Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
- Article
- Geschichte und Pamphlet
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 183 - 184 (sequence 4)
- Language
- German
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183 Geschichte und Pamphlet. 184 lesen konnte. Dadurch erscheinen Josephus' Aussprüche häufigentstellt und wahrheitswidrig. Hat Halevy diese Stellen gefälscht? Bewahre! Ihm fehlte bloß das Verantwortlichkeitsgefühl, das jedem wahren Historiker innewohnen muß. Er begriff nicht die Tragweite eines solchen Zitierens. Was seine Behandlung des Josephus betrifft, so ist hier nicht die Rede von dem Politiker und Feldherrn Josephus, den auch Salvador, Grätz, Lebrecht und von Nichtjuden Hausrath und Andere aufs schärfste verurteilen, sondern vom Historiker, Schriftsteller und Apologeten des Judentums. In seiner Selbstbiographie bekundet Josephus, daß er zuerst Sadduzäer gewesen sei, dann aber habe er sich den Pharisäern angeschlossen. Das klingt durchaus glaubwürdig. Nach Geburt und Erziehung mußte er der sadduzäischen, d. h. aristokratischen Partei angehören, denn er entstammte einer angesehenen Priesterfamilie und mütterlicherseits führte er seinen Stammbaum bis zu den Hasmonäern zurück. Aber gerade in der Zeit, in der Josephus zum Mann herangereift war, brach der Sadduzäismus infolge der politischen Ereignisse zusammen. Mit dem Aufhören der staatlichen Selbständigkeit der Juden hatte das sadduzäische Judentum jede Daseinsberechtigung verloren. Nun stand nur noch das pharisäische Judentum, das der Diaspora, das universalistische Judentum, wie es Weltreligion werden sollte, aufrecht da, und Josephus, dessen Wandelbarkeit und Wandelfähigkeit wir zur genüge kennen, wurde natürlich Pharisäer. Warum aber „verkappter Sadduzäer", wie Halevy durchaus will? In seiner Darstellung des Judentums, in Lehre und in Praxis, die Josephus der Heidenwelt gibt, weicht er, trotz seiner Zugehörigkeit zur pharisäischen Lehre, von dieser in verschiedenen Punkten ab. Wenn man, wie Halevy es tut, das pharisäische Judentum als etwas von Anbeginn Fertiges und von urewiger Zeit her Bestehendes annimmt und im Sadduzäismus einen Abfall vom überlieferten Judentum erblickt, kann man sich die Sache auch nicht anders erklären, als daß Josephus den tatsächlichen Bestand falsch wiedergibt. In Wahrheit aber hat Abraham Geiger mit seiner Annahme durchaus recht, daß gerade das pharisäische Judentum das Prinzip der fortschreitenden Entwickelung repräsentiert und selbst verschiedene Phasen der Entwickelung durchgemacht hat. Das sadduzäische Judentum ist älter und auch dieses blieb nicht unbeweglich, was ja bei geschichtlichen Dingen gar nicht möglich ist. Während aber das sadduzäische Judentum sich nur langsam entwickelte und in seinem ganzen Wesen konservativ blieb, deutet der Pharisäismus die Entwickelung in viel liberalerem Sinne. Schon die Bezeichnung Entwickelung besagt aber, daß das pharisäische Judentum selbst nicht auf einer Stufe stehen geblieben ist. Die Schammaiten waren ebenfalls Pharisäer, aber standen dem konservativen Sadduzäismus noch ziemlich nach. Die Hilleliten gingen weit über sie hinaus. Rabbi Ismael, einer der tonangebenden Gesetzeslehrer in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, gehörte der Schule Hilleis an; doch war er noch immer ziemlich konservativ R. Akiba gegenüber, dem kühnsten Interpreten des pharisäischen Judentums. Befand sich somit das pharisäische Judentum immer im Fluß, so versteht man es sehr gut, daß wir weder bei Philo noch bei Josephus das Judentum im selben Stadium finden, auf dem es beim Abschluß des Talmud oder selbst beim Abschluß der Mischna stand. Josephus braucht kein heimlicher Sadduzäer gewesen zu sein, wie die Sadduzäer gewiß nicht die abtrünnigen, unwissenden und genußsüchtigen Menschen waren, als welche sie Halevy in seiner ungeschichtlichen Auffassung hinstellt. Zu diesem Ergebnis kann man nur gelangen, wenn man vor dem Prinzip der Entwickeliung im Judentum zurückschreckt, und wenn man Geiger wohl verketzert, aber seine Schriften nicht liest oder wohl liest, aber sie nicht verstehen will. Wie hoch die Sadduzäer das Studium delr Thora gestellt haben, geht übrigens auch aus zahlreichen Stellen in der sadduzäischert Spruchsammlung des Josua ben-Sirah hervor, insbesondere aus der Verherrlichung der Schriftgelehrten (Sprüche Ben-Sirah 38,24—39,11). Wie die beiden ersten Bände des Dorot Harischonim sachlich, und inhaltlich gegen den früher erschienenen dritten Band weit zurückstehen, so bedeutet auch die äußere Darstellung in ihnen einen beklagenswerten Rückschritt. Da ist die Polemik die Hauptsache. Jede Hypothese, mag sie noch so geringfügig und unbedeutend sein, wird mit einem ruhmredigen Pathos vorgetragen, als ob es sich um die höchsten religiösen und ethischen Wahrheiten handelte. Die Vorgänger, Frankel, Grätz, Weiß, Krochmal „Vater und Sohn", „Professor Schürer" usw. werden in der Regel zuvor gehö|rig abgekanzelt, daß sie Halevys Weisheiten nicht erkannt haben. Und erst der Stil. Archäologische Forschungen müssen ruhig und sachlich, klar und bestimmt vorgetragen werden. Um die Zeit, in der Halevy die zwei ersten Bände geschrieben hat, wurde in der hebräischen Literatur eine Art von Dekadentenstil üblich : pathetische Sprache in kurzen abgerissenen Sätzen, jeder Satz ein Absatz. Wenn man in dieser Sprache in der hebräischen Presse für oder gegen den Zionismus schrieb, für oder gegen Uganda oder die Liebesschmerzen eines Jünglings oder einer Maid