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Ost und West · 1917-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1917) · p. Seite 203 - 204

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
Article
Am Tage des Gerichtes
Date
1917-05-01
Page
Seite 203 - 204 (sequence 8)
Language
German
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203 Am Tage des Gerichtes. 204 getrunken wie ein Faß . . . Eine Kleinigkeit! . . . Drei Tage und drei Nächte nichts zu tun, als zu trinken und Karten zu spielen . . . Sonst habe ich immer meinen klaren Kopf bei mir, wenn es sich um Geld handelt . . . Und du bringst es mir zurück!" . . . Der geschlagene Hund kroch winselnd und schweifwedelnd herbei und rieb die Schnauze an dem Stiefel seines Herrn; dieser aber holte aus und stieß ihn davon. „Siehst du nicht, daß ich ein wichtiges Geschäft habe, verfluchtes Biest? . . . Na ja, ich verstehe schon, heute ist ja bei euch Juden Tom Kippur, da euer Gott über euch zu Gericht sitzt. An euch allen zittert das Fell, euer Gott ist ein Gott der Rache, das sagt unser Pfarrer jedesmal ... Ich verstehe ... du hast Angst vor der Hölle . . . Aber ich habe nun meine neuntausend Gulden wieder, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte. Das ist recht, so wahr ich die; allerheiligste Jungfrau und den Herrn Jesus lieb habe. Kein Mensch hätte eine Ahnung gehabt. Du bist ja sonst ein tüchtiger Geschäftsmann, Simon, bist hinter jedem' Kreuzer her. Das Geld hättest du ganz ruhig einstecken können. Wie lang ist es schon her? Drei Monate. Kein Hahn hätte danach gekräht . . . Neuntausend Gulden . . . das ist ja ein Vermögen . . . Ein seltsamer Kauz bist du, Simon. Ha, ha, ha! Ein anderer an deiner Stelle hätte nicht gemuckst . . . Drei Monate . . . Ich hatte die Geschichte ganz vergessen . . . Du kommst in den Himmel, Simon, obwohl du nur ein verdammter Jude bist, aber hier auf Erden hättest du wohl einen schönen Meierhof in Pacht nehmen können." „Ich muß fort." Simon Berg erhob sich. „Ich bitte Sie nochmals um Verzeihung, tragen Sie es mir nicht nach, die Zinsen für drei Monate erhalten Sie morgen oder übermorgen. Sie haben keinen Schaden erlitten . . . Sie müssen mir verzeihen." Simon wandte sich zum Gehen. „Verzeihen?" schrie Stefan Gemba aus vollem Halse. „Verzeihen soll ich dir? Nein, mein Bester, das ist unverzeihlich, vom geschäftlichen Standpunkt, meine ich . . . Neuntausend Gulden! . . . Keine Seele hatte eine Ahnung davon. Es wäre mir nie im Traume eingefallen . . . Ein Narr bist du . . . Ein Esel . . . Verstehst du mich? . . . Wer gibt neuntausend Gulden zurück, wenn ihn keiner mahnt? . . ." Es war dunkel geworden. Simon hatte sich entfernt. Stefan Gemba ging eine Weile unruhig auf und ab, dann eilte er zur Türe und schrie hinaus: ,,Simon, Simon, komm doch mal zurück, nur ein Weilchen, ich will dir was sagen. Was ich vorhin gesprochen, habe ich gar nicht so gemeint, wo bist du, Simon?" Es kam keine Antwort. Stefan Gemba ließ sich auf den Stuhl sinken und saß eine geraume Weile da mit der Hundepeitsche in der Hand, den Kopf auf die Brust gesenkt. Allerlei seltsame Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Der-Hund kroch scheu und zögernd heran und versuchte, seine Schnauze an dem Stiefel des Herrn zu reiben, aber Stefan Gemba versetzte ihm' diesmal keinen Fußtritt, sondern streckte die PI and aus und streichelte ihn, dann hob er ihn auf, setzte ihn auf den Schoß und fing an, ihn zu liebkosein,, zum größten Erstaunen des Tieres. Der Diener kam auf den Fußspitzen herein und fragte mit furchtsamer Stimme, ob er Licht machen solle. Seine Knie bebten. „Laß es nur sein", antwortete der Herr mit einer seltsamen weichen und leisen Stimme, die jener nie von ihm gehört. Der Diener konnte sich den ganzen Abend vor Staunen nicht fassen, daß er die versprochenen Prügel nicht erhielt. * * * Simon Berg ging seinen Weg. Er befand sich wie in einem Taumel. Draußen dunkelte es schon stark, aber er gewahrte es nicht. Er schritt, wie von einer Lichtatmosphäre umflossen, dahin. Ein großes Triumphlied sang in seinem Herzen. Er fühlte sich wie verjüngt, eine neue Kraft war in ihm erwacht, durchrieselte ihn mit freudigem Beben und ließ jeden Muskel und jeden Nerv in ihm erschauern. Er fühlte sich kräftig genug, den Kampf gegen tausend Widersacher aufzunehmen, die schwersten Hindernisse wegzuräumen und zu bauen, zu schaffen, etwas Großes und Schönes aus der Erde zu stampfen. Das Bewußtsein eines Sieges war in ihm aufgestiegen, über eine unheimliche Macht davongetragen, die schon ganz nahe daran gewesen war, ihn zu vernichten. Ihm war, als wäre er in einen sonnenlosen, düsteren Raum, tief unter die Erde, hinabgestürzt und hätte sich mit der Kraft seiner eigenen Seele wieder zum Lichte emporgearbeitet. Nun war er wie 'wiedergenesen, wie einer schweren Krankheit mit dem Leben entronnen. Er war jetzt seiner sicher,gegen jede Gefahr für immer gefeit. Nun bemächtigte sich seiner ein großes, jubelndes Dankgefühl, welches seine Brust zu sprengen drohte, es überkam ihn ein unwiderstehlicher Drang, aufzujauchzen, zu singen, zu loben, sich hinzugeben. Er erhob die Arme zum Himmel und blickte empor. Erst in diesem Moment fand er sich in die Wirklichkeit zurück. Die Abendschatten hatten sich herabgesenkt. Es war jener Augenblick, in dem alle Umrisse sich verwischen und die Erde eins wird mit denen, die auf ihr wandeln. Bauern, vom Felde heimkehrend, schwebten wie Schatten vorbei, grüßten freundlich und ihre Stimmen erklangen geisterhaft in der Stille der Abenddämmerung. Irgendwo in dem tiefblauen Himmelsraum1 hing die goldig bleiche Mondsichel, und am Westrand, an der Grenzscheide zwischen Himmel und Erde, leuchtete ein breiter Streifen voti flüssigem Feu^r, vermengt mit Purpur und Blau. Ringsum1 war es so still, daß Simon Berg den Widerhall seiner Schritte hören konnte. In seinem Innern sang est wie ein großes Loblied . . . Abgerissene Verse drängten sich auf seine Lippen: „Du, hast mich' geprüft, hast mich im' Schmelztiegel geläu,tert, wie Silber, hast mich' durch Feu,er und Wasser geführt und endlich ins Freie geleitet . . . Ein lauteres Herz erschaffe mir, und den aufrechten Geist erneuere in meinem Innern" .. . Dänn beschlich ihn plötzlich eine fast schmerzhafte Sehnsucht, das große Erlebnis mit jemandem zu teilen, es einer lebendigen Seele zu erzählen und in ihr widerhallen zu lassen. Einen Augenblick dachte er an seine Schwester, die der vertraute Gefährte aller seiner Gedanken und Pläne war . . . Aber gleich schrak er zu,rück . . . Nein, sie durfte nie etwas davon erfahren . . . Dann überlegte er, ob er ihr nicht das ganze als eine Geschichte erzählen sollte, die einem Dritten passiert

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