Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
- Article
- Geschichte und Pamphlet
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 181 - 182 (sequence 3)
- Language
- German
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181 Geschichte und Pamphlet. 182 süd- und westdeutschen Orthodoxie einen der bestgehaßten Männer, gründlich abgeführt hätte. In unserer kleinen Gelehrtenrepublik entstand ein Streit für und wider Halevy, wobei die Orthodoxie in Norddeutschland, hauptsächlich in Berlin, sich überaus kühl verhielt. Ich selbst griff ebenfalls in diesen Streit ein, und da ich nach jeder Richtung hin meine Unabhängigkeit wahren konnte, sprach ich meine Meinung dahin aus, daß man Halevy, dessen Kritik vielfach sachlich durchaus berechtigt ist, gewähren lassen muß. Der Wissenschaft leistete er mit seinen Forschungen Dienste von unbestreitbarem Wert, und über den nicht überall geziemenden Ton der Polemik konnte man sich hinwegsetzen. In der hebräischen Sprache klingt alles viel milder, und wo man durch die Brille der Uebersetzung eine verletzende Spitze sieht, ist im hebräischen Original eigentlich bloß eine geistreiche witzige Wendung zu erblicken, wie sie ältere Autoren bei uns häufig anzuwenden liebten. Daß ich durch diese Stellungnahme von den orthodoxen Halevy-Verehrern als Zeuge angeführt wurde, focht mich nicht im mindesten an. Mit derselben Unparteilichkeit bin ich auch vor Jahren gegen die Verunglimpfung des S. R. Hirsch aufgetreten, was ich auch jetzt noch tun würde, ohne Furcht davor, deshalb zu den Orthodoxen gezählt zu werden, da ich diesen geistvollen, von einer großen Weltanschauung beherrschten Führer der jüdischen Orthodoxie immer zu würdigen verstand. Wenn man sich nicht zu einem solchen Standpunkt in der Beurteilung geschichtlicher Persönlichkeiten erheben kann, soll man seine Hände von der Geschichte lassen. Für die Forschungen Halevys war es zweifellos ein Verhängnis, daß er nach dem Erscheinen des dritten Bandes seines Werkes zum Geschichtsschreiber der Orthodoxie erhoben wu|rde. Jetzt bekamen seine Arbeiten eine Tendenz. Im Jahre 1901 erschien der zweite Band und im Jahre 1903 der dritte Teil des ersten Bandes des „Dorot Harischonim". Diese beiden Bände führten nunmehr den Titel „Die Geschichte und Literatur Israels". Sie behandeln die Zeit vom Ende des Hasmonäerherrschaft bis zum Abschluß des Talmud. Was im dritten Band dieses Werkes scharfe Kritik war, artet in den zwei ersten Bänden in eine wüste Polemik aus gegen Grätz and Weiß, gegen Frankel, gegen Krochmal „Vater und Sohn" (der geniale Denker Nachman Krochmal hatte einen Sohn Abraham Krochmal, der zu den gediegensten Forschern auf dem Gebiet der Talmudkritik zählte) und gegen „Professor Schürer". Der Ton in dem Buch wird immer dünkelhafter und anmaßender, was selbst dort, wo Halevy durchaus Recht hat, unangenehm berührt. Dazu kommt noch der Umstand, daß Halevy, der eher alles antdere als ein Historiker war, sich überall als der Historiker aufspielte. Es muß daran erinnert werden, daß er keine andere Sprache außer dem Hebräischen verstand; Deutsch hat er vielleicht in den letzten Jahren notdürftig erlernt, um nun Grätz wenigstens im Original lesen zu können. Aber für die Erforschung jener Epoche der jüdischen Geschichte, mit der Halevy sich in den beiden ersten Bänden seines Werkes befaßte, gehört doch unabweislich die Kenntnis des Griechischen, was ihm abging. So konnte es vorkommen, daß Halevy auf einem versprengten und von ihm nichtverstandenen Ausspruch in der Mischna pomphaft ein ganzes geschichtliches Gebäude aufführen wollte, wozu er Aussagen des Flavius Josephus zu verwenden unternahm. Und nun bewies ihm David Hoffmann (Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft V., 225 ff.), daß alles auf einen Fehler in der deutschen Uebersetzung des Josephus, aus der Halevy seine Weisheit geschöpft hatte, beruhte. Die Redaktion des Jahrbuches eilte zwar Halevy zu Hilfe. Aber jeder unbefangene Leser wird doch sagen müssen, daß es geradezu ungeheuerlich ist, wenn ein Historiker seine Quellen nur aus einer Uebersetzung kennt und aus ihr das Gegenteil davon herausliest, was jene wirklich enthalten. Es macht einen komischen'Eindruck, wenn die Redaktion in ihrer Bedrängnis zu Grätz und zum „Professor Schürer" greift, um den arg bedrängten „Meister" zu retten, was ihr aber gair nicht gelingt. Denn mögen Grätz und „Professor Schürer" der Einrichtung der 5 Synhediria durch Gabinius (57 vor Chr.) als einen schweren Schlag gegen das jüdische Volk bezeichnen, jedenfalls sagt Josephus das Gegenteil und die ganze Hypothese Halevys zerfällt in nichts. Ueberhaupt ist Josephus ein wahres Verhängnis für Halevy. Wie bereits oben gesagt, las er seine Schriften nur in einer Uebersetzung und zwar wahrscheinlich zuerst in einer schlechten hebräischen Uebersetzung, die selbst aus einer schlechten deutschen Uebersetzung geflossen war. Später nahm er anscheinend die deutsche Uebersetzung von Clemens zu Hilfe. Noch weniger als Josephu./ Schriften verstand Halevy Josephus selbst, der ihm immer als ein verkappter Sadduzäer galt, wie er auch die Sadduzäer nicht verstand, weil ihm das Verständnis für große politische Erscheinungen völlig abging. Rudolf Leszynsky hat vor Jahren einen Aufsatz über „Halevys Zitate<( veröffentlicht, in dem er nachwies, wie Halevy Josephus zitierte. Der orthodoxe Historiker riß die Stellen aus dem Zusammenhang und verstand sie obendrein noch oft falsch, weil er sie nur in einer Uebersetzung;