Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1917)
- Article
- Friedensziele der Juden
- Date
- 1917-07-01
- Page
- Seite 225 - 226 (sequence 7)
- Language
- German
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225 Friedensziele der Juden. 226 spiel des ungarischen Abgeordneten zeigt, daß feindliche Maßnahmen gegen jüdische Ausländer sich hinter sonderbare Masken verstecken können, so müßte der geforderte Grundsatz in eine Form gekleidet werden, die ihn vor jeder Umgehung und Verschleierung sicher stellt. Zuvörderst müßte festgesetzt werden, daß die Gleichberechtigung der jüdischen Ausländer nicht nur in bezug auf zeitweisen Aufenthalt, Gewerbefreiheit, Erwerb von liegenden Gütern, Studium an Hochschulen u. dgl. ,zu gelten habe, sondern auch in bezug auf endliche Naturalisation. Kein Staat soll fortab in betreff der Aufnahme von Ausländern in seinen Staatsverband einen Unterschied zwischen Juden und Nicht)uden machen dürfen, sei es in bezug auf persönliche Qualifikation, sei es in bezug auf Dauer der Wartezeit oder in bezug auf die etwa zu fordernde Einkaufssumme. Alles das sind Forderungen der primitiven internationalen Gerechtigkeit und entspringen nur folgerichtig dem bereits allgemein anerkannten Grundsatz der Gleichheit aller Bürger desselben Staates vor dem Rechte. Sie sind nichts anderes, als eine Ausdehnung der Prinzipien der innerstaatlichen Gesetzgebung auf die zwischenstaatlichen Beziehungen. Die Frage ist indessen sehr kompliziert, erfordert ein eingehendes Studium von sachkundiger Seite und es wäre sehr verfehlt, wenn einer der Kongresse sie ohne gründliche Vorbereitung in einer öffentlichen Debatte übers Knie brechen wollte. Amerika z. B. ist mit dem schönen Beispiel vorangegangen und hat den Handelsvertrag mit Rußland gekündigt, weil dieses sich weigerte, amerikanische Geschäftsleute jüdischer Abstammung auf gleichem Fuß zu behandeln, wie nichtjüdische. Allein andererseits ist gerade in Amerika das Problem der jüdischen Einwanderung in engherzigster Weise behandelt worden und gewisse Maßnahmen der Regierung zielten, wenn auch in verhüllter Weise, auf deren Behinderung hin. Das geschah namentlich in den letzten Jahren, seitdem die Lehre des Prof. Sombart Verbreitung gefunden hat, wonach die Juden einen besonderen wirtschaftlichen Typus darstellen, den die Nationen der Welt höchstens in dem Verhältnis von 1 o/o zur übrigen Bevölkerung ertragen könnten, sobald jedoch die Zahl der Juden über dieses Maß hinauswachse, gereiche das dem Lande zum Verderben, es müsse ein Antisemitismus entstehen, der seine natürliche Berechtigung habe, denn er erstrebe nur die Gesundung des ganzen Volkskörpers und die Wiederherstellung des durch die Juden gestörten natürlichen Gleichgewichtes. Seltsamerweise fanden sich Gruppen von Juden, die sich in unbegreiflicher Verblendung zu Aposteln dieser Lehre hergaben und sie mit Eifer diesseits und jenseits des Ozeans verbreiteten; sie fand denn auch allenthalben einen starken Widerhall und wuchs rasch zu einem volkswirtschaftlichen Dogma heran. In allen Ländern, wo die Zahl der Juden den von Sombart festgesetzten Zensus überschritt, horchte man auf und wurde stutzig. Man fing an, die Statistiken nachzuschlagen, zählte die Häupter seiner Juden, und siehe, auf einmal waren ihrer viel zu viele. In den Vereinigten] Staaten von Amerika erstarkte die Abneigung gegen die einwandernden Juden beträchtlich. Kurz nach Ausbruch des Weltkrieges fand in New York eine riesige Arbeiterversammlung statt, auf der seltsamerweise als das einzig wichtige Problem des Augenblicks die Frage erschien, ob nach dem Krieg eine vermehrte Einwanderung aus Europa zu befürchten wäre, die die Interessen der dortigen Arbeiterklasse schädigen könnte. Die Frage wurde bejaht, und in einer merkwürdigen Auffassung der Brüderlichkeit unter den Menschen wurde der Beschluß gefaßt, die Regierung aufzufordern, rechtzeitig Maßregeln gegen die Einwanderung zu ergreifen. Die anwesenden Vertreter der jüdischen Arbeiter-Organisationen machten keinerlei" Einwände, obwohl die Ausführungen häufig eine besondere Spitze gegen die Juden hatten. Man rechnete in Amerika mit aller Bestimmtheit auf einen Sieg des Zarismus im Rahmen der Entente, was natürlich eine Verschlimmerung der Lage der russischen Juden und somit eine erhöhte Auswanderung nach Amerika herbeiführen müßte. Auch in Europa rechnete man vielfach mit einem Siege des Zarismus, dessen Druck auf die Ostjuden steigen und sie in erhöhtem Maße nach dem1 Westen treiben würde. Diese Möglichkeit flößte manchen „Westjuden'' Angst ein. Am 2. Juli 1915 brachte die Frankfurter Zeitung eine Nachricht aus Holland, wonach sich in diesem Lande „ein Ausschuß zur Eindämmung der jüdischen Einwanderung nach dem Kriege gebildet hatte, dem die angesehendsten jüdischen niederländischen Persönlichkeiten beigetreten sind". Am meisten aber hat der Sache der Juden die breite und unerschöpfliche Diskussion geschadet, welche in Deutschland über das