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Ost und West · 1917-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1917) · p. Seite 201 - 202

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
Article
Am Tage des Gerichtes
Date
1917-05-01
Page
Seite 201 - 202 (sequence 7)
Language
German
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201 Am Tage des Gerichtes. 202 hüllt, da.nn soll der Ewige über dir erstrahlen, und seine Herrlichkeit dir voranleuchten, auf daß die Völker in deinem Lichte wandeln und die Könige im Glanz deines Morgenrotes . . . Ich, der ewige Gott, liebe das Recht und hasse Raub und Unrecht; ich werden ihnen ihre Werke heimzahlen in Wahrheit, und dann einen ewigen Bund mit ihnen schließen. . . . Wer darf wohnen in deinem Zelte, wer darf weilen auf deinem heiligen Berg? Wer gerade wandelt und das Rechte übt und Wahrheit im.Herzen redet". . . Hundert stolze Stimmen erwachten in Simon Berg, hundert Zeugen der Vergangenheil kamen herbei und umstanden sein Lager. Die Verkörperung der Frömmigkeit und Gelehrsamkeit fing an, sich immer mehr zu verwischen, bald war sie ins Leere zerflossen, ihre Stimme war verschollen . . . Simon Berg fühlte sich1 wie neu belebt und emporgetragen; die Betäubung, die ihn umfangen, war völlig gewichen. Er lachte, erhob sich vom Sofa, ergriff das Stemmeisen und legte es an die Türe. „Panie Simon, den gnädigen Herrn wollen Sic sprechen?" sagte Stefan Gcmbas Diener. Er hatte ein verbundenej Gesicht und unterlaufene Augen. ,,Ich rate Ihnen, kommen Sic lieber morgen. Der gnädige Herr hat heute seinen Tag. Wir alle haben furchtbare Prügel bekommen. Schauen Sie an, wie ich aussehe. Ich getraue mich nicht, Sie anzumelden. Er hat mir für heute noch eine Portioin versprochen, und er hält Wort, ich kenne ihn. Er ist im Zwinger, dressiert einen neuen Hund." „Ich werde mich' schon selber anmelden", sagte Simon Berg und schlug den Weg zum Zwinger ein. Das schmerzliche Heulen eines arg geprügeltem Hunde:; scholl ihm entgegen. Stefan Gemba ließ beim Anblick seines Gastes ein langes Wiehern vernehmen, versetzte dem kleinen Hund einen Fußtritt, daß er mit jämmerlichem Geheul gegen die Wand flog, und sagte: „He, he, he, Simon? Hundemensch, was bringst du mir zu dieser Stunde?" „Ich habe ein wichtiges Geschäft mit Ihnen abzumachen" . . . Stefan Gemba wurde sofort aufmerksam; mit Simon Berg, dem Oberverwalter von Rebenstein, stand er in geschäftlichem Verkehr, und hier konnte es sich um große Summen handeln. Jetzt erst bemerkte er, daß Simon die Sabbatgewänder anhatte und er erinnerte sich, daß heute bei den Juden ein heiliger Tag war. Er konnte sein Staunen nicht bemeistern: ..Just am heutigen Tage, da alle Juden zitternd in der Synagoge stehen und sich wegen ihrer verruchten Sünden ans Herz schlagen, mußt du Geschäfte abmachen? O, das muß aber sehr wichtig sein. Na, setz dich nur und laß mal hören!" „Die Sache duldet keinen Aufschub. Ich bringe Ihnen neutausend Gulden, die ich. Ihnen schulde." Stefan Gemba hörte nur, ,.neuntausend Gulden", und seine Augen leuchteten. „Neuntausend Gulden? So. so. na, gut, gib sie nur her!" Simon legte das Paket vor ihn hin, und Stefan Gemba fing an, mit Eifer zu zählen. Seine dicken Nüstern zuckten nervös, seine Augen .brannten. Er befeuchtete jedesmal den feisten Daumen und drückte ihn fest auf die Banknote. Dreimal zählte er, dann schob er das Geld in die Brieftasche und steckte sie ein. „Ich glaubte eigentlich, nach unserer letzten Verrechnung im Juli hättet Ihr noch von mir etwas zu fordern. Aber auf deine Rechnung kann ich mich ja ganz verlassen. Wann erhalte ich die Zinsen? Seit wann steht diese Summe aus?" „Die Zinsen für drei Monate bekommen Sie morgen oder übermorgen. Das Geld stammt gar nicht aus dem Geschäft", sagte Simon Berg etwas unsicher. „Es ist eine persönliche Schuld, die ich an Sie abzutragen habe. Noch vor drei Monaten hätte ich' es tun sollen. Ich bitte Sie um Verzeihung, daß ieli so lange gezögert habe." „So, so, nicht aus dem Geschäft?" sagte Stefan Gemba nachsinnend. „Ich erinnere mich eigentlich nicht, dir persönlich je neuntausend Gulden geliehen zu haben, und ohne Wechsel dazu. Aber, wenn du es selbst sagst ... Zu welchen Zinsen denn?" „Es war kein Darlehn", antwortete Simon Berg und stand auf. Er hatte seine ganze Ruhe wiedergewonnen und schaute dem Gegner fest ins Gesicht. „Ich habe mir das Geld widerrechtlich angeeignet. Erinnern Sie sich an jenen Morgen, als Sie mir die ausgeborgten tausend Gulden auf mein Kontor wiederbrachten? Sie kamen ganz betrunken vom Ball. Sie gaben mir zehn Tätigende anstatt zehn Hunderte. Ich bemerkte das erst eine Woche später, wollte Ihnen das Geld gleich zurückgeben, aber,der böse Geist hielt mich solange ab. Jetzt haben Sie es wieder. Und ich' bitte Sic inständigst um Verzeihung, daß ich so lange gezögert habe." Stefan Gemba hörte anfangs sprachlos zu, dann erfaßte ihn eine wilde Wut, er wurde puterrot im Gesicht und atmete schwer. Dann fing er an, laut zu schreien: „Was? Bcstohlen hast du mich? Begaunert, betrogen? Mich. Stefan Gemba, den noch, kein Mensch je um einen Kreuzer straflos geschädigt hat? . . . Räuber, Dieb, Gauner, der du bist!" Simon Berg stand da, die Hand auf die Tischkante gestützt, und ließ den Ausbruch über sich ergehen. Der andere schäumte vor Wut und ergriff die Hundepeitsche. Dann erhob er die Hand und wollte sich auf Simon Berg stürzen. Dieser wurde blaß, faßte ihn kräftig bei den Handgelenken, entwand ihm mit raschem' Griff die Peitsche. Dann zwang er den Wehrlosen mit einem Ruck auf den Stuhl. Stefan Gemba ächzte .schmerzlich unter der eisernen Umklammerung. „Au!" schrie er laut auf. „Laß doch los. Ich wollte dir ja nichts zu Leide tun." Er hatte vor nichts in der Welt Respekt, nur vor physischer Uebermacht. Jetzt war Simon Berg in seinen Augen ein Held. „Ich bin ein bißchen böse geworden, aber ich wollte dich gar nicht schlagen. Wo werde ich das? Wir sind ja alte Geschäftsfreunde. Ich bin nun einmal etwas jähzornig . . . Also du bringst mir neuntausend Gulden zurück ... O, deine Finger sind aus Stahl, Teufel! . . . Ich hatte keine Ahnung . . . Das ist rein wie gefunden . . . Ich hatte zweih-undertfünfzig- oder zweihundertdreißigtausend Gulden im Spiel gewonnen, ganz genau wußte ich's nicht . . . Wäre mir nie in den Sinn gekomman . . . Daß ich aber zehn Tausende anstatt zehn Hunderte einpacken konnte . . . Man kann nie vorsichtig genug' sein . . . Zum Teufel auch'! Eine merkwürdige Geschichte! . . . Und du gibst es mir zurück . . . Unverzeihlich', daß ich mich so verzählen konnte . . . Ich war aber auch voll-

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