöglich zu machen. Freilich hätten sie sich dadurjch der Gelegenheit beraubt, sie zu beschützen, Zwietracht zwischen den Bewohnern des Landes zu säen, und sich eine ergebene, von ihnen abhängige Partei zu schaffen, die ihre künftige Oberherrschaft erleichtern konnte. Zum Glück für die bulgarischen Juden dauerte dieses Treiben nur kurze Zeit und hinterließ keine tieferen Spuren. Auch die auswärtige Presse hatte