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Ost und West · 1917-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1917) · p. Seite 237 - 238

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-07-01
Page
Seite 237 - 238 (sequence 2)
Language
German
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237 Rumänien und seine Juden. 238 ■den sollte. Inzwischen aber wurde er in die Kammer gewählt, und als Abgeordneter war er vor dem Strafgesetz geschützt. Das war gleichsam das letzte Aufzucken der offiziellen Judenpolitik: vor Ausbruch des Krieges. Wie seit Beginn der achtziger Jahre in Rußland, so war in Rumänien seit 1866 die Judenfrage ein wesentlicher Bestandteil des Instrumentariums, mit dem die Politik von oben gemacht wurde. Nur in zwei Punkten bestand ein Unterschied zwischen Rußland und Rumänien. Dort gab es kein politisches Leben und die Politik mitsamt den Pogromen, wurde ausschließlich von der Regierung und deren Organen besorgt; hier aber stritten sich die Parteien um die Macht und bedienten sich dabei der Judenfrage, um einander zu bekämpfen; sie überboten nämlich einander in dem Eifer, das Land vor dem „verderblichen Einfluß der Juden" zu schützen. Der zweite Unterschied bestand darin, «daß das rumänische Volk, namentlich die Bauern, noch weniger an der Verfolgung! der Juden aktiv; beteiligt waren, als in Rußland; die Rumänen ■ -empfanden noch viel weniger Groll und Haß gegen .•die Juden, als die Russen, unter denen nament- " lieh die Kleinrussen — in ihrem Gebiete haben sich ja fast alle Pogrome abgespielt — seit der Mitte des 17. Jahrhunderts eine von Zeit zu Zeit immer wieder aufgefrischte Pogrom-Tradition besaßen. Trefflich charakterisiert diese Lage in Rumänien ein Artikel in der Nr. 26 des Jahres 1877 der Allgemeinen Zeitung des Judentums, von einem1 guten Beobachter, der die Ereignisse seit 1866 aufmerksam verfolgt hatte: „Die Regierung ist es mit ihrer Deputiertenkammer und ihrem1 Senat, welche an diesem maßlosen Unheil die Schuld trägt, teils durch die von ihr hervorgerufenen Gesetze, durch welche die Juden aller bürgerlichen Rechte, soweit sie dieselben von •den früheren Regierungen erhalten hatten, beraubt und immer drückenderen Ausnahmegesetzen unterworfen wurden, teils, indem sie ihre Beamten, höhere und niedere, ungestraft die Juden vertreiben, mißhandeln und ausplündern ließ, ohne daß. den letzteren irgendeine Reparation und Entschädigung verteilt wurde. Von der Regierung ging die Judenverfolgung auf die sogenannte feinere Klasse, namentlich deren Jugend, über, und ist es nun zu, verwundern, daß schließlich auch die anderen Volkselemente über die Juden herfallen und sie als gute Beute betrachten und behandeln? Man fragt sich entrüstet, woher dieser unerbittliche Judenhaß? Würde dieser seit alter Zeit zu den hergebrachten Erscheinungen dieses Landes gehören, so wäre die Erklärung leicht. Man hätte ■die Fortsetzung eines alten Uebels vor sich und könnte daran nur den Kulturzustand dieses Volkes und seiner Regierung bemerken, der noch heute zuläßt, was im übrigen Europa seit mehreren Jahrhunderten verschwunden ist. Aber die Sache verhält sich gerade umgekehrt. In der alten Moldau und Walachei erfreuten sich die Juden einer verhältnismäßig guten Behandlung. Das Volk lebte mit ihnen in Frieden; sie waren in gewerblicher Beziehung weniger beschränkt als anderswo; in Ländern unter türkischer Oberhoheit kannte man in örtlicher und gewerblicher Beziehung keine Ausnahmsgesetze. Die Juden trieben Landwirtschaft, in ausgedehntem Maße Handwerke und Tagelöhnerei, sowie Groß- und Kleinhandel. Der Haß und die Verfolgung begannen erst mit der Selbständigkeit und der Vereinigung der beiden Donaufürstentümer. Diese Verfolgungswut ist also ein Produkt der Neuzeit, seitdem die türkische Autorität vollständig beseitigt ist. Da zugleich jedes politische Moment fehlt, da die Juden auch nicht im entferntesten dem rumänischen Staat irgendeine Opposition oder nur Schwierigkeiten bereiteten, so haben wir es hier lediglich mit den Ausbrüchen einer durch die Zivilisation nur halb gebundenen Barbarei und Roheit zu tun, die wie das unterirdische Feuer der Erde nach einer Eruption drängt und ihre glühende Lava über die wehrlosen Juden ergießt." So ~ erschienen die Dinge einem Zeitgenossen, der die Ereignisse in ihrer Aufeinanderfolge genau beobachtete, aber ihren tieferen, ursächlichen Zusammenhang noch nicht so erfassen konnte, wie wir Heutigen. Wie wir gesehen haben, war die Regierungszeit des Fürsten Cusa seit der Vereinigung der Fürstentümer für die Juden segensreich, sie genossen fast alle bürgerlichen Rechte und durften auf eine stufenweise erfolgende, aber schließlich vollständige Emanzipation rechnen. Die türkische Autorität wurde vollständig erst nach dem Kriege durch den Berliner Kongreß beseitigt, als (Rumänien unabhängig erklärt wurde. Als irrtümlich erwies sich auch die Schlußfolgerung des Verfassers: „Helfen kann nur eine tatsächliche Intervention von ganz Europa. Daß aber diese eintreten werde, jetzt oder in nächster Zukunft, ist nach der politischen Lage kaum! zu hoffen." Wir haben gesehen, daß eine „tatsächliche Intervention von ganz Europa" alsbald erfolgte, und zwar in einer Form, wie sie nachdrücklicher und wirksamer nicht gedacht werden konnte. Allein, diese Intervention hat nicht nur nichts geholfen, sondern die Lage nur noch verschlimmert. Mittlerweile war die jüdische Publizistik sehr unbedachtsam in ihren Aeußerungen. Der Verfasser fordert eine „tatsächliche Intervention von ganz Europa" und denkt dabei offenbar an einen gemeinsamen gesetzgeberischen Akt sämtlicher europäischer Großmächte, der der rumänischen Regierung das Handwerk Legen sollte. Allein, die rumänischen Zeitungen, die alle Kundgebungen jüdischer Blätter mit größter Sorgfalt notierten, deuteten solche Wünsche dahin, "daß die Juden, natürlich von ihren Glaubensgenossen in Rumänien aufgestachelt, den Einmarsch fremder Trüppen in das Land zum Schutz ihrer Glaubensgenossen forderten. Das war nur eine neue Waffe in ihren Händen, um die öffentliche Meinung aufzubringen, was üm so gefährlicher war, als ein Teil der großen europäischen Presse in dem nunmehr beginnenden Krieg auf dem Balkan Partei gegen Rumänien ergriff und jede Gelegenheit wahrnahm, um dieses Land in den Augen Europas herabzusetzen. Die Neue freie Presse in Wien, der Pester Lloyd und das Pariser Journal de Debats erblickten in dem unversehrten Fortbestand der Türkei eine Lebensnotwendigkeit für ihre Länder, dagegen in einem Sieg Rußlands eine Gefahr. Da es offenkundig war, daß Rumänien auf die Seite Rußlands treten würde, richteten sich die Angriffe der genannten Zeitungen auch gegen dieses Land. Sie wirkten, hierbei natürlich nur im Sinne ihrer Regierungen, oder wenigstens starker Strömungen innerhalb der öffentlichen Meinung ihrer Länder und waren weit davon entfernt, das Interesse der Juden im Auge zu haben. Hätten sie diese ganz aus dem Spiele gelassen und sich nicht zu ihren Beschützern auf-

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