Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
- Article
- Am Tage des Gerichtes
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 199 - 200 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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199 Am Tage des Gerichtes. 200 nicht aufzukommen vermochte. Seine Wertlosigkeit wurde noch vermehrt durch die physische Schwäche, die immer mehr von ihm Besitz nahm. Ein starkes Bedürfnis nach Stille und Frieden überkam ihn. Wenn er diesen streitenden Stimmen in seinem1 Innern nur Schweigen gebieten könnte! . . . Aber so matt er war, bäumte sich doch in ihm das Gewissen des schlichten Arbeitsmenschen auf, den der Gedanke empörte, in der Pflicht der Ehrlichkeit und Menschlichkeit zwischen den Glaubensbekenntnissen einen Unterschied zu machen . . . Allein die unsichtbare Verkörperung der Frömmigkeit, und Gelehrsamkeit an seiner Seite fuhr fort: Ja, wenn dieser Stefan Gemba wenigstens ein ehrlicher, frommer Goj wäre, der seine sieben Gebote erfüllt! Wie hat ihm Gott das Leben leicht gemacht. Uns hat er sechshundertdreizehn Gebote und Anerböte auferlegt, und dazu eine Unzahl von Vorschriften und Erschwerungen. Wer eine übertritt, hat gleich eine Sünde begangen und muß b'üßen im Diesseits oder im Jenseits. Von den Gojim verlangt er nur die Erfüllung von sieben Geboten. Ein Goj, der sie beobachtet, steht bei Gott so hoch, wie der Hohepriester in Israel. Und die Gerechten unter den Gojim haben ihren Anteil am ewigen Leben; ihre guten Taten sind Gott so lieb, wie die Sühneopfer im Tempel auf Morija. Gott begehrt nur das redliche Herz des Menschen, sonst ist es ihm gleich, auf welche Weise ihm einer dient . . . Aber Stefan Gemba, hält er diese Gebote? Der lügt, betrügt, wuchert, schindet die Leute, kennt kein Erbarmen, prügelt blutig seine Angestellten und Bauern; der ehemalige Schweinehändler und Hundezüchter quält heute noch die Tiere herzlos, rafft nur Geld zusammen, praßt und schlemmt, hat zahllose Mädchen verführt, Ehefrauen ins Unglück gestürzt. Es ist eine Sünde, ihm in irgendeiner Weise beizustehen, denn du stärkst damit nur die Hände eines Bösewichtes. Wenn du ihm dazu verhilfst, Geld zu verdienen, so wird er das Geld nur dazu verwenden, Frevel auf Frevel zu häufen, und du machst dich zum Mitschuldigen an seinen neuen Missetaten . . . Als Gott sah, daß sie ihre sieben Gebote mit Füßen traten, gab er ihre Habe den Gerechten frei. Wenn diesedavon nehmen, ergreifen sie nur Besitz von ihrem rechtmäßigen Erbe. Sie werden es schon Gott zum Wohlgefallen verwenden . . . Nicht als ob ich dir erlauben wollte, ihn zu bestehlen, oder zu betrügen. Gott behüte vor solchem Gedanken! Das wäre auch dem ärgsten Verbrecher gegenüber eine schwere Sünde ... Auch nur in Gedanken ihn zu täuschen ist. streng verboten ... Aber wenn solch ein Stefan Gemba sich verzählt hat, ist es ganz, wie wenn er eine Summe Geldes im1 freien Felde verloren hätte, ohne eine Ahnung zu haben, daß er sie je besessen hat. Es ist herrenloses Gut. Wer es findet, dem gehört es. Bist du verpflichtet, ihm' nachzulaufen, um ihm seinen Verlust zurückzugeben? Damit er sich dafür wilde Gelage veranstaltet und dann das ganze Hausgesinde blutig prügelt? ... Simon Berg war es, als hätte sich sein Ich gesoalten. Die eine Person in ihm mit der Stimme und der Gebärde einer Verkörperung der Frömmigkeit und Gelehrsamkeit, redete immer eifriger und süßer auf ihn ein und schlug die Augen wie beschwörend zum Himmel auf; die andere lauschte nur. staunend und beklommen . . . Du, Simon Berg, bist ein Gerechter; natürlich darfst du dich nicht überheben, nicht hoffärtig werden, aber du hast stets die Gebote Gottes peinlich beobachtet, hast die Begierden deines Herzeins mit eisernem Willen und in schwerem Kampfe stets bezwungen, so jung und kräftig du bist und so oft die Versuchung an dich herantrat ... Davon ganz zu schweigen, daß du immer dein Gut mit den Armen und Hungrigen teiltest, und daß du es im Zukunft, wenn du mit Gottes Hilfe ein reicher Mann geworden bist, in noch höherem Maße tun wirst . . . Und nun sollst du dich für diesen Stefan Gemba opfern und seinetwegen noch eine so schwere Sünde, wie die Entweihung des Sabbats der Sabbate, auf deine Seele laden? . . . Nicht weil er kein Jude ist, das macht hier keinen Unterschied. Und wenn er hundertmal Jude wäre, wie könntest du mit ihm etwas gemein haben, oder gar verpflichtet sein, ihm zu helfen, verlorenes Gut, von dem er keine Ahnung hat, wiederzuerlangen, noch dazu mit deinem eigenen schweren Schaden? Du, Simon Berg, bist ein Auserwählter, ein Liebling Gottes. Wer ist dieser Stefan Gemba im Vergleiche mit dir? Wären ihm ebenfalls solche Gewissensbisse gekommen, wie dir? Hätte er die Fähigkeit, solche Seelenqualen zu empfinden, wie du sie seit vierundzwanzig Stunden, ja, seit drei Monaten erduldest, während du doch keinem Menschen in der Welt weh getan hast? Beweist das nicht allein, wie hoch du über ihm stehst? Hast dü nicht damit allein schon diese eingebildete, diese Schein - sünde vollkommen gesühnt? Es ist eine Fügung Gottes, daß du die Schlüssel nicht bei dir hast. Gott will nicht, daß du jetzt am Jörn Kippur, während alle Juden der Welt ihre Sünden bereuen, deine Seele durch Entweihung des heiligen Tages befleckst, um die Hände eines solchen Frevlers zu stärken. Ruh dich nur aus; es ist noch Zeit und denke nur daran, welch eine Welt dich von diesem Stefan Gemba trennt" . . . Simon Berg ruhte sich aus und strengte sich an, nachzudenken, und ihm kamen alle die Momente in den Sinn, die ihn von Stefan Gemba trennten und ihn hoch über ihn erhoben . . . Du bist ein Auserwählter, Simon Berg, mit deinem Urahn schloß Gott einen ewigen Bund und sprach zu ihm: du sollst zum Segen werden allen Stämmen der Erde; wandle vor mir und sei makellos . . . Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heilig Volk . . . Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott: wenn ein Fremder bei euch wohnt, so sollt ihr ihn nicht kränken, denn Fremde wäret ihr im Lande Aegypten, wie ein Eingeborener von euch soll er euch gelten und du sollst ihn lieben, wie dich selbst. Du darfst ihn nicht bedrücken und ihn nicht täuschen; ihr wißt ja, wie es dem Fremdling zu Mute ist, denn Fremdlinge wart ihr selber im Lande Aegypten. Beuge nicht das Recht des Fremden; verflucht sei, wer das Recht des Fremden beugt . . . Ihr sollt kein Unrecht tun in Maß und Wage. Ihr sollt nicht trügen und treulos sein einer gegen den anderen . . . Ihr sollt nicht ausspähen nach den Gelüsten eures Herzens und eurer Augen, denen ihr nachbuhlt . . . Ich, der Ewige, habe dich gerufen und deine Hand erfaßt und dich geformt zum Bunde der Völker, zum Licht der Welt . . . Unter den Völkern soll ihr Name bekannt sein, alle die sie sehen, sollen sprechen: das ist der Same, den Gott gesegnet hat . . . Wenn Finsternis die Erde bedeckt und Nebel die Völker um-