Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
- Article
- Am Tage des Gerichtes
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 193 - 194 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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193 Am Tage des Gerichtes. 194 edle Stim unter dem seidenweichen, tiefschwarzen Haar und ihre innigen braunen Augen. Er verehrte sie wie seine Mutter, der sie so ähnlich sah, und; liebte sie wie sein Kind. Ihr Wesen war aus Kraft und aus Güte zusammengesetzt. Sie war eine echte Herrin, zum Befehlen geschaffen, und ihr fügten sich auch alle, die in ihren Bereich traten. Sie war milde und unbeugsam zugleich, ruhig und fröhlich, und bei großer Intelligenz und praktischer Klugheit naiv wie ein zwölfjähriges Mädchen. „Wenn sie wüßte" . . . dachte Simon mit aufrichtigem Schrecken. Eine tiefe Unruhe erfaßte ihn. Was würde sie wohl tun, wenn sie es erführe? . . . Er kannte sie so gut. Jetzt sah er leibhaftig, wie ihre erschrockenen Augen sich weiteten, dann zuckte es um ihren Mund, und die Tränen fingen an, in großen Tropfen, wie die Perlen, immer dichter hervorzuquellen . . . -Sie würde sich weinend vor ihm auf die Knie werfen und ihn beschwören, auf der Stelle «das häßliche Geld zurückzugeben. . . Und wenn er sich weigerte, würde sie sich auf ewig von ihm abwenden, heimlich, die Kinder entführen und in die weite, weite Welt gehen. Aber auch wenn er alles wieder gut gemacht bat, in ihren Augen würde immer ein Makel an ihmi haften bleiben. Nie würde •sie ihn wieder mit ihrem hingebenden, seelenvollen Blick anschauen, in dem eine Welt von Verehrung und Liebe war. . . . Jetzt waren die Kinder gesättigt. Sie wischte ihnen sorgfältig die Mäulchen, •sprach das kurze Tischgebet mit ihnen und rief: „Lauft, sucht euren Vater." . . . Die Kleinen machten sich auf. Simon Berg zuckte zusammen und eine Scham erfaßte .ihn. Er schlich sich heimlich davon . . . Simon Berg versteckte sich vor dem Angesicht •seines Sohnes und seiner Tochter. . . . Er ging in die Vorhalle des Bethammidrasch. Dort saßen alte Leute, schnupften Tabak und ruhten aus. Ein paar Nachzügler beugten sich über das Machsor und ergänzten, was sie beim Hauptgottesdienst versäumt hatten: „Darum gabst du uns in deiner großen Barmherzigkeit diesen Tag der Sühne und der Sündenvergebung, um unsere ■Schuld zu tilgen und unsere Missetaten zu verzeihen, diesen Tag, an dem Speise und Trank und jegliche Gemächlichkeit und jeglicher Sinnengenuß uns versagt ist, diesen Tag, an dem Liebe und Freundschaft und Brüderlichkeit gestiftet, an dem Groll und Neid und Mißgunst aufhören sollen, und an dem du uns unsere Frevel vergibst . . .". Aus einem anderen Winkel kam ein inbrünstiges Flehen . . . „Gib mir und den Angehörigen meines Hauses und deinem ganzen Volke Israel . . . gib, ach Vater, Vater, süßer Vater im Himmel, gib uns unser täglich Brot, sättiglich, ohne Kargheit, auf ehrlichem, oj, Ribbono schel olam, auf ehrlichem' und nicht auf unehrlichem Wege, in Zufriedenheit und nicht in Kummer, aus deiner offenen, gütigen Hand und nicht aus der Hand der Sterblichen . . . Laß uns Liebe und Wohlgefallen finden in deinen Augen und in den Augen aller Menschen, gib meinem Herzen Einsicht, auf daß ich verstehe und begreife und erfülle die Worte deiner Lehre nach ihrem tiefsten Sinn, bewahre mich vor Irrwegen und läutere meine Gedanken und mein Herz, dir zu dienen, verlängere unser Dasein auf Erden in Glück, Lebenskraft und Frieden." Am Eingang standen zwei Knaben und disputierten miteinander; sie waren beide etwas über zwölf Jahre alt, der eine trug die Gymnasiastenuniform der zweiten Schulklasse und war der Sohn des Klempners, der in seinem verschlissenen, zerfaserten Tallith daneben stand. Dieser bot seine letzten Mittel auf, um den aufgeweckten Jungen studieren zulassen und ihn außerhalb der Schule in den jüdischen Kenntnissen fortzubilden. Der andere, Sohn eines Melammed, trug einen langen Kaftan mit Gürtel und einen runden Samthut, er lernte im Cheder seines Vaters. Die beiden Jungen waren bis vor zwei Jahren Schulkameraden gewesen und blieben Freunde, obwohl sich ihre Wege getrennt hatten. Sie fochten einen gelehrten Streit aus. Warum heißt es in der Schemoneh Esreh: „Die Gerechten werden schauen und sich freuen, die Redlichen jubeln und die Frommen werden Lieder anstimmen." Dann aber: „Der Frevel schließt seinen Mund, alle Bosheit verdunstet wie Rauch, denn Gott vertilgt die Herrschaft der Gewalttat von der Erde." Sollte es nicht besser heißen: „Die Frevler schließen ihren Mund, die Boshaften vergehen wie Rauch und Gott vertilgt die Gewalttätigen von der Erde?" . . . Die talmudisch geschulten kleinen Köpfe empfanden hier eine Unebenheit, die ausgeglichen werden mußte. „Ich habe schon meinen Vater gefragt," bemerkte der Sohn des Klempners, „er sagte, solches darf man nicht beten, weil man damit den bösen Menscheil Böses wünscht, und das wäre Sünde. Man darf nur beten, daß das Böse verschwindet und die Bösen Buße tun." Der danebenstehende Vater strahlte. „Ganz recht", nickte der andere Knabe wichtig. „So haben wir es erst vorige Woche in der Gemara gelernt. Frau Beruria sagte zu Rabbi Meir: Es heißt nicht:1) Die Sünder mögen von der Erde verschwinden, sondern: Es mögen die Sünden von der Erde verschwinden, dann gibt es keine Bösewichter mehr." „Wie sollen aber die Sünden von der Erde verschwinden?" fragte der Gymnasiast nachdenklich, als lastete auf ihm eine weltenschwere Verantwortung. — „Die Sünder lassen eben von ihren Sünden ab und tun Buße, das ist ja ganz einfach," versetzte der andere sorglos. „Wozu brauchen sie ewig Sünder zu sein? Dann werden sie alle Zaddikim2). Das ist ja viel, viel schöner." Er hatte das Rätsel gelöst. * * * Simon Berg schritt zu seinem Ständer hin, legte Tallith und Kittel ab, ordnete sie im Pult und verließ das Bethammidrasch, um nach Hause zu gehen und die neuntausend Gulden zu holen. Aber seine Beine waren furchtbar schwer. Es war, als hätte er Bleikugeln an den Füßen. Er raffte seine ganze Kraft zusammen und fing an, sich aufzupeitschen... Alle Worte der Drohung und der Verheißung, die ihn seit seiner Kindheit umschwirrten und ihm in Fleisch und Blut übergegangen waren, rief er sich jetzt ins Gedächtnis und schlug sich mit ihnen ins Gesicht; es bereitete ihm eine schmerzliche Wonne, sich auf diese Art zu kasteien, sich zu züchtigen und sich anzutreiben auf dem qualvollen Wege, der ihm jetzt bevorstand. Es mußte sein . . . Eine unsichtbare eiserne Faust hatte ihn mit furchtbarem Griff am1 Nacken gefaßt und trug ihn dahin, während die M Psalm 104, Vers 35. 2) Gerechte, Fromme.