Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
- Article
- Am Tage des Gerichtes
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 195 - 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584069-2584073-2605767--16592-2605806- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
195 Am Tage des Gerichtes. 196 Füße wie Klötze auf der Erde nachschleiften. Er wollte und konnte nicht halt machen. Mit festem Schritt betrat er sein Haus. Er befand sich völlig allein. Jetzt galt es, in die Kammer zu gehen, die unterste Schublade des alten Kastens zu öffnen, die Brieftasche mit den neuntausend Gulden hervorzuholen und sie zu Stefan Gemba hinzutragen. Damit war alles getan. Er schritt auf die Kammertüre zu ... Ah, sie war verschlossen, mit einem Vorlegeschloß für zwei Schlüssel; der Kasten drinnen war auch verschlossen, und das Schlüsselbund hatte die Schwester bei sich . . . Simon Berg ließ sich mit einem verzweifelten Schrei auf einen Stuhl sinken. Was tun?... Ins Bethammidrasch zurückeilen?... Unter welchem Vorwande sollte er von der Schwester plötzlich das Schlüsselbund verlangen?.. Nein, das war unmöglich . . . Davon konnte nicht die Rede sein . . . Rasch entschlossen ging er in die Küche und brachte das Stemmeisen herbei. Eine Weile wiegte er es in der Hand und suchte nach einer passenden Stelle, wo er es ansetzen sollte. Es1 galt, die fest verrammelte, schwere Tür auszuheben und den Kasten zu erbrechen. Dann mußte alles wieder in Ordnung gebracht werden, damit die Schwester nicht beunruhigt werde ... Er erwog . . . Plötzlich warf er das Eisen von sich, als hätte er sich verbrüht... Heute war doch Jörn Kippurl . . . Das wäre ja eine schwere Verletzung des Sabbat . . . Zwei Türen einbrechen . . . Geräte zertrümmern und wieder herstellen, wo keine Lebensgefahr vorhanden war . . . Simon Berg war kein Frömmler, aber nie im Leben hatte er sich eine Entweihung des Sabbat zuschulden kommen lassen . . . Das ganze Zeremonialgesetz, die Speisegebote und die strengen Vorschriften der Sabbatheiligung und alles andere, was mit dazu gehörte, behütete er gewissenhaft, wie es sein Vater und seine Mutter und alle seine Vorfahren seit Jahrtausenden getan. Er hatte über verschiedenes nachgedacht, und manche Zweifel waren ihm gekommen, ob auch all die zahllosen Gebote und Verbote in der Religion begründet seien. Wie jedem Juden, war es ihm tief eingegraben, daß das ganze komplizierte System von Vorschriften nur das äußere Gewand der Thora war, der Leib, in dem die Seele wohnte. Schließlich war er zu der Ueberzeugung gekommen, daß ohne Leib keine Seele auf Erden leben konnte. Es gehörte am Ende weder große Weisheit noch Bildung dazu, sich über diese Vorschriften hinwegzusetzen, und die sie mit Füßen traten, waren nicht gerade die Edelsten und Reinsten unter den Juden. Diese „Pflichten gegen Gott", welche der trockene Menschenverstand so leicht als hinfällig darstellen oder gar ins Lächerliche ziehen konnte, brachten Stil und Rhythmus in sein Leben und gaben ihm einen festen Rahmen. Sie bildeten die unzähligen Fäden, welche ihn mit dem Ueberweltlichen, Unsichtbaren verbanden; indem er sie beobachtete, erfüllte er täglich und stündlich den Willen Gottes, der die Menschen zum Guten leitet. Es hatte den Anreiz des Heroischen, gerade jene Gebote am peinlichsten zu befolgen, gegen welche die nüchterne Klügelei die meisten Einwände erhob oder die der natürlichen Genußsucht die strengsten Zügel anlegten. Und gerade daß diese Gebote so ganz ungestraft verletzt werden durften, daß keine Macht auf dieser Welt ihre Uebertretung ahndete, daß dies heutzutage auch im bürgerlichen Leben niemandem' Schaden oder Schande brachte, daß der erste beste dumme Junge oder reichgewordene Protz noch damit prahlen und sich darob für aufgeklärt halten durfte, gerade der Umstand, daß deren Beobachtung so ganz dem freien Willen und dem Gutdünken des Einzelnen überlassen war — machten sie ihm noch teurer. Sein gerader Sinn hätte es als Feigheit1 und Liederlichkeit empfunden, ein Gesetz zu übertreten, das durch keine Polizeivorschrift und keine weltliche Strafandrohung geschützt war, gleichwie jeder feinfühlige Mensch sich doppelt scheut, eine Gartenanlage zu zerstampfen, die nur „von Rosen umheckt", aber von keinem eisernen Zaun umgürtet und lediglich dem Schutze des Publikums anvertraut ist. Der Sabbat aber war ihm besonders heilig und unantastbar. Er brachte eine köstliche Poesie, den Abglanz eines höheren Lebens in sein wochentägliches, graues Dasein, welches von Arbeit, Mühe und Sorge um materielle Dinge ausgefüllt war. Simon Berg liebte darum auch die tausend kleinen späteren Anordnungen und Vorschriften, welche die Heiligkeit des Sabbat schützend umhegten, und er fühlte, daß, wenn diese Weihe aufhörte, ein klaffender Riß in sein ganzes Dasein käme und ihm der feste Boden unter den Füßen verschwände. Er würde hinabgleiten wie auf einer schiefen Ebene. In seinem Beruf scheute er keine Anstrengung und nicht die größten Opfer, um auch die leichteste Entweihung des Sabbat zu vermeiden. Nun war er im Begriffe, nicht einen gewöhnlichen Sabbat, sondern den „Sabbat der Sabbate" so schwer zu entheiligen . . . Gab es keinen anderen Ausweg? Verzweifelt schlug er die Hände über den Kopf zusammen. Wie sollte er sich aus dieser Klemme befreien? ... Er wollte nachdenken . . . Eine Schwäche •überkam ihn. Er empfand einen leichten Augenschwindel. Das vierundzwanzigstündige Fasten und die großen seelischen Erschütterungen, die er durchgemacht, meldeten sich auf einmal. Er streckte sich auf das Sofa hin und schloß die Augen. Ein wohliges Gefühl der Ruhe und des Geborgenseins durchrieselte ihn. Er hätte am liebsten einschlafen mögen . . . Schließlich wird sich schon alles finden . . . Ein rettender Gedanke wird schon kommen . . . Ami Ende hatte die Sache keine Eile. Es war ja Zeit, der Tag war noch lang. Wie, wenn er den Abend abwarten würde? Wenn der Jörn Kippur zu Ende ist? . . . Dort standen sie jetzt und sangen laut, und dann kam das Nei'lahgebet und dann war alles vorüber . . . Dann würde er aufstehen, die Kammer aufmachen und die Schublade hervorziehen, die Brieftasche an sich nehmen und zu Stefan Gemba gehen . . . Alles würde in Ordnung1 sein und er würde den Sabbat nicht gebrochen haben ... Er hörte förmlich, wie sie dort im Chore sangen, bang und sehnsüchtig: . . . „Der Tag hat sich gewendet, die Sonne geht unter und wendet sich ab ... o laß uns eingehen in deine Hallen." . . . Dann fingen sie wieder von vorne an: „O öffne uns deine Tore, wenn sich schließen wollen die Himmelstore, schon hat der Tag sich geneigt . . ." Es klingt so wehmütig und so herzergreifend. Dann drehen sich die Tore in ihren Angeln, langsam, feierlich und zögernd, als warteten sie auf den letzten verspäteten Nachzügler . . . Dann fallen sie dröhnend ins Schloß ... Nun sind sie verrammelt. Eine Finsternis hat sich herabgesenkt . . . Der nüchterne, öde Wochen-