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Ost und West · 1917-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1917) · p. Seite 171 - 172

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-05-01
Page
Seite 171 - 172 (sequence 5)
Language
German
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171 Rumänien und seine Juden. 172 Das wachsame Interesse Bismarcks an der .Judenfrage auf der Balkanhalbinsel zeigte sich noch bei folgender Gelegenheit: Am 4. Juli gab der serbische.Minister Ristitseh dem Kongreß im Namen des Fürsten Milan Obernowitsch bekannt, er sei ermächtigt, zu erklären, daß seine Regierung beschlossen habe, die nächste Gelegenheit nach endgültigem Friedensschluss zu ergreifen, um auf gesetzlichem Wege (par la voie legale) die letzten in Serbien noch bestehenden Rechtsbeschränkungen der Juden zu beseitigen. Hierzu bemerkte Bismarck als Präsident des Kongresses, ohne in eine Untersuchung der Frage sich einlassen zu wollen, daß die Worte „par la voie legale" einen Vorbehalt zu involieren scheinen, auf den er die Aufmerksamkeit der hohen Versammlung lenke. Er fühle sich verpflichtet, zu erklären, daß ein solcher Vorbehalt auf keinen Fall die Verbindlichkeit der Entscheidungen des Kongresses abzuschwächen vermöge.. DIE AUFNAHME DES KONGRESSBES Wir vermögen uns heute nur schwer eine Vorstellung von dem Jubel zu machen, den der Kongreß durch seinen Beschluß vom 1. Juli 1878 unter den Juden in ganz Europa und in Amerika weckte. Nun war die Judenfrage in Rumänien endgültig gelöst, eine .Quelle ewiger Beunruhigungen und un- -aufhörlicher Klagen verstopft, eine Viertelmilliion Glaubensgenossen von einem Joch unerträglicher Qualen und demütigender Bedrückungen erlöst. Und diese Erlösung war durch das höchste und maßgebenste Forum von Jganz Europa vollzogen worden. Die ersten Staatsmänner des Zeitalters, die Lenker der zivilisiertesten und mächtigsten Reiche der Erde hatten bei dieser feierlichen Gelegenheit als einen unbestreitbaren, selbstverständlichen Grundsatz ausgesprochen und wiederholt und mit ihrer Unterschrift bekräftigt, daß kein Staat einem Juden lediglich aus dem Grunde, daß er Jude ist, die bürgerliche und politische Gleichberechtigung absprechen dürfe. Wer jwürde es wagen, sich fürderhin der Ansicht solcher Männer zu widersetzen? Nicht nur die Judenfrage in Rumänien, sondern die Judenfrage überhaupt schien für immer, wenigstens theoretisch, aus der Welt geschafft. Die Wiederkehr der Zustände, die noch vor einem Jahrzehnt sogar in hochzivilisierten europäischen Staaten herrschten, schien für immer ausgeschlossen. Was Rumänien selbst anbetrifft, war es von besonderer Wichtigkeit, daß der erste Bevollmächtigte Frankreichs, des traditionellen Beschützers der Rumänen, es gewesen, der die Judenemanzipation so .energisch betrieb! und durchsetzte; dadurch mußte dieser Forderung jeder bittere Beigeschmack genommen werden, zumal derselbe Bevollmächtigte sich für eine Schadloshaltung Rumäniens in der Dobrutscha ibiei Rußland so warm eingesetzt und sie erwirkt hatte. Daß Rußland gegen die Bedingung 'keinen Einwand erhob, mußte den Juden als ein großer Triumph ihrer Sache erscheinen: die Russen hatten sich offenbar durch die Ausführungen ihrer mittel- und westeuropäischen Kollegen überzeugen lassen. (In der Folge stellte es sich heraus, daß dieses Verhalten ein Meisterstreich der russischen Diplomatie war.) - Am 12. Juli richtete der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde in seinem Namen und im Namen der Vertreter der übrigen größeren jüdischen Gemeinden Deutschlands ein Dankschreiben an den Fürsten Bismarck für die Teilnahme, welche der Reichskanzler bei den Kongreß Verhandlungen für die Verbesserung der Lage der Juden in den orientalischen Kleinstaaten bewiesen habe. Das Dankschreiben enthält u. a. folgende Sätze: „Mit hochherzigstem Wohlwollen hatten Ew. Durchlaucht die gehorsamsten Bitten entgegengenommen, welche wir und mit uns die Vertreter der größten jü- :hlusses in der juedischen WELT. dischen Gemeinden Deutschlands für unsere schwer bedrängten Glaubensbrüder in Rumänien auszusprechen sich erlaubten. Das in Hochderselben Auftrage von dem Auswärtigen Amt an uns erlassene Antwortschreiben vom 28. Februar d. Js. eröffnete uns eine tröstende Hoffnung und diese .^Hoffnung ist nunmehr verwirklicht: der Kongreß *der europäischen Großmächte hat die Gleichberechtigung aller Religionsbekenntnisse im Orient verkündet und dadurch unsere Glaubensborüder von der Schmach befreit, welche seither auf ihnen lastete. Durchlaucht! Es gereicht der denkwürdige Beschluß des Kongresses uns im Interesse unserer Glaubensgemeinschaft zur hohen Genugtuung. So blicken als Deutsche wir mit freudigem Stolz auf die Großtat hin, die sich vollzogen hat in der Hauptstadt Deutschlands, in einem Areopag, geleitet von dem Kanzler des Deutschen Reiches. So möge es uns denn gestattet sein, Ew. Durchlaucht unseren ehrerbietigsten Dank sowie den aller derer entgegenzubringen, welche in den Bitten sich mit uns vereint hatten. Einfach nur und kurz im Ausdruck, ist unser Dank ein tiefinniger, wurzelnd in der Zuversicht, daß, iwo es gilt, Menschlichkeit zu vertreten, Deutschland seine Stimme erhebt, die nicht überhört werden kann nun und nimmermehr." Aber schon gleich am 1. Juli hatte zwischen Cremieux und den französischen Kongreßmitgliedern folgender Depeschenwechsel stattgefunden: „Der Präsident der Alliance Israelite Universelle spricht den würdigen Vertretern des allerorten für die Emanzipation wirkenden Frankreichs den innigsten Dank einer ungemein großen Bevölkerung aus. Die Verkündung der Freiheit, die Gleichberechtigung der Bekenntnisse, die die Israeliten des Orients ihren Mitbürgern gleichstellt, — welch neuer Ruhm für Frankreich, für Waddington in der Geschichte des 19. Jahrhunderts'" Gleichzeitig telegraphierte der greise Präsident an Herrn von (Saint-Vallier, der, wie er, dem Senate angehörte: „Ihnen, werter Kollege und Freund, meine innigsten Glückwünsche, meinen besten Dank! Es lebe unser Frankreich xmd seine würdigen Vertreter auf dem Kongreß." Darauf erhielt Cr6mieux umgehend folgende Antwort: „Werter Herr xmd Kollege! Wie sehr ich auch in diesem Augenblick von den Kongreßarbeiten erdrückt bin, will ich keine Stunde säumen, Ihnen für Ihr Telegramm zu danken, das mir soeben zugegangen ist und tief zu Herzen gesprochen hat. Indem wir vor dem Kongresse die Sache der Israeliten in Rumänien, Serbien und Bulgarien verteidigten und aüsfochten, vertraten wir die Sache der Gerechtigkeit, der Menschlichkeit und Zivili-

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