Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
- Article
- Geschichte und Pamphlet
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 189 - 190 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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189 Am Tage des Gerichtes. 190 im neuen Lichte erscheinen sollten, zu ganzen 21 Zeilen gebracht. Um seine Hauptwerke nur anzuführen und kurz zu beschreiben, brauchte man mehrere Seiten. Etwas freundlicher stellt sich Kottek zu Zunz und Rapoport, die beide so vernünftigwaren, sich frühzeitig von der Reform loszusagen. Wußte aber Kottek nichts von einigen bibelkritischen Aufsätzen, die Zunz veröffentlicht hat?;Kotteks Geschichte der Juden ist herzlich bedeutungslos, höchstens kann man ihr die Bedeutung zusprechen, daß sie nicht Geschichte, son- Pamphlet ist. Aber auch als solches ist sie literarisch minderwertig. Sie reicht, was Darstellung 'und Stil betrifft, bei weitem nicht an manche derartige Erzeugnisse heran, die man wenigstens ihrer Form wegen gerne ließt. Wenn man literarisch unbegabt ist, soll man auch die Abfassung von Pamphleten unterlassen. Für Kottek gibt es nur die Entschuldigung, daß; er dieses Buch bloß geschrieben hat; veröffentlicht haben es andere nach seinem Tode. Diese tragen dafür die Verantwortung, und um diese sind sie nicht zu beneiden. AM TAOE DES GERICHTES. Novelle von Binjamin Segel. (Schluß) Der Platz vor dem Bethamrnidrasch und die daran grenzende Wiese dehnten sich in der Nachmittags sonne, von einem1 kühlenden Windhauch durchweht. Von den Feldern und Gärten ringsum kamen die Düfte frischgemähten Heus und reifender Herbsitfrüchte herbeigeschwebt. Gruppen von Männern ergingen sich weit draußen auf der Wiese im Freien und plauderten gemächlich. Simon Berg schloß sich einer von diesen Gruppen an, in welcher sich sein Jugendfreund befand, der noch immer, wie vor zwanzig Jahren, Gedichte mächte, und sie heimlich] seinen Intimen vorlas; daneben schritt ein bleicher, abgemagerter junger Mann in einem verschlissenen kurzen Rock; er hatte vor einigen Jahren dem Bethammidrasch Lebewohl gesagt und war nach Berlin gegangen, um Philosophie zu studieren. Er führte oft ketzerische Reden, und die Strengfrommen, an deren Spitze Reb Moische Jentes, dort oben an der Misrachwand, hatten schon Anstoß daran genommen, daß; man ihn im Gotteshause duldete. Jedes Jähr nämlich, wenn die hohen Feiertage kamen, fand er sich im Städtchen ein, wie von einem Magnet angezogen, und am Neujahrsfest wie am Jörn Kippur wich er den ganzen Tag nicht aus dem'.Bethamtoidrasch. Zu ihnen hatte sich Herr David Schamler gesellt, der erste Geld Verleiher der ganzen Umgegend, der alle mittleren und kleineren Geschäftsleute in der Tasche hatte. Auch er war, gleich dem bleichen Studentlein, „deutsch" gekleidet, aber sein schwarzer Rock war ebenso tadellos, wie sein blütenweißes Vorhemd. Sein Zylinderhüt funkelte in der Sonne; eine schwere goldene Kette schlang sich über seinen hervorstehenden Bauch. Trotz seines zufriedenen Aussehens nagte ein geheimer Schmerz in seiner Brust, denn seit "Jahren bewarb er sich vergebens urn die Würde eines Vorstehers der jüdischen Gemeinde. Als aufgeklärter und fortschrittlicher Mann kümmerte er sich das ganze Jahr wenig urri die Vorschriften der Religion, aber vor dem Jörn Kippur hatte er eine heillose Angst und schwebte in fortwährender Sorge, eine der strengen, diesen Tag betreffenden Vorschriften zu übertreten, da Gott ihm zur Strafe dafür einen seiner besten Gläubiger sterben oder bankerott werden lassen, oder gar ihm selber einen Wucherprozeß auf den Hals schicken konnte. Dabei hatte er die peinigende Empfindung, daß solche Furcht sich für einen aufgeklärten und fortschrittlichen Mann nicht schickte, und suchte, sie in Gesellschaft der „Gebildeten" durch freisinnige Reden zu verscheuchen. „Schrecklich, solch ein Fasten," bemerkte er und pustete schwer, während seine dicken Finger mit den platten Nägeln durch die Luft fuhren. „Mehr als vierundzwanzig Stunden lang keinen Bissen zu sich zu nehmen, und dabei den ganzen Tag in der Synagoge zu stehen und zu beten und sich ans Herz zu schlagen. Das konnte der liebe Gott aber auch nur uns Juden auferlegen. Andere Völker würden sich das nicht gefallen lassen." Herr David Schamler war überzeugt, bei den „Gebildeten" lebhaften Beifall zu finden, aber der Berliner Student erwiderte: „Ich finde es sehr schön, wenn "der Mensch wenigstens vierundzwanzig Stunden lang sich selber beweist, daß er und nicht die grobe Materie Herr in seinem Hause ist." (Herrn Schamler war das zu hoch. Außerdem 'ärgerte es ihn, daß dieser Habenichts im schäbigen Rock anderer Meinung zu sein wagte als er. „In meiner Heimatstadt Tarnow war ein Sopher1), Reb Jossele hieß er, der lebte das' ganze Jahr von Kartoffeln. Wenn der Jörn Kippur vorüber war, sagte er immer „Ribbono schel olam2), warum hast du uns nur einen einzigen solchen herrlichen Tag im Jahre gegeben! "Warum hast du uns nicht wenigstens: zwei solcher Tage gegönnt ..." Der Dichter war entzückt, seine Augen blitzten. Das war ein schönes Wort und lud zu einem lyrischen Gedichte ein. Der bleiche Student aber verfiel in ein staunendes Sinnen und sagte langsam1 zum Dichter: J) Thorarollenschreiber. 2) O, Herr der Welt!