Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
- Article
- Geschichte und Pamphlet
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 185 - 186 (sequence 5)
- Language
- German
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185 Geschichte und Pamphlet, 186 schilderte, so mag das dahingehen. Aber wer schreibt so Geschichte? Und wer untersucht so geschichtliche Quellen? Trotzdem möchte ich nicht dieses Werk mit allen seinen Mängeln als wertlos hinstellen. Im Gegenteil. Es ist immer beachtenswert, und ich rate jedem Forscher, es nicht beiseite liegen zu lassen. Es ist immerhin das Produkt eines Mannes, der im talmudisch-rabbinischen Schrifttum sehr belesen war und viel Scharfsinn besaß. Es wäre ein verdienstliches Unternehmen, den sachlichen Inhalt dieses Buches mit Weglassung aller überflüssigen Polemik und Ruhmredigkeit zusammenzustellen und so der wissenschaftlichen Forschung nutzbar zu machen. Dies wollte auch ein Mann tun, der sich einen Jünger Halevys nannte. Er unternahm diese Arbeit in einem geschichtlichen Werke, dessen Erscheinen im Druck er nicht erleben sollte;: „Geschieht e der Juden" von Dr. H. Kot - tek. (Frankfurt a. M. 1915.) Im kurzen Vorwort dieser jüngsten Geschichte der Juden sagen die Herausgeber: „Durch die Forschungen des unvergeßlichen Halevy erscheinen wichtige Epochen der nachbiblischen jüdischen Geschichte in einem neuen Lichte. Vielfach wurde daher der Wunsch laut, in einer neuen kurzgefaßten Darstellung die so vertiefte und erweiterte Kenntnis unserer großen Vergangenheit einem größeren Kreise zugänglich zu machen. Der berufenste Interpret der Anschauungen Halevys war der Homburger Rabbiner Dr. Kottek, der das Glück hatte, sich der Gesellschaft und der Belehrung des von ihm hochverehrten Meisters mehrere JaWre hindurch erfreuen zu dürfen." Es mag dahingestellt bleiben, ob wirklich durch Halevys Forschungen wichtige Epochen der nachbiblischen Geschichte in einem neuen Lichte erscheinen. Was ist aber davon in einer kurzen Darstellung, die auf 457 Seiten die ganze jüdische Geschichte vom babylonischen Exil bis zur Gegenwart bietet, zu merken. Die Schrift ist in ihrer Form und in ihrem Inhalt ein kurzgefaßtes Lehrbuch der jüdischen Geschichte für die reifere Jugend oder auch für Erwachsene, die etwas von der Geschichte wissen wollen. Wird ihnen die Geschichte nach der konservativen Auffassung des Judentums vorgetragen, so mag das dahingehen, aber ist es von so großer Wichtigkeit für diese Klasse von Lesern, daß ihnen nach Halevy berichtet wird, Gabinius habe bei der Wiedereinsetzung Hyrkans in die Herrschaft das Synhedrion aufgelöst? Wir haben oben gesehen, daß diese Hypothese von einem gründlichen und in seiner konservativen Auffassung nicht anzuzweifelnden Gelehrten, von D. Hoffmann, als haltlos bezeichnet wurde. Oder ist es historisch, wenn Kottek nach Halevy erzählt, die Sadduzäer seien abtrünnige, unwissende und genußsüchtige Menschen gewesen. Für ein derartiges kurzes Kompendium der Geschichte kommen alle Hypothesen Halevys, selbst wenn sie richtig wären, kaum in Betracht. In Wahrheit besteht die Erleuchtung, die Kottek durch Halevy geworden ist, lediglich in der Herabsetzung angesehener und verdienstvoller Forscher, insbesondere Krochmals, Frankels und Grätzens. Sehen wir, wie Kottek z. B. Frankel behandelt. Diesen vielseitigen, gründlichen Forscher als unwissenden Menschen hinzustellen, ging nicht an. Aber mit seiner „Rechtgläubigkeit" stand es nicht zum besten. Im Programm der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" schrieb Frankel: „Sie soll das Judentum nach seiner religiösen Seite beleuchten und die Lösung der Frage, wie nicht aus einer zerstörenden, niederreißenden Reform, sondern aus der LeKre des Judentums: selbst die F o rten t wi c k elung desselben hervorgehen müsse, zum Bewußtsein bringen". Frankel war, wie sein Auftreten auf der Rabbinerversammlung in Frankfurt im Jahre 1845 zur genüge zeigte, ein treuer Anhänger des; konservativen Judentums und stand sein Leben lang im Streit mit den Anhängern der Reform/ Aber das Wort „Fortentwickelung" wirkt auf gewisse Kreise wie das rote Tuch, und deshalb schrieb Kottek über Frankel: „In diesen Worten liegt das Programm Frankels, nicht allein, wie er es in seiner Zeitschrift verwirklichte, sondern auch wie es in seinem Leben und Wirken überhaupt seinen Ausdruck fand. Auch er steht auf dem Boden einer Reform des Judentums, wenn sich diese auch von den älteren Zeitgenossen unterscheidet und unterscheiden wollte. — In dieser Anerkennung einer Fortentwickelung liegt aber ebenfalls eine Verleugnung der Göttlichkeit der Thora, das ist der schriftlichen und mündlichen Lehre. Das Judentum, das auf göttlicher Offenbarung beruht, ist als ein Ganzes gegeben, und der Begriff der Fortentwickelung ist ihm fremd." „Sein Standpunkt wurde für das Judentum deshalb verhängnisvoll, weil er zum Direktor des im Jahre 1854 in Breslau gegründeten jüdischtheologischen Seminars berufen, seine Anschauungen den dort herangebildeten Rabbinern als wissenschaftliche Grundlage auf ihren Lebensweg mitgab und der Anstalt auf die Dauer dieses sein Gepräge verlieh. Man hielt ihn für den größten Gelehrten seiner Zeit und vertraute blindlings den von ihm in seinen zwei Hauptwerken „Darke Ha-Mischna" und „Mebo Ha-Jeruschalrni" aufgestellten Behauptungen. . . . erst in neuerer Zeit