Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
- Article
- Geschichte und Pamphlet
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 179 - 180 (sequence 2)
- Language
- German
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179 Geschichte und Pamphlet. 180 Aber sie hindert ihn nicht, die Begebenheiten ehrlich zu erzählen und die handelnden Personen gerecht zu beurteilen. Und so erscheint uns Saul in seinem Kampf gegen David und in seinem Schicksal, als der Held einer herzerschütternden Tragödie, wie sie kein Dichter ergreifender hätte ersinnen können. Und der König David, der Liebling des Verfassers, zeigt sich uns in manchen menschlichen Schwächen und Fehlern, die der Historiker garnicht beschönigen oder mit Stillschweigen übergehen wollte. Die Ehrlichkeit ging ihm über alles, selbst über den literarischen Ruhm. Wo ihm verschiedene Quellen vorlagen, die einander widersprachen, nahm er sie unvermittelt in sein Buch auf. Er opferte die literarische Form der Sache. In neuerer Zeit,, als im 19. Jahrhundert die moderne Geschichtsschreibung, der Juden unternommen wurde, hat der jüdische Historiker J. M. Jost in seinem großen Geschichtswerk die Objektivität zum höchsten Grundsatz erhoben. Er ging darin so weit, daß S. L. Rapoport von ihm sagen durfte, er sei in seiner geschichtlichen Darstellung objektiv bis zur Subjektivität, d. h. im Bestreben, den anderen gerecht zu werden, ist er seinem eigenen Volke gegenüber ungerecht. Grätz, dessen großes Geschichtswerk noch immer die Geschichte der Juden ist, hat einen anderen Weg eingeschlagen. Bei aller Wissenschaftlichkeit, ohne die eine solche Arbeit gar nicht möglich gewesen wäre, tritt er in seiner Geschichte häufig mit Wärme als der Anwalt seines Volkes auf. Zweifellos ist er oft in der Beurteilung der Vorgänge und Ereignisse subjektiv; aber er. ist ehrlich und gewährt uns überall die Möglichkeit, die Dinge anders zu beurteilen, als er es tut. Grätzens Geschichtswerk enthält auch ein umfangreiches Quellenmaterial; die Urteile in ihm sind begründet und lassen sich nachprüfen. Bei der Nachprüfung können wir eben zu anderen Ergebnissen1 gelangen. Jede andere Methode wäre unwissenschaftlich und unwahr. Die Geschichte Grätzens ist, was in der Natur der Sache liegt, vielfach auch Literaturgeschichte. Sie hatte Vorarbeiten in den klassischen Forschungen von Krochmal, Rapoport, Luzzatto, Zunz, Geiger, Herzfeld, Frankel usw., und sie fand später auch Nachprüfung und eingehende Kritik in verschiedenen Teilen. Für den rabbinisch-talmudischen Teil ist in erster Reihe das hebräisch geschriebene Werk „Dor dor wedoreschaw" in 5 Bänden von J. H. Weiß zu nennen, das die Geschichte der jüdischen Traditionslehre von Anbeginn bis zum Abschluß des Schulchan auch enthält. Es ist dies somit eine Geschichte des talmudisch-rabbinischen Judentums in seiner Entwickelung, die in manchen Perioden eine umfassende Literaturgeschichte bietet, und in der natürlich auch häufig die politischen Ereignisse und kulturellen Zustände beleuchtet werden, aus denen alle die geistigen und literarischen Bestrebungen der verschiedenen Zeiten zu verstehen sind. Trotz mancher Mängel, die diesem Buch, wie jedem Menschenwerk, anhaften, ist es in der Darstellung und in der Forschung eine hervorragende Leistung; es gehört zu den besten und gediegensten Erzeugnissen unserer Geschichtsliteratur. Weiß' Arbeit zeichnet sich vor allem durch Freimut aus; sie sucht überall voraussetzungslos und wahrhaft die Ergebnisse der Forschung zu bieten. Vor genau zwei Jahrzehnten erschien in hebräischer Sprache ein Buch „Dorot Harischonim (Geschichte der jüdischen Literatur)" von Isaak Halevy. Der Verfasser, dessen Namen damals zum ersten Male in der wissenschaftlichen Literatur genannt wurde, veröffentlichte zuerst den dritten Band seines Werkes, der die Epoche vom. Abschluß: des Talmud bis zum Ende der gaonäischen Zeit (etwa 500—1000) behandelt. Der Titel „Geschichte der jüdischen Literatur" entspricht nicht ganz dem Inhalt des Werkes, das sich hauptsächlich mit der Kritik des betreffenden Teils von Grätzens Geschichte und des 4. Bandes; von Weiß' „Dor dor wedoreschaw" befaßt. Der Wert dieser Kritik, die oft durchaus berechtigt ist, wird allerdings häufig durch den allzuscharfen polemischen Ton herabgemindert, den Havely gegen Grätz und Weiß anschlägt. Namentlich Weiß, der immerhin ein Mann von gründlichen Kenntnissen auf dem Gebiet des talmudisch-rabbinischen Schrifttums war und vor allem die dazugehörenden Vorarbeiten gut beherrschte, wird von Halevy wie ein unwissender Mensch behandelt. Grätz gegenüber beging Halevy ein anderes schweres Unrecht. Er kannte damals sein Geschichtswerk nur aus einer hebräischen Uebersetzung, nach der er auch Grätzens Angaben zitierte. Manches, was Halevy Grätz zur Last legte, war einfach auf einen Mangel in der Uebersetzung zurückzuführen. Der dritte Band des „Dorot Harischonim" rief Aufsehen hervor. Die zahlreichen Schüler Grätzens waren über den Ton verärgefrt, den Halevy gegen den großen Historiker anschlägt. Das Buch wurde in diesen Kreisen als unwissenschaftlich und dilettantenhaft bezeichnet. Demgegenüber erhoben die Männer der süd- und westdeutschen Orthodoxie, namentlich die in Frankfurt am Main, Halevy auf den Schild. Da wäjre doch endlich ein Mann gekommen mit großer Belesenheit in den talmudisch-rabbinischen Schriften und mit Scharfsinn begabt, ein „Lamdan" aus der alten Schule, der Grätz, in den Kreisen der