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Ost und West · 1917-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1917) · p. Seite 169 - 170

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-05-01
Page
Seite 169 - 170 (sequence 4)
Language
German
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w Rumänien und seine Juden. 170 nämlich die Abtretung einer ganzen Provinz, was dieses Land als schwere Kränkung und Demütigung empfand. Namentlich stand zu befürchten, daß Rußland ernstliche Opposition machen würde, schon um die Beraubten zu versöhnen und ihnen eine Genugtuung zu gewähren, auch damit es dem1 Vorwurf entgehe, daß die unter rumänischer Oberhoheit verbliebenen Juden ein besseres Schicksal erwartete, als jene in dem abgetrennten. Bessarafoien. Am 1. Juli 1878 fand die denkwürdige^ Sitzung statt. Nach einer eingehenden Beratung wurde beiden rumänischen Ministern gestattet, vor dem Kongreß zu erscheinen und ihre Klagen und Wünsche vorzutragen. Sie protestierten in sehr bewegten Worten gegen die geplante Abtrennung Bessarabiens, betonten auch noch andere Forderungen, machten aber keinen Einwand gegen die gepLante Emanzipation der Juden. Als sie den Saal verließen, nahm der Kongreß seine Beratungen kühl wieder auf, als1 wäre nichts geschehen Abb. 8. Einfassung des heiligen Schreines in Lemberg (Zum Artikel „Alte Almemorgitter") Nur Wadding*- ton machte sich zum Fürsprecher Rumäniens bei den russischen Delegierten, erbat und erwirkte auch eine Erweiterung der Grenzen der Dobrudscha um die Linie Silistria-Mangalia. Was die Judenfrage anbetraf, erklärte Waddington folgendes: „Getreu den bisher befolgten Grundsätzen, verlangen die Bevollmächtigten Frankreichs, daß der Kongreß die Unabhängigkeit Rumäniens an dieselben Bedingungen knüpfe, wie die Serbiens. Wir verhehlen uns die örtlichen Schwierigkeiten nicht, die in Rumänien lobwalten. Aber nach reiflicher Erwägung aller Argumente für und wider haben die Bevollmächtigten Frankreichs eingesehen, daß es vorteilhafter ist, sich von den großen Prinzipien der Rechtsgleichheit und der Freiheit aller Kulte nicht zu trennen. Es ist übrigens unstatthaft, daß die rumänische Regierung auf ihrem Gebiet die von der Türkei für ihre Untertanen anerkannten Grundsätze ablehne. Man braucht nicht zu schwanken, es auszusprechen, daß Rumänien, welches in die große europäische Völkerfamilie einzutreten wünscht, die Lasten und sogar die Schwierigkeiten einer Lage auf sich nehmen muß, deren Vorteile es zu genießen wünscht. Es dürfte sich lange keine so feierliche und entscheidende Gelegenheit finden, von neuem die Prinzipien zu bekräftigen, welche die Ehre und die Sicherheit der zivilisierten Nationen ausmachen. Was die örtlichen Schwierigkeiten anbetrifft, sind die Vertreter Frankreichs überzeugt, daß sie viel leichter überwunden werden können, wenn Rumänien die gedachten Prinzipien sich zu eigen macht. Die jüdische Rasse wird begreifen, daß sie von keiner anderen Seite etwas erhoffen kann als nur von ihren eigenen Anstrengungen und von der Solidarität ihrer Interessen mit denen der eingeborenen Bevölkerung." Der Redner schließt mit der dringenden Bitte, daß dieselben Bedingungen der politischen und religiösen Ordnung, die für Serbien gelten, auch Rumänien auferlegt werden mögen. Das Kongreß-Proto" koll fährt fort: Fürst Bismarck beruft sich auf die Prinzipien des öffentlichen Rechtes, welche nach der Verfassung im Deutschen Reiche gelten und auf das Interesse, welches die öffentliche Meinung daran knüpft, daß die Prinzipien der inneren Politik auch in der auswärtigen zur Geltung gebracht werden; er erklärt also im Namen Deutschlands, sich dem französischen .Antrag anzuschließen. Das gleiche tut Graf Andrassy. Lord Beaoonsfield erklärt im Namen der englischen Regierung, vollständig dem französischen Vorschlag zuzustimmen. Er fügt noch mit besonderem Nachdruck hinzu, er könne nicht annehmen, daß der Kongreß die Unabhängigkeit Rumäniens ohne diese Bedingung anerkennen würde. Dieselbe Erklärung geben die italienischen Vertreter ab. Man wartete mit Spannung auf die Stellungnahme Rußlands. Zur größten Ueberrascliung aller Anwesenden erklärte Fürst Gortschakow: Mit Bezugnahme auf die Gründe, durch welche der französische Antrag motiviert wird, und welche dahinzielen, der religiösen Freihheit eine möglichst große Ausdehnung zu geben, schließe er sich dem französischen Antrag an. Der Graf Schuwalow erinnerte daran, daß die Zustimmung Rußlands zur Unabliängigkeitserklärung Rumäniens in erster Reihe durch die Rückabtretung Bessarabiens bedingt sei, und unterstrich damit das vorwiegende Interesse seines Staates'. Da die ottomanischen Bevollmächtigten keinen Widerspruch erheben, faßt Bismarck das Ergebnis der Beratungen dahin zusammen, daß laut einstimmigem Beschluß des Kongresses die Unabhängigkeit Rumiäniens an die gleichen Bedingungen geknüpft wird, wie jene Serbiens (abgesehen von der Abtretung Bessarabiens.) Damit war die Sache erledigt.

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