Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
- Article
- Am Tage des Gerichtes
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 197 - 198 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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197 Am Page des Gerichtes. 198 tag beginnt . . . Alle sind drinnen, nur er, Simon Berg, steht draußen, einsam und verlassen. Vergebens blickt er zu den hohen Pforten hinauf, sie ragen hart und schweigsam und verlieren sich oben in den Wolken, er mag pochen, mag sich die Fäuste wundschlagen, die Pforten sind verschlossen für ewig . . . Kein Einlaß . . . „Rasch, rasch, beeile dich" . . . murmelte eine schwache Stimme in ihm, aber er lag kraftlos da, die Arme und die Beine wie benommen. Und drinnen ruhten die neuntausend Gulden . . . Wenn der Abend kommt, dann erhebe ich mich, dann gehe ich hin . . . Und die Tore sind verrammelt . . . Ein scharfer, klarer Gedanke tauchte vor ihm auf: Wenn der Abend herabgesunken ist. dann ist alles vorbei, dann wirst du nie die Kraft finden . . .Der Tag des Gerichtes ist vorüber . . . Dann kommt der Wochentag" brausend und hastend . . . Die Arbeit: beginnt, die Menschen kämpfen und balgen sich um den kupfernen Kreuzer . . . Und alles bleibt beim alten . . . ,,Steh auf, nimm' dich zusammen! Dort liegt das Stemmeisen, in zehn Minuten ist alles getan . . ." Er hörte das Krachen der eingebrochenen Türe . . . Brr . . . am heiligen Jörn Kippur . . . Es ist schon eine Sünde, solch ein Instrument nur zu berühren . . . An diesem heiligen Tage steht ein Jude und bricht eine Türe ein, dann eine andere, nur weil er sich nicht die Kraft zutraut, den einmal gefaßten Beschluß auszuführen, wenn der Zauber des Jörn Kippur vorüber ist. Pfui, welch eine Schwäche! .. Man bricht nicht ein Gesetz, welches man sein heben lang heilig gehalten hat . . . ,,Steh lieber auf und gehe ins Bethammidrasch und bete wenigstens Nc'ilah mit allen anderen zusammen. Den ganzen lieben Tag ist kein heiliges Wort über deine Lippen gekommen. Bist du ein Kind? Bist du ein altes Weib? Hast du gar keine Gewalt über dich? Der Sabbat der Sabbate! . . . Ein so heiliger Tag! Jeder Jude würde sich die Hand ausrenken lassen, ehe er an einem gewöhnlichen, ganz gewöhnlichen Sabbat, von dem es zweiundfünfzig im Jahre gibt, eine solche Sünde begeht . . . Wenn es sich darum handeln würde, einem Menschen das Leben zu retten, oder auch nur einem Kranken die Leiden zu lindern, das wäre ganz etwas anderes. Lebensrettung beseitigt den Sabbat . . . Der Sabbat ist in eure Gewalt gegeben, aber ihr seid nicht in die Gewalt des Sabbat gegeben . . . Das ist ganz etwas anderes, aber um Geld . . um leidigen Geldes willen den Sabbat zu entweihen ... Stefan Gcmba kann warten . . Wegen des Stefan Gemba den Sabbat zu verletzen . . . Nein, das wäre ein unerhörter Frevel! . . . Hält er etwa den Sabbat?" Simon Berg bekam förmlich einen Ruck . . . Daß er daran ganz vergessen hatte . . . Stefan Gemba war ja ein Goj. ein Nochri, ein Fremder . . . Was ging ihn im Grunde Stefan Gemba an? Den Jom Kippur entheiligen, damit dieser Mensch etwas früher in den Besitz seines Geldes komme, welch ein Unsinn! . . . Alle Juden der Welt, soweit sie an ihrer Religion festhalten, hüten sich, an diesem Tage ein Stück Papier entzwei zu reißen, einen Grashalm zu pflücken . . . und er soll, eine Türe, zwei Türen einbrechen mit einem schweren Stemmeisen . . . Eine Menge gelehrter und frommer Floskeln kamen ihm in den Sinn, die alle von der Heiligkeit des Sabbat erzählten . . . Die Gesetze über die an diesem Tage verbotenen Verrichtungen füllten einen dicken Band . . . War das eine Kleinigkeit? . . . Wir wollen warte.?, bis es Abend ist, Stefan Gemba läuft nicht weg . . Am Abend? . . . Wär's nicht besser, bis morgen zu warten? . . . Am Abend ist man müde vom Fasten . . . man kann nicht die Familie an diesem Abend plötzlich allein lassen und sich zu Stefan Gemba schleichen ... vielleicht schläft er um diese Stunde schon . . . Morgen, morgen . . . man ist beruhigt, überlegt die Sache . . . Dann werden wir ja sehen . . . Stefan Gemba kann warten . . . Würde er seinen heiligen Feiertag entweihen, um einem Juden Geld, zurückzuzahlen? Fiele ihm nicht ein! . . . Wozu das Hetzen? . . . Simon Berg hörte förmlich eine lebendige Stimme, die ihm ins Ohr zischelte . . . „Nur keine übereilten Schritte. .. Die Sache ist stark übertrieben . .. Wenn erst der Jom Kippur vorüber ist, dann erscheint das Ganze in anderem Lichte . . . Das alles ist wie ein Traum . . . Man muß es mit nüchternem, klarem' Verstände beurteilen" . . . Stefan Gcmba war ihm vollkommen fremd, was ihm heilig war, galt jenem als null und nichtig, ein Gegen» stand der Geringschätzung und des zynischen Spottes. Und was jener verehrte, mußte er, Simon Berg, als Irrtum oder Unwahrheit von sich weisen, sonst war er ein Abtrünniger, verleugnete die Religion seiner Väter . . . Nie konnten die Beiden innerlich in Berührung kommen, weder auf dieser noch auf der anderen Welt . . . Und wenn Stefan Gemba und die Seinigen einmal wild wurden, dann fielen sie über Simon Berg und seine Glaubensgenossen her und mordeten und sengten . . . Wie oft ist das in früheren Zeiten geschehen! . . . War man sicher, daß das nicht jeden Tag wiederkommen würde? . . . Und in ganz ruhigen Zeiten betrachtete Stefan Gemba ihn und alle. Juden nicht als Fremde, die nur geduldet waren auf der Welt Gottes, nur leben und atmen durften, soweit er es ihnen erlaubte und sie ihn nicht beengten? Schimpfte und fluchte er den Juden nicht bei jeder Gelegenheit? Wenn die Regierung einmal die Zügel locker ließ, mochten sie nicht alle über die Juden herfallen und Blutbäder unter ihnen anrichten und ihre Habe plündern und sie als Bettler davonjagen? ... Es war ein ewiger Krieg zwischen ihm und Stefan Gemba, ein Krieg, der nur zeitweise ruhte . . . Stefan Gemba besaß alles, war Herr dieser Welt, konnte tun und werden, was er wollte . . . Von ihm, dem Juden, hieß es, das darfst du nicht anfassen, hier darfst du nicht wohnen, das kannst du nicht werden, wenn du Jude bleiben willst... Und da sollte er ihm zuliebe den Jom Kippur entweihen . . . Warum sollte er überhaupt gegen ihn handeln, wie wenn er seinesgleichen wäre, der mit ihm zusammen leidet, in demselben Gotteshaus die gleichen Gebete verrichtet, dieselben Gebote erfüllt, auf dieselbe Art lebt und auf dieselbe Art stirbt und auf dem gleichen Friedhof ruhen wird, von denselben Ahnen stammt und sein Verwandter ist? . . . Simon Berg vernahm jetzt ganz deutlich die Stimme, die zu ihml eifrig und aufgeregt sprach, ganz wie in der vorigen Nacht, als er einsam durch die Felder irrte . . . Ihm war, als: stünde jemand neben ihm und redete auf ihn ein ... Irgendein Mensch, dessen undeutliche, schattenhafte Züge er nicht unterscheiden konnte, der aber die Verkörperung' der Frömmigkeit und Gelehrsamkeit war ... Er fühlte sich wie zerschmettert von diesen Argumenten, gegen die er