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Ost und West · 1917-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1917) · p. Seite 239 - 240

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-07-01
Page
Seite 239 - 240 (sequence 3)
Language
German
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239 Rumänien und seine Juden. 240 geworfen, sie hätten ihnen einen großen Dienst erwiesen. Aber sie konnten sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, alle Vorfälle in Rumänien, unter denen die Juden zu leiden hatten, als Waffe im Kampfe gegen die Politik dieses Landes auszunützen, &ie an die große Glocke ziu hängen, in den grellsten Farben zu malen und nach Möglichkeit zu übertreiben. Sie erweckten dadurch die Illusion, daß sie „die großen Prinzipien der Humanität und der Völkerfreiheit" verfochten, die Juden gaben sich der Täuschung hin, in ihnen mächtige und erfolgreiche Beschützer zu haben, auf die man sich verlassen konnte, die Rumänen aber ,namentlich die Berufspolitiker, konnten damit den Beweis führen, daß die Juden sich gegen ihr Land verschworen hatten und „ganz Europa" aufhetzten. Nach einem Jahre hatten sich, wie wir weiter unten sehen werden, die Blätter gewendet. Das Journal de D6bats führte einen heftigen Kampf gegen den „Semiten" Lord Beaconsfield und die österreichisch-ungarische Presjse verteidigte sehr energisch den rumänischen Ministerpräsidenten Jüan Bratiariu in seinem Kampf gegen den Artikel 44 des Berliner Vertrages. Einstweilen jedoch galt es, über die Juden das schützende Papierblatt zu halten. Eine besonders günstige Gelegenheit hierzu bot der „Fall Cimara". Anfang Juni 1877, als der Krieg schon dicht vor der Türe stand, spielte sich in dem kleinen Landstädtchen Dorobani, unweit der österreichischen Grenze, eine Judenverfolgung ab. Der Besitzer von Dorobani, „Graf" Cimara, ein Grieche, lag! mit den Juden seit langem iml Streit wegen Differenzen, die Erbpachtungen und dergleichen betrafen. Eines Tages dang der „Graf" eine Rotte handfester Burschen, die mit Knütteln bewaffnet, die Häuser der Juden überfielen und plünderten, die Bewohner mißhandelten und verjagten; es gab Verwundete und, wie es scheint, auch einige Getötete. Natürlich schloß sich der Pöbel der Umgegend der „Lustbarkeit" an und half beim Plündern und Rauben wacker mit. Die Sache nahm größere Dimensionen an. Trotzdemi hatte der Vorfall nur lokale Bedeutung und trug keineswegs einen spezifisch judenfeindlichen Charakter. Das war (und ist zum Teil heute noch) dort die freundnachbarliche Weise, Rechtsstreitigkeiten auszutragen; in allen halbbarbarischen Ländern, wo die geordnete Rechtspflege noch im argen liegt, ist in solchen Fällen die gewalttätige Selbsthilfe sehr häufig. Cimara hätte gegen seine Glaubensgenossen auch nicht anders gehandelt. Der „Graf" und seine Gemahlin waren übrigens in der ganzen Gegend als gewalttätigl und rechthaberisch bekannt. Zu einer judenfeindlichen Affäre im besonderen Sinne wurde die Sache erst durch die auswärtige Presse gestempelt, die sie weidlich im Dienste ihrer Bestrebungen ausnutzte. Das rumänische Ministerium erschrak; nichts konnte ihm in dieser Stunde ungelegener kommen, als dieser neue Beweis für die Barbarei Rumäniens und dessen Unfähigkeit zur Selbstregierung. Der Minister Kogalniceanu telegraphierte in die Welt hinaus, man könne sicher sein, daß die Schuldigen zur Verantwortung gezogen würden. In der Tat wurde gegen das Ehepaar Cimara und deren Helfershelfer Anklage wegen öffentlicher Ruhestörung und Gewalttätigkeit erhoben. Die betroffenen Juden machten ihre Ansprüche auf Entschädigung geltend. Die Alliance Israelite Universelle, die Anglo Jewish Association, die Wiener Allianz und das rumänische Komitee in Berlin steuerten je tausend Mark zu den Kosten des Prozesses bei, den die mittellosen Juden von Dorobani zu führen hatten. Bezeichnend war, daß der eigene Sohn des „Grafen ,Cimara gegen diesen und für die Juden Partei ergriff. Der Prozeß wurde durch alle Instanzen geführt, schleppte sich lange hin, verlor allmählich das öffentliche Interesse, das ihm künstlich angeheftet worden war und sank zu einer rein privaten Angelegenheit herab. Die großen europäischen Zeitungen und nach' ihnen die jüdischen wurden aber nicht müde, Woche für Woche ihre Leser mit der Verfolgung der Juden in Rumänien durch das Ehepaar Cimara zu unterhalten. Erst als die große europäische, besonders österreichisch-ungarische Presse nach dem Berliner Kongreß entschieden auf Seiten Rumäniens trat und kein Interesse mehr daran hatte, gegen die Politik dieses Landes Krieg zu führen, verschwand die Affare Cimara von der Tagesordnung. * * * Ungefähr in derselben Zeit, da die Schlägereien in Dorobani ausbrachen, spielte sich in Jassy ebenfalls eine kleine Judenverfolgung ab, die durch die Regierung inszeniert gewesen zu sein scheint. Kaiser Alexander von Rußland war nach Rumänien gekommen, und die Anwesenheit des hohen Verbündeten und Protektors wurde augenscheinlich dazu benutzt, um ihm zu beweisen, daß Rumänien seine seit 1866 betätigte Gesinnung nicht geändert habe. In russischen Regierungskreisen mochten wohl Bedenken herrschen, daß der . kleine Nachbarstaat mit seiner endgültigen Unabhängigkeit in der Behandlung der Juden eine Aenderung eintreten lassen könnte, was den großen Beschützer in Verlegenheit gebracht hätte. Als daher der Kaiser von Rußland am 5. Juni auf dem Bahnhof von Jassy eingetroffen war und dort das Diner einnahm,, wurden die. auf dem Perron befindlichen Juden von der versammelten Menge insultiert. Sogleich begann das Nachspiel. Studenten und andere Angehörige der „gebildeten Kreise" rotteten sich zusammen, ein großer Haufe Pöbel schloß sich ihnen an, man durchzog johlend die Straßen und warf Steine in die Fenster jüdischer Häuser, verprügelte vorübergehende Juden und Jüdinnen, und tobte bis. spät in die Nacht, worauf in einigen, Juden gehörigen Häusern ein Brand ausbrach. Der russische Kaiser konnte nun die beruhigende Ueberzeugungaufs Schlachtfeld mitnehmen, daß er von Seiten seines Schützlings keine Konkurrenz auf dem Gebiete der Humanität zu befürchten hatte. Auch diese Begebenheit gab der europäischen Presse Anlaß, hervorzuheben, daß „solche Zustände, wo unter den Augen der Behörden Ausschreitungen geschehen, auf die Toleranz der unabhängigen rumänischen Nation" ein grelles Licht würfen, und gegen die Bestrebungen der Rumänen Sturm zu laufen. Diese Pressestimmen hinderten die (übrigens an sich vereinzelten) Judenkrawalle nicht im geringsten. Dagegen gaben sie der rumänischen Publizistik einen Vorwand, gegen die Juden zu hetzen und zu behaupten, daß die ausländische Presse, in ihrem Solde stehend, Verleumdungen über Rumänien verbreitete. Die Zeitungen forderten die Juden auf, die Neue' freie Presse., den Pester Loyd und das Journal des'Debats zu bestimmen, „doch endlich von ihren Verleumdungen

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