Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
- Article
- Am Tage des Gerichtes
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 205 - 206 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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205 Am Tage des Gerichtes. 206 sei, die er von den Leuten gehört habe, als von einem großen, merkwürdigen Ereignis. Aber es wurde ihm bald klar, daß der gerade und kindlich reine Sinn seiner Schwester das nicht verstehen würde, sie würde ihn bloß auslachen. Was war denn Großes oder Merkwürdiges dabei? Ein redlicher Mensch rührt fremdes Gut nicht an; hat es einer getan, so muß er es bald zurückgeben, sonst ist er kein redlicher Mensch; man kann höchstens Mitleid mit ihm haben. Das war für sie so einfach. Was ist da viel Wesens davon zu machen?... In Simon Bergs Augen schrumpfte plötzlich sein großes Erlebnis bedenklich zusammen ... Er empfand einen stechenden Schmerz . . . Doch nein ... Im Geiste ging er alles durch, was er seit gestern abend erduldet, was ihn durc'htobt und erschüttert, gebeugt und aufgerichtet hatte; wie der Versucher an ihn herantrat, und wie er sich . seinen Schlingen entwand; er vergegenwärtigte sich die höllischen Abgründe, in die sein Blick hinabgereicht hatte und wie er wieder in die Tageshelle auftauchte . . . Nein . . . Ein Schaudern überlief ihn, aber um keinen Preis der Welt hätte er das Ganze aus seinem Leben wegstreichen mögen. Seinem Sohne wollte er es überliefern, wenn dieser zum Mann herangereift ist und das Leben an ihn herantritt, mit seinen Kämpfen und Lockungen ... Er nahm sich vor, diesen ganzen Tag von Zeit zu Zeit im Gedächtnis zu durchmustern, um sich ihn für immer in die Seele einzuprägen . . . Jetzt kam ihm die schöne alte Parabel in den Sinn, wie Gott am Ende der Tage die Gerechten in einer und die Bösewichter in einer anderen Reihe aufstellt; und dann bringt er den Jezer hara und setzt ihn zwischen beide Reihen; dieser erscheint den Gerechten wie ein hoher, steiler Berg, den Bösewichtern wie ein winziges Sandkörnchen; die Gerechten jubeln: einen so hohen, steilen Berg haben wir überschritten! Die Bösewichter jammern: ein solch winziges Sandkörnchen haben wir nicht zu überwinden vermocht!... . Simon Berg war jetzt zu Mute, als' hätte er mit einem Aufgebot übermenschlicher Kräfte einen ungeheuer hohen Berg erklommen, befände sich nun auf dem höchsten Gipfel und hielte Ausschau in die weite lichte WTelt, die offen vor ihm dalag1. Als wären ihm Flügel gewachsen, eilte er dahin... Plötzlich tauchte vor ihm aus dem' Dunkel das Portal des Bethammidrasch auf. Ohne daß er es gemerkt, hatten ihn die Beine dorthin getragen. Tür und Tor waren weit geöffnet, und aus dem Innern wogte ihm' ein Meer von Licht entgegen. Simon Berg ging leise in einen Winkel der Vorhalle, zog die Stiefel aus und schritt in den Socken zum Eingang. An den Pfosten gelehnt stand Izik, der Schmied, den Tallith auf die Schultern herabgelassen, seine derben, schwieligen Hände hielten ein altes, abgegriffenes Machsor. Simon blickte hinein ... Er war noch zur rechten Zeit angelangt. Das Neilah-Gebet ging zu Ende. Bald war der Jörn Kippur vorüber, aber in der Menge der Versammelten herrschte eine festlich angeregte, erwartungsvolle Stimmung, als sollte der Tag jetzt erst beginnen. Von der Biniah herab erscholl David Chasans machtvolle Stimme, die den ganzen Raum beherrschte: „Du reichst die Hand den Sündern, und deine Rechte ist ausgestreckt, um alle aufzunehmen, die heimkehren zu dir. Und uns lehrtest du Ewiger, unser Gott, vor dir all' unsere Sünden zu bekennen, damit wir unsere Hände fernhalten von jeglichem Unrecht, dann willst du uns aufnehmen in vollkommener Bekehrung zu dir" . . . Gleich jenem verglimmenden Abendrot, aus Flammen und Purpur gewoben, schwebt der Gesang über den Köpfen der Versammelten. David Chasan legt die ganze Glut seiner Seele in diesen Gesang. Töne des Jubels und der Zerknirschung erklingen abwechselnd, und eines wehmütigen Abschiednehmens von diesem! wundervollen Tage, der jetzt von ihnen geht mit seiner süßen Herbheit, um erst nach einem Jahre wiederzukommen mit seiner unvergleichlichen Hoheit und Pracht, mit seiner zermalmenden Wucht und seinen beseligenden Schauern und seiner läuternden Zaubergewalt, und sie gleich einem Wirbelsturm aus der Höhe dem Pfuhl des Alltags zu entreißen und in die Nähe Gottes zu entführen . . . „Du hast den Sterblichen ausgezeichnet vom Urbeginn her und ihn gewürdigt, vor dir zu stehen. Denn wer kann zu dir sprechen: „Warum tust du das?" Und wenn der Mensch gerecht ist, was gibt er dir damit? Darum hast du, Ewiger, unser Gott, in deiner Liebe uns diesen Versöhnungstag gegeben als; Frist zur Vergebung und Verzeihung für alle unsere Sünden, damit wir unsere Hände fernhalten von jeglichem Unrecht und zu dir zurückkehren und die Gesetze deines Willens erfüllen von ganzem Herzen. Du aber in deiner großen Barmherzigkeit, erbarme dich unser, denn du willst ja nicht, daß die Welt zugrunde gehe, wie du gesagt hast: Suchet den ewigen Gott, denn er läßt sich finden, rufet ihn an, denn er ist nahe. Ferner sagtest du: Es verlasse der Bösewicht seinen Weg und der Mann des Unrechtes seine Pläne, und kehre zurück zu Gott, der erbarmt sich sein . . . Du hast Wohlgefallen an der reuigen Umkehr der Frevler, und willst nicht, daß sie untergehen. Wie du durch den Ivlund deines Propheten gesagt hast: Sprich zu ihnen, so wahr ich lebe, lautet das Wort des ewigen Gottes, will ich denn, daß der Frevler untergehe? Ich will ja nur, daß er von seinem Wege umkehre, und am Leben bleibe . . ." Simon Berg fühlte jetzt, daß sich etwas Weiches und Warmes an seine Knie schmiegte. Er ließ die Hand sinken und berührte die Köpfchen seiner beiden Kinder. Stürmisch hob er beide auf einmal zu sich empor und bedeckte ihre kleinen Gesichter mit Küssen, als feierte er ein Wiedersehen nach langer, langer Trennung. Ein Strom heißer Tränen brach aus seinen Augen, ein wildes Schluchzen erschütterte seine breite Brust. Die Kleinen waren nicht bestürzt, nicht einmal verwundert. Heute weinten alle Erwachsenen. Soeben hatte ihre Tante auch, so sehr geweint . . . „Tante schickt uns 1" sprachen die beiden durcheinander, „wir sollen dir sagen, sie geht nach Hause, den Tisch zu decken. Du sollst bald nachkommen." Simon ließ die Kinder herunter. „Geht nur mit der Tante, ich komme schon nach."