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Ost und West · 1917-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1917) · p. Seite 151 - 152

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
Article
Psychologie der Macht
Date
1917-05-01
Page
Seite 151 - 152 (sequence 4)
Language
German
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151 Psychologie der Macht. 152 wenn er mit der gleichen Kraft demselben Lebewesen Lust schenken würde. Er wird seine Kraft wachsen fühlen, in dem Maße, als die Anzeichen des Schmerzes bei dem leidenden Teil sich äußern. Da aber die Betätigung der Kraft die höchste Lust eines Lebewesens, insbesondere des Menschen, ist, so folgt daraus, daß es ihm eine höhere Lust gewährt, dem anderen Schmerz zuzufügen, als ihm mit dem Aufwand der gleichen Kraft Lust zu bereiten, da die durch den Schmerz hervorgerufene stärkere Reaktion in dem Täter das (im Grunde illusionäre) Gefühl hervorruft» daß seine wirkende Kraft viel größer sei, als wenn sie in gleichem Maße dazu verwendet würde, Lust zu schaffen, und durch diese ein viel geringeres Echo zu wecken. Auf den primitivsten Fall zurückgeführt: wer dem anderen einen Hieb versetzt und ihn wild aufschreien macht, wähnt, dabei eine größere Kraft aufgewendet zu haben als wenn er den anderen mit einer, rein dynamisch gemessenen, völlig gleichen Anstrengung etwa vom Boden aufgehoben und ein paar matte Dankesworte, von ihm vernommen hätte. Die Lust am Zerstören auch lebloser Dinge entspringt derselben Quelle, wobei im Unterbewußtsein der Animismus mitspielt und den leblosen Dingen eine empfindende Seele andichtet. Der „Held" schlechthin ist in der Phantasie der Menschen der Massentöter gewesen, der Zerstörer und Verwüster von Städten und Ländern. Unter allen Monarchen, die; die Geschichte mit dem Ehrentitel ,,der Großen", geschmückt hat, finden sich kaum drei oder vier, die ihre Kraft dem stillen Aufbauen und Erstarken ihrer Reiche gewidmet haben; alle anderen haben die größten Kriege geführt und die blutigsten Schlachten geliefert, mit anderenWorten, die meisten Menschen getötet und gequält, die wertvollsten Schöpfungen von ganzen Generationen vernichtet, in der Zerstörungstat äußert sich für die vulgäre Betrachtung des Menschen die größte Kraft, die den meisten Ruhm verdient. Die symbolischen Embleme und Handlungen, welche Krönungsfeiern und ähnliche Zeremonien zu begleiten pflegten, versinnbildlichten diese Anschauung sehr deutlich, indem dabei nie das Schwert fehlte, welches Qualen, Tod und Vernichtung bringt, häufig leitete der Gekrönte die Feierlichkeit damit ein, daß er nach allen vier Weltgegenden Hiebe führte, als wollte er damit bekunden, daß er die Macht verkörperte, Tod und Verderben über die ganze Welt zu verhängen. Damit wurde seine Erhöhung über alle Sterblichen angedeutet. Das Schwert als Symbol der Macht war der stete Begleiter des Mächtigen. Es darf als ein Beweis sehr hoher seelischer Kultur betrachtet werden, daß das mosaische Gesetz für den König als unzertrennliche Begleiterin die Schriftrolle vorschreibt, die das Gesetz enthält, nach dem er Recht und Gerechtigkeit auf Erden zu pflegen habe. * * So sehen wir die Macht mit dem Bösen innig verschlungen. Das Streben nach Macht wird zur Gier nach jener erhöhten Lust, die das Verursachen von Schmerz, das Vernichten und Zerstören bereitet. Hierin wurzelt auch die stets beobachtete und nie genügend erklärteVerwandtschaft zwischen Wollust und Grausamkeit. Der Anblick des Gepeinigten, der sich in Schmerzen windet und jammert, gewährt dem Peiniger einen erhöhten Genuß seiner eigenen animalischen Kräfte. „Es herrscht der Mensch über den Menschen, um ihm Böses zuzufügen." Schon in dem Zerstörungstrieb des Kindes zeigt sich dieser Hang des Erdensohnes — ein verhängnisvolles Erbe aus den Urzeiten des Menschengeschlechts. Das ist wohl der tiefste Sinn jenes Verses in der Schöpfungsgeschichte: „der Trieb des Menschenherzens ist böse von seiner Jugendzeit her." Denn im Grunde ist dieser Trieb des Menschenherzens, die Macht zu verwenden, um Schmerz und Böses zu stiften und sich ihrer auf diese Weise bewußt zu werden, -— nur ein Atavismus und der Veredlung fähig. Hier iällt namentlich der Kunst (selbstverständlich im Zusammenhange mit dem gesamten Kulturfortschritt) eine hohe Aufgabe bei der Ethisierung des Menschengeschlechtes zu; eine Aufgabe, die sie nicht etwa dadurch erfüllt, daß sie moralische Traklätlein schreibt, dichtet, malt, meißelt oder singt, sondern dadurch, daß sie das Empfindungsleben des Menschen verfeinert und subtilisiert. Indem sich die Empfänglichkeit des Menschen für den Ausdruck der Empfindungen steigert, wird er immer fähiger, die zarten und stillen Aeußerungen der Lust, die er beim Mitmenschen weckt, ebenso stark wahrzunehmen, wie die heftigenund lärmenden Aeußerungen derSchmerzempfmdung. Der stumm dankende Händedruck dessen, den er mit der Kraft seines Armes vom Boden erhoben hat, wirkt auf ihn zurück mit der gleichen Intensität, wie der wütende Schmerzensschrei dessen, dem er mit dem gleichen Kraftaufwand einen derben Hieb versetzt hat, daß er umsank. Der Mensch

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