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Ost und West · 1917-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1917) · p. Seite 153 - 154

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
Article
Psychologie der Macht
Date
1917-05-01
Page
Seite 153 - 154 (sequence 5)
Language
German
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153 Psychologie der Macht. 154 braucht dann nicht mehr dem Nächsten weh zu tun, Schmerz zu bereiten, also Böses zu stiften, um sich durch die intensive Reaktion seiner eigenen Kraft lustvoll bewußt zu werden und sie zu erleben. Er kann dasselbe Ziel erreichen, indem er das Gute wirkt. Dieses letztere erweckt freilich keine so schreiende und energische Reaktion wie sein Gegenteil. Aber so abgetönt und so verschwiegen sie sich auch äußert, sie wird mit hinreichender Stärke empfunden, um in ihrem. Urheber das wonnige Lebensgefühl zu erregen, welches in der Betätigung der Kraft liegt. Der Mensch hört auf, seine Befriedigung im Zerstören und Vernichten zu suchen, er findet sie im Bauen und Schaffen, das keinen Lärm macht, im Pflanzen, dessen Früchte langsam und in der Stille reifen. Der Mensch herrscht über dem Menschen nicht mehr, um ihm Böses zu tun, sondern Gutes. Der Kampf hört auf, unter den Menschen zu toben und wendet sich nach außen, indem er die Vernunft zur Bezwingung und Beherrschung der Natur organisiert, der Natur außerhalb und der Natur innerhalb des Menschen. * * * Daß solche Wandlungen in der Betätigung und im Auskosten der Macht nicht erst auf eine ferne messianische Zukunft zu warten brauchen, sondern in historischer Zeit vor sich gegangen sind, dafür bietet uns die Bibel ein schönes Beispiel. In einer entlegenen, den meisten Lasern kaum bekannten Stelle, nämlich im zweiten Buche der Chronik, im achtundzwanzigslen Abschnitt, wird in t knappen Worten folgende Begebenheit erzählt: Es war in der Regierungszeit des Königs Achas von Judäa und des Königs Pekach ben Remaljahu von Israel (Samaria), also in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts vor der gewöhnlichen Zeitrechnung. Die beiden Reiche waren längst getrennt und seit anderthalb Jahrhunderten herrschte erbitterte Fehde zwischen ihnen. Der Zusammenhang zwischen dem Nordeich und dem. Südreich war ja nie sehr innig gewesen und schon unter König Salomo, also kurz nach der Einigung aller Stämme zu einem einheitlich regierten Staate, scheinen heftige Reibungen und Spannungen unter den einzelnen Provinzen auf der Tagesordnung gewesen zu sein. Unter seinem Nachfolger Rehabeam, trat im Jahre 931 eine endgültige Spannung ein. Die zehn nordischen Stämme, unter denen der Stamm Ephraim die Führung hatte, Kisten sich von der Davidischen Dynastie los. Der Ephraimite Jerobeam wurde zum König gewählt, zur Residenz wurde Sichern (das heutige Nablus) erhoben, später wurde der Flof und der Sitz der Regierung nach Schornron (Samaria) verlegt. Der politischen Spaltung folgte alsogleich die religiöse. Jerusalem hörte auf, der religiöse und der politische Mittelpunkt sämtlicher Stämme zu sein, ia Dan und Beth El wurden neue Heiligtümer gegründet, es wurde eine gesonderte Staatsreligion eingeführt, die Leviten und die Priester des Einzigen Gottes wanderten aus dem Reiche Israel nach Judäa aus. Nur das Prophetentum hielt stand und führte einen hartnäckigen, aber vergeblichen Kampf gegen das neueingeführte Heidentum und für den angestammten Gott der Väter. Das für kurze Zeit geeinte Volk war in zwei Nationen zerfallen, die sich unter verschiedenen D}masüen in gesonderten Staaten organisiert hatten und unabläßig gegen einander Krieg führten, indem sich jede zu diesem Zweck mit ihren Nachbarn verband. Eben war ein solches Bündnis zwischen dem König Pekach ben Remaljahu von Israel und Rezin von Damaskus gegen den König Achas von Judäa zustande gekommen, der seinerseits schließlich die Assyrer zu Hilfe rief. Es war ein erbitterter Krieg. In der entscheidenden Schlacht trug der König von Israel den Sieg davon. In einem Tage sollen hundertundzwanzigtausend Judäer gefallen sein, darunter einige der höchsten Führer, sowie ein königlicher Prinz. Die Sieger machten zweihunderttausend Gefangene, Frauen, Mädchen und Knaben. Eine riesige Beute fiel in ihre Hände. Sie schleppten alles, Gefangene und Beute, nach ihrer Hauptstadt Samaria. In Samaria aber war ein Prophet, Oded mit Namen. Der ging dem siegreichen Heere entgegen und hielt ihm folgende kurze Rede: „Seht, der Zorn Gottes hat sich über die Judäer ergossen, darum gab er sie in Eure Hände, ihr aber habt ein Blutbad unter ihnen angerichtet, daß es zum Himmel dampft. Nun wollt ihr Bewohner von Judäa euch zu Sklaven und Sklavinnen machen? Ihr häuft damit nur neue Schuld auf eure Köpfe. Folgt lieber meinem Rat und schickt die Gefangenen nach Hause, damit ihr nicht den Zorn Gottes auf euch ladet." Diese kurze Rede eines Pazifisten hatte einen merkwürdigen Frfolg. Die Pleerführer traten zu einer kurzen Beratung zusammen, dann wurde der Bewachungsmannschaft der Befehl erteilt, zurückzutreten, die Gefangenen standen nun da

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