Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
- Article
- Am Tage des Gerichtes
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 191 - 192 (sequence 2)
- Language
- German
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191 Am Tage des Gerichtes. 192 „Merkwürdig, ganz genau dasselbe habe ich. von Professor Steinthal in Berlin gehört: Der Jörn Kippur ist mein schönster Tag im Jahre, sagte er zu uns einmal in einer Vorlesung über Völkerpsychologie. Welch eine merkwürdige Verwandtschaft bestehen kann zwischen einem armseligen Tarnower Sopher und einem "Berliner Philosophieprofessor, der einer der kühnsten Denker uinserer'Zeit und dazu ein radikaler Bibelkritiker ist." Herr Schamler hoffte, bei Simon Berg mehr Verständnis zu finden, und sagte zu ihm: „Philosophie hin, Philosophie her, Philosophie kann man nicht essen, und ohne Essen geht der Mensch zugrunde. Ihr verstorbener Prinzipal, der selige Herr Rebenstein, pflegte es klug anzustellen. Es schickte sich nicht, den Leuten ein Aergernis zu geben, wenn man eine angesehene Persönlichkeit w,ar, wie er. Er blieb immer über die hohen Feiertage im Auslande, dort konnte er am Jörn) Kippur machen, was er wollte." „Gedulden Sie sich noch ein Stündchen, Herr Schamler," sagte der Student belustigt. ..Bald werden Ihre Hungerqualen zu Ende sein. Es ist schon spät genug. Wir müssen umkehren." Simon Berg schauerte zusammen. Die anderen machten sich auf den Rückweg,' er aber schlich sich träge hinterher. „Es ist Zeit. Es ist höchste Zeit!" rief eine Stimme in ihm' . . . „Gleich, gleich, nur noch eine Weile" . . . antwortete eine andere. Wie ein Sträfling, der zur Exekution schreitet und durch allerlei Ausflüchte die letzte Pein hinauszuschieben sucht, so verzögerte Simon Berg seinen Bußgang' durch allerlei Ablenkungen. „Es ist höchste Zeit", schrie es in ihmi; er aber blieb stehen, plauderte eine Weile mit der und jener Gruppe und ging dann langsam weiter. Onufry, der Schabbes-Goi, begegnete ihm und bot ihm eine Prise Schnupftabak aus der blank geputzten Horndose. Onufry kannte alle jüdischen Gebräuche und wußte die Bezeichnungen aller Gebete. Er war im Innern überzeugt, daß die Juden beim Alten Herrgott, dem Vater, noch immer einen Stein im1 Brett hatten. * Zwischen Rosch Haschanah und Jörn Kippur bekam er, von seiner Umgebung angesteckt, bußfertige Stimmungen. Sein Gewissen war nämlich nicht ganz rein. Er war ein braver Kerl, aber zeitweise hatte er Perioden, da er kein Ding, das nicht niet- und nagelfest war, ansehen konnte, ohne es mitgehen zu heißen. Wenn er bei einem seiner kleinen Diebstahle ertappt wurde, entschuldigte er sich immer mit dem Bauernsprüchlein: „Den Edelmann zu bestehlen ist kein Schade, den Pfarrer keine Sünde, den Juden sogar ein Verdienst." Wurde er aber von einem . bestohlenen Bauer ergriffen, so bekam er auf der Stelle eine Tracht Prügel, daß er alle seine begangenen und zukünftigen Missetaten als abgebüßt hätte betrachten können. Aber trotzdem war er in seinem Innern beunruhigt ob seiner Sünden. Zu Simon Berg, der ihn immer gut "behandelte, hatte er besonderes /Zutrauen. Jetzt sagte er zu ihm: „Panie Simon, Sie sind ja ein guter Mensch, beten Sie für mich heute zu Neilah; wenn es besonders heilig ist, schließen Sie mich ins Gebet ein. Ich möchte nicht verdammt werden. Sie wissen ja, ich bin nun einmal ein schwacher Mensch, wenn's mich überkommt, kann ich nicht widerstehen. Ich gebe es ja auch immer zurück, wenn man mich just erwischt. Werden Sie es tun, Panie Simon?" Simon wurde von einem merkwürdigen Zorn erfaßt und brauste auf: „Hast du neuntausend Gulden gestohlen, armer Teufel? Was bildest du dir ein? Ein Paar Stiefel hast du gestohlen, eine Mandel Eier unöL leinen Sack Kartoffeln! Was bist du für ein Dieb? Nichts bist du! Ein braver Kerl bist du. Hast du Hunger oder bist betrunken, so stiehlst du. Aber hast du jemals neuntausend Gulden gestohlen? Verstehst du, was das heißt, neuntausend Gulden zu stehlen? Narr, der du bist!" Onufry war bestürzt und schaute hilflos drein. Er verstand kein Wort. Rechtzeitig noch beherrschte sich Simon und setzte freundlich hinzu: „Sei ohne Furcht, du wirst nicht verdammt werden." Dann schritt er weiter. Jetzt befand er sich wieder auf dem Platz vor dem Bethamrnidrasch. Hier herrschte reges Leben. Junge Mädchen von vierzehn und fünfzehn Jahren mit blonden, braunen und schwarzen Haarkronen auf den Köpfen, lustwandelten Arm in Arm auf und ab, goldgelbe, mit schwarzen Nelken betupfte Zitronen in der Hand, an denen sie rochen, um sich durch den erquickenden Duft das Fasten zu erleichtern. Für sie war der Jörn Kippur nur ein Fest. Sünde und Sühne waren an sie noch nicht herangetreten. Von der ganzen ernsten Feierlichkeit des Tages nahmen sie nur das Fasten hin, und waren stolz darauf, tapfer durchzuhalten. Auf ihren Gesichtern lag etwas wie ein ferner Abglanz jener Festesfreude, die ihre Urahninnen vor mehr als zweitausend Jahren an diesem Tage empfanden, da er noch als heiteres Volksfest gefeiert wurde, an dem die Töchter Israels in weißen Gewändern hinausgingen, um in den Weingärten zu tanzen. . . . Kleine Knaben gingen herum und hielten mit ernster Miene einander ihre Riechfläschchen vor die Nasen, um sich zu laben, ganz wie es die Großen machten. Auf den herumliegenden Balken und Quadern saßen Mütter und fütterten ihre Kleinen. „Genug gefastet", befahl eine ihrem großen zehnjährigen Jungen, „auf der Stelle issest du!" Der Junge fügte sich beschämt, während der knurrende Magen aufjubelte. Den ganzen Tag oder wenigstens bis Minehah fasten zu dürfen, galt als Auszeichnung", als Beweis, daß man nicht mehr wie ein kleines Kind behandelt wurde. „Will auch fasten," schrie ein kleiner Sechsjähriger, dem seine große Schwester ein Weißbrot mit Butter zureichte. „Warumfastest du, und mich läßt du nicht?" Er war ernstlich empört über die verletzende Zumutung. „Iß nur jetzt," begütigte ihn die Schwester, „dann darfst du gleich bis zum Abend fasten." „Darf ich da« wirklich?" Er beruhigte sich und biß herzhaft hinein. Simon Berg spähte über den Platz hin und gewahrte seine Schwester, die mit seinen beiden Kindern dasaß. Sie war etwas blaß< und lehnte sich leicht zurück. Aus einem Korb entnahm' sie Speisevorräte und reichte sie den Kindern. Wenn die beiden bei der Tante waren, fühlten sie sich glücklich und vergaßen ganz den Vater. Unbemerkt schaute dieser auf das liebliche Bildchen. Der lebhafte Knabe dehnte und reckte sich und schmiegte den Kopf an die Schulter der Tante, schlang den Arm um1 ihren Nacken. Das Mädchen saß artig da und schob ihm die Schnitte zu; sie mochte wohl dem Bruder Neckereien zurufen, denn dieser fuhr ihr keck mit einem Aehrenhalm durch das Haar. Simon betrachtete den schönen ausdrucksvollen Kopf seiner Schwester, ihre reine,