Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
- Article
- Geschichte und Pamphlet
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 187 - 188 (sequence 6)
- Language
- German
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187 Geschichte und Pamphlet. 188 hat J. Halevy die Werke Frankels einer gründlichen wissenschaftlichen Kritik .unterzogen und die Haltlosigkeit seiner Hypothesen nachgewiesen. " Dieses Urteil über Frankel zeugt aber vielleicht mehr von Beschränktheit als von Gehässigkeit. Hören wir jedoch, wie Kottek, der neueste Geschichtsschreiber des Judentums, über Grätz urteilt. Nach einigen sauer-süßen Redensarten über dessen Hauptwerk, „Die Geschichte der Juden", wird dieses von Kottek völlig „vernichtet",: „Das Urteil der wissenschaftlichen Welt . . . war schon von Anfang an ablehnend, und das Werk hat vielen und berechtigten Widerspruch gefunden. Erwiesen sich doch bei gründlicher Nachprüfung seine wissenschaftlichen Ausführungen sehr oft als unhaltbar. Die Bücher der Bibel behandelt Grätz mit schonungsloser, leichtfertiger Kritik: die Großen unserer Vergangenheit schildert er nicht mit der ihnen gebührenden Würdigung, und er verfolgt fast mit Haß den Talmud und seine Vertreter von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Des Gewandes ernster Wissenschaftlichkeit entkleidet ihn Halevy in seinem Doroth Harischonim gänzlich in Bezug auf die Partien, welche den wichtigsten Teil der nachbiblischen Zeit Israels bilden, von der Zeit des zweiten Tempels bis zum Erlöschen des Gaonats." Aus diesem Urteil über Grätz spricht schon mehr die Gehässigkeit als die Beschränktheit. Es ist gar nicht zu zweifeln, daß an einem so umfangreichen Werk, wie Grätzens Geschichte der Juden (in der letzten Umarbeitung wuchs es zu 13 starken Bänden an), die Kritik viel auszusetzen fand, lohne daß es etwa durch sie an geschichtlicher Bedeutung — denn Grätzens Geschichte hat zweifellos eine geschichtliche Bedeutung — verloren hätte. Aber Grätz „schonungslose, leichtfertige Kritik" in Behandlung der Bücher der Bibel nachzusagen, und ihn als einen hinzustellen, der fast „mit Haß den Talmud und seine Vertreter von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart" verfolgt habe, zeigt eine Leichtfertigkeit in der Fällung des Urteils, das nur aus haßerfüllter Gesinnung hervorgehen konnte. Da nun zwei hervorragenden Vertretern des konservativen Judentums in dieser Geschichte der Juden so arg mitgespielt werden konnte, so wird man sich nicht mehr darüber verwundern, daß Abraham Geiger hier in aller Ausführlichkeit mit wenig Witz und viel Behagen abgetan wird. Da brauchte Kottek nicht einmal ein paar freundliche Worte voranzuschicken, wie er es Frankel und Grätz gegenüber tut. Geigers Reformbestrebungen seien verdammenswert, seine wissenschaftlichen Forschungen völlig wertlos. Nicht Haleviy hat sie in ihrer Haltlosigkeit dargetan, dazu reicht schon Kottek selbst hin. Um über Geiger gerecht zu urteilen, braucht man nicht Anhänger der Reform zu sein; man muß nur dabei geschichtlichen Sinn bekunden. Im jugendlichen Alter ist er in die Arena der Oeffentlichkeit getreten, um 42 Jahre hindurch als Rabbiner und Forscher zu wirken. Er war ein Mann von ungewöhnlicher Begabung und von großem, umfassenden Wissen. Er gehörte auch, was nicht gering anzuschlagen ist, zu den besten Kennern der hebräischen Sprache, die er meisterhaft für seine Forschungen anwandte. Darin überragte er alle deutschen Gelehrten des 19. Jahrhunderts. Seine letzte Arbeit war eine Abhandlung in hebräischer Sprache über ein talmudisches Problem. Seine Stellung zur Reformbewegung hat im Laufe der Jahre verschiedene Wandlungen durchgemacht, und aus allen seinen Schriften atmet seine heiße Liebe zum Judentum, wie er es verstand. Ich begreife es, daß die Orthodoxen seinen Standpunkt nicht teilen; aber selbst der Talmud ist weniger eifervoll für den Talmudismus als Halevy und seine Jünger; denn er lehrt, daß selbst eine religiöse Uebertretung nicht das Verdienst der Thorakenntnis auslösche. An Kenntnis der Thora überragte Geiger gewiß alle seine orthodoxen Gegner. Die ganze Unwissenschaftlichkeit dieser orthodoxen „Geschichte der Juden" ist auch aus der Art und Weise zu ersehen, wie Kottek das Kapitel „Wissenschaft des Judentums" behandelt. In dieser Art, in dieser Kürze und Oberflächlichkeit könnte es auch Tacitus getan haben. Nachman Krochmal, dessen Buch „Moreh nebuche ha-seman" das nachbiblische Judentum in allen Phasen seiner Entwicklung beleuchtet (über seine Erforschung des nachbiblischen Judentums ist man noch immer nicht hinausgekommen, und in der Höhe der Auffassung hat ihn bis jetzt niemand erreicht), wird in acht Zeilen „erschöpfend" behandelt. Da möchte ich aber sowohl für Halevy wie auch für Kottek auf mildernde Umstände plädieren — beide haben nämlich Krochmal nicht verstanden und konnten ihn auch nicht verstehen. S. D. Luzzatto, der als hebräischer Dichter, hebräischer Sprachforscher, Bibelfoirscher, Literarhistoriker und noch auf manchem andern Gebiete Unsterbliches geleistet hat, ein Mann von vielseitiger Bildung, die er mit einer konservativen Auffassung des Judentums vereinigt hat, dessen Leben ein unausgesetztes Martyrium bildete, da er in bitterer Not bis zu seinem Lebensende seine Kräfte der Erforschung des von ihm heiß geliebten Judentums widmete — dieser „große Jude", wie die dankbare Nachwelt ihn nannte, hat es in diesem Geschichtswerk, in dem wichtige Geschichtsepochen des nachbiblischen Judentums