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Ost und West · 1917-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1917) · p. Seite 241 - 242

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-07-01
Page
Seite 241 - 242 (sequence 4)
Language
German
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241 Rumänien und seine Juden. 242 Rumäniens Abstand zu nehmen, das würde den rumänischen Juden viel mehr nützen, als ihre angeblichen patriotischen Geldsammlungen" für die Verwundeten des eben begonnenen Krieges. Das Wiener Blatt erhielt aus Rumänien zahlreiche Schmähbriefe, von denen einer, dessen Verfasser der nachmalige rumänische Diplomat und Minister Fürst .Ghica war, auch1 veröffentlicht wurde; das Schreiben wimmelte von Schmähungen und Drohungen gegen die Juden, vermengt mit Lästerungen Oesterreichs und Ungarns. „Wie sieht es wohl im Gehirn der Bukarester Redakteure aus, die solches Zeug schreiben?", fügte die Neue freie Presse hinzu. Die Allgemeine Zeitung des Judentums dagegen bemerkte treffend: „Die Bukarester Redakteure wissen sehr wohl, daß es höchst lächerlich ist, zu behaupten, die rumänischen Juden hätten irgendwelchen Einfluß auf die Haltung und die Ansichten der Budapester, Wiener und Pariser Presse, aber ihnen liegt es am Herzen, bei ihren Landsleuten den guten Eindruck sofort zu verwischen, den die patriotischen Opfer zu ihren Gunsten ausüben könnten. Darum suchen sie ihn auf diese Weise zu paralysieren." * * * Wenn man diese Vorkommnisse im Geiste an sich vorüberziehen läßt, muß man unwillkürlich an die Ereignisse in Polen seit der Regierung' Plehwes denken. Die russische Regierung hatte durch künstliche Mittel eine Spannung zwischen Polen und Juden hervorgebracht, die sie, getreu dem Prinzip divide et impera, mit allen Kräften bis zum siedenden Haß zu steigern suchte. Dabei halfen ihr die imperialistisch gesinnten russischen Liberalen wacker mit. Jede kleine lokale Streitigkeit zwischen Juden und Christen in Polen, jede Jahrmarktschlägerei wurde von den großen „liberalen" Zeitungen in Petersburg, Moskau und Kiew zum Rang eines blutigen Pogroms erhoben, wie er in Rußland seit Anfang der achtziger Jahre üblich war, und über eine systematische Verfolgung der Juden durch die Polen und über den „animalischen Antisemitismus" dieser letzteren geklagt. Damit wurde vor der zivilisierten Welt die beharrliche Weigerung der Russen, den Polen Autonomie zu gewähren, gerechtfertigt. Die polnische Presse blieb natürlich die Antwort nicht schuldig und machte die Juden für alles verantwortlich. So wurde in zielbewußter Arbeit die Erbitterung gesteigert und jene Atmosphäre geschaffen, die schließlich den Boykott möglich machte, und deren Wirkung die Juden noch Jahre und Jahre zu spüren haben werden. Und das alles geschah im Namen des Liberalismus und der Humanität. DIE BETEILIGUNG DER RUMA Mittlerweile war es' mit dem Krieg voller Ernst geworden; Rumänien trat offenauf dieSeiteRußlands. Das rief auf einmal einen gewaltigen Umschwung in der Haltung den Juden gegenüber hervor. Das Volk war ja eigentlich nie ausgesprochen judenfeindlich gestimmt. Die Kaste der Politiker war von den laufenden Ereignissen vollauf in Anspruch genommen, mit dem einrückenden russischen Heer ergoß sich ein Goldstrom über das Land, die Bojaren und die Kaufleute machten glänzende Geschäfte; sie konnten den Konkurrenzneid den Juden gegenüber füglich eine Weile zum'Schweigen bringen. Die Beamtenschaft hatte reichliche „Nebenverdienste" und brauchte sie nicht bei den Juden durch Androhung von Austreibungen und Verfolgungen zu erpressen. Im ganzen Lande herrschte ein Taumel patriotischer Begeisterung angesichts der glänzenden nationalen Aussichten, die nach einem siegreichen Kriege winkten. Als die rumänische Armee wirklich in den Krieg eintrat, galt es, eine patriotische Hilf e zu organisieren. In solchen Fällen pflegen sogar die grimmigsten Judenfeinde ihre Gesinnung zurückzustellen. Das geschah auch in Rumänien. Die Juden halfen willig und hingebungsvoll mit, und von allen Seiten wurde ihre Mitwirkung willkommen geheißen. In England indessen, wo man das ganze Unternehmen Rußlands mit scheelen Augen betrachtete, suchte man einen Mißton in die gehobene Stimmung auf dem) Balkan hineinzutragen, und derselbe Daily Telegraph, der am 29. Dezember 1876 jene den Juden so günstige Note des Earl1 of Derby an die Anglo Jewish Association veröffentlicht hatte, ließ sich aus Bukarest berichten, daß irgendwo in einem Grenzorte mehrere russische Fahnenflüchtige erschossen worden wären, „meist Juden". Viel gefährlicher und nichtswürdiger war die von demselben Blatte verbreitete Nachricht, daß sämtliche Rabbiner in Rumänien vom Großrabbiner in Kon- :N ISCHEN JUDEN AM KRIEGE. stantinopel einen Hirtenbrief erhalten hätten, in dem sie aufgefordert wurden, für den Sieg der türkischen Waffen zu beten und Geldspenden zu sammeln. Der Unsinn lag auf der Hand: ein „Großrabbiner" ist nicht, wie ein Bischof1, der Vorgesetzte der anderen Rabbiner, diese sind ihm in der Kompetenz völlig gleichgestellt und er hat kein Recht, ihnen irgend etwas vorzuschreiben. Die Juden in Rumänien waren, bis auf ein kleines Häuflein, sämtlich Aschkenasim und unterlagen in keiner Weise der Autorität des Chacham Baschi oder Großrabbiners von Konstantinopel, der ein Sephardi war. Nichtsdestoweniger konnte diese Nachricht ungeheures Unheil heraufbeschwören. Das angesehene Bukarester Blatt „Timpul" wies in seiner Nummer vom! 10. Mai diese Ausstreuungen mit Entschiedenheit zurück und bemerkte, „es gehörte ein hoher Grad von Frivolität und Gewissenlosigkeit dazu, in dieser Zeit der Aufregung solche Lügen zu erfinden und drucken zu lassen." Die Juden wirkten mit großer Hingebung! an der patriotischen Hiifsarbeit mit. Die Initiative dazu hatte der Verein „Zion" ergriffen. Dieser Verein war eine Schöpfung Peixottos, den die Regierung der Vereinigten Staaten, wie erinnerlich, als Generalkonsul nach Rumänien geschickt hatte, um den dortigen Juden ihre Sympathie zu bekunden und in der Hoffnung, daß es ihm gelingen würde, ihre rechtliche Lage zu verbessern. Das war ihm, wie wir sahen, nicht gelungen, dagegen hatte er viel für die kulturelle Hebung der rumänischen Juden getan. Nach dem Muster des amerikanischen Bundes „Bene Berith" rief er in Rumänien den Verein „Zion" ins Leben, dessen Aufgabe soziale Pflege und Volksaufklärung war. Der Verein hatte in den meisten Städten seine Zweigniederlassungen und unterhielt eine große Anzahl von Volksschulen für die jüdische Jugend, von

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