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Ost und West · 1917-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1917) · p. Seite 227 - 228

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1917)
Article
Friedensziele der Juden
Date
1917-07-01
Page
Seite 227 - 228 (sequence 8)
Language
German
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227 Friedensziele der Juden. 228 Thema „Wohin mit den Ostjuden nach dem Kriege?" sich entspann und auf antisemitischer sowie auf jüdischer Seite mit viel Eifer und Behagen und sehr wenig Sachkenntnis nahezu zwei Jahre lang hinzog. Für alle Teilnehmer stand es fest, daß die Juden aus Rußland und seinen angrenzenden Ländern nach dem Kriege in Massen ausströmen und namentlich Deutschland überfluten würden, was der deutschen Nation und sogar den deutschen Juden zum höchsten Unglück gereichen müßte. Diese Ostjuden wurden in moralischen, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht so schwarz als möglich gemalt. Man zerbrach sich also den Kopf über die Mittel, den Schrecken abzuwenden, teils, indem man vor der Invasion unübersteigbare gesetzliche Schranken aufzurichten vorschlug, teils, indem man die unerwünschten Gäste nach fernem Ländern, gen Osten und Süden, abzuschieben empfahl. Der Sturz des Zarismus hat alle Erwartungen und Befürchtungen dieser weitblickenden Politiker in Amerika und Europa enttäuscht und ihre sämtlichen Maßregeln gegen die drohende Ostjudengefahr überflüssig gemacht. Aber ein starker Bodensatz von übler Nachrede und bösem Leumund ist geblieben, die, obwohl ursprünglich nur auf die „Ostjuden" gemünzt, auch alle anderen Juden nicht verschönern werden. Sobald man daran geht, das Prinzip der Gleichberechtigung der Juden von der inneren auf die äußere Politik auszudehnen, wird es zunächst gelten, den gedachten Bodensatz zu beseitigen. Auf jeden Fall muß die Gesamtjudenheit es als eins ihrer hauptsächlichen - Friedensziele betrachten, das Prinzip der Gleichberechtigung der Konfessionen auf dem Gebiete des zwischenstaatlichen Verkehrs und der internationalen Gesetzgebung durchzusetzen. Die Parole muß lauten: ebenso wie kein Staat in Europa sich mehr für berechtigt hält, seine jüdischen Bürger schlechter als die nichtjüdischen zu behandeln, so darf fortan kein Staat die jüdischen Angehörigen eines anderen Staates schlechter behandeln, als die nichtjüdischen ~ Bürger desselben Staates. Ein Gesetz soll für den Juden und den Nichtjuden gelten nach innen wie nach außen. Es hat lange gedauert, bis der Gedanke der bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung der Juden innerhalb der Staaten sich in der ganzen Welt durchgesetzt hat. Es hat schwere und andauernde Kämpfe gekostet. Oft schien jede Mühe verloren. Gewisse Positionen schienen für immer uneinnehmbar. Und doch ist es gelungen, daß kein europäischer Staat heutzutage das Prinzip der Gleichberechtigung den Juden gegenüber .schlechtweg zu verneinen wagen könnte. Wir haben die Genugtuung, uns sagen zu können, dass die besten Geister aller Völker in diesem Kampfe auf unserer Seite gewesen sind, und die noch größere, daß kein Land es zu bereuen hat, die Gleichberechtigung der Juden durchgeführt zu haben. Eher können wir sagen, daß wir den Wert dieser Errungenschaft hie und da überschätzt und ganz unnötigerweise für sie wertvolle Güter als ein Opfer hingeworfen haben, das niemand verlangte, nur weil wir vermeinten, uns rascher der neuen Situation anzupassen und uns ihrer „würdig" zeigen zu müssen. Andererseits ist nicht zu verkennen, daß die Gleichberechtigung in der Wirklichkeit immer nur annähernd, nie aber ganz und absolut erreicht wird. Das ist natürlich: wir bilden eine Minorität, und eine solche kann in der nüchternen und rauhen Wirklichkeit, da die Tatsachen und Dinge sich hart im Räume stoßen, nie absolut gleichberechtigt sein, sie wird immer mehr oder weniger benachteiligt werden, wenn sie es nicht vorzieht, privilegiert zu sein. Uns ist es jedoch lieber, unvollständig gleichberechtigt, als privilegiert zu sein. Wir geben uns damit zufrieden, was uns natürlich nicht zu hindern braucht, unverzagt daran zu arbeiten, daß der Abstand zwischen Theorie und Wirklichkeit stetig abnehme. Anders das Prinzip der „auswärtigen Gleichberechtigung", wie wir es kurzweg nennen wollen. Da dieses nur eine notwendige Folge und logische Ergänzung des ersteren ist, so wird es keiner so großen Anstrengungen bedürfen, um seine Anerkennung zu erkämpfen. Da es in den Beziehungen zwischen Staat und Staat nicht auf das Zahlenverhältnis ankommt, so fällt die Schwäche unserer Position als einer Minderheit fort. Neue Hindernisse, als jene, die der. Kampf um die innerstaatliche Gleichberechtigung bereits hinweggeräumt hat, werden sich uns nicht entgegenstellen. Neue Opfer werden nicht gebracht werden müssen: Es gilt nur, alle Kräfte zusammen zu fassen und das Ziel klar und fest im Auge zu behalten. In diesern Kampfe hat aller Parteihader zu schweigen, denn es geht um eine große und gerechte Sache des gesamten jüdischen Volkes. Dies wäre eins unserer Friedensziele!

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