Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
- Article
- Psychologie der Macht
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 149 - 150 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2583875-2584069-2584073-2605763--16563-2605783- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
149 Psychologie der Macht. 150 größere Kraft und ein ,,wahrerer" künstlerischer Wille, als hinter dem Schönen. Im gewöhnlichen Leben spricht man von „märchenhafter," von ,,unglaublicher Schönheit"', auch wo es sich um Gegenstände handelt, die streng nach der Natur oder nach der Geschichte gebildet sind, und man verweist damit das vollkommen schöne Gebilde in das Reich der Un Wirklichkeit. Dagegen kann man häufig beim Anblick eines Gemäldes oder bei der Lektüre einer Schilderung, die die Nacht- und Schattenseiten des Daseins zum Gegenstand haben, den Ausruf hören: „So ist das Leben! " Man ist übereingekommen, als Naturalismus oder als Realismus in der Kunst die Richtung zu bezeichnen, die mit Vorliebe den Schönheiten der Welt und des Menschenlebens aus dem Wege geht und sich an deren Gegensatz hält. Aber lange bevor diese Bezeichnungen aufkamen und zum Programm wurden, haben große Künstler, z. B. Rembrandt, Elemente des Unschönen in ihre schönsten Bilder mit bewunderungswürdig feinem Instinkt zu verweben verstanden und diesen dadurch eine größere Glaubwürdigkeit, einen intensiveren Wirklichkeitsschein verliehen. Die Illusion, daß hinter dem Häßlichen eine „echtere", „wahrere" Wirklichkeit stehe, als hinter dem Schönen, erzeugt bisweilen sogar die Meinung, daß zum künstlerischen Nachbilden des ersteren eine größere Kraft gehöre, als zu der des letzteren, daß also der Maler oder Schilderer des Häßlichen, Abstoßenden, Grauenerregenden und Schaurigen der größere Künstler sei und über ein stärkeres Können verfüge. Sogar Meister ersten Ranges, wie Tolstoi (in der Nacht der Finsternis"), der es doch wahrhaft nicht nötig hatte, haben es nicht verschmäht, gelegentlich durch Kitzelung des natürlichen Widerwillens gegen das Greuliche den Schein größerer Wahrheitstreue zu erwecken. In Wirklichkeit gehört zur Schilderung eines ,,traumhaft" schönen Sonnenunterganges gewiß nicht weniger Kraft, als zu der eines Tümpels. Gleichwohl sind sogar subtile Kenner geneigt, in Raffaels künstlerischem Schaffen etwas Weichliches, weibisch Schwächliches zu erblicken und es geringer einzuschätzen, als dies der Fall wäre, wenn er seine große Kraft in den Dienst der Darstellung des dämonisch Häßlichen gestellt hätte, anstatt sie dem Kultus des strahlend Schönen zu weihen. Dostojewski, der Schöpfer des „Raskolnikow" wird viel höher gestellt, als Zola, der Verfaßer von „Lourdes". Sieht man indeßen von der Verschiedenheit der Tendenz und der Geistesrichtung dieser beiden großen Kunstwerke ab und betrachtet allein die künstlerische Potenz, die in jedem von ihnen verkörpert ist, so muß man zu dem Schiüße kommen, daß die Schöpferkraft, die zum Aufbau des französischen Romans nötig war, wohl noch um ein Bedeutendes die des russischen übersteigt. Die Kunst Zolas, die Massen zu bewegen und in plastischen Gemälden zu gruppieren, die einzelnen Figuren herauszumeißeln und schließlich die Natur in den mannigfachsten Formen zu schildern, kommt bei Dostojewski kaum zur Betätigung; geradezu bewunderungswürdig ist Zolas künstlerische Objektivität in der Behandlung jener Menschen, deren Weltanschauung ihm widerstrebt und die er bekämpft. Was jedoch die Seelenanalyse anbetrifft, ist ,.Lourdes" für das Verständnis der Massenps5rchologie genau in demselben Maße bedeutsam, wie „Raskolnikow'' für das der Individualps3rchologie. Trotzdem hinterläßt der Roman des Russen einen ungleich tieferen, richtiger gesagt, schmerzlicheren Eindruck, als der des Franzosen, und zwar lediglich darum, weil ersterer ein viel unheimlicheres, krankhafteres, grauenerregenderesThemabeliandelt, als derletztere; weil bei Zola das lebenbejahende, gesunde Prinzip als das sieghafte, triumphierende in die Erscheinung tritt. Das wirkt als etwas Selbstverständliches, der Leser nimmt es hin, als käme ihm das ohne weiteres zu. Dagegen wirkt Dostojewski aufwühlend, bohrend und wird darum als ungleich mächtiger empfunden. Diese Eigenschaft, die Unlust viel stärker, zu empfinden, als die Lust gleichen Grades ist eines der wichtigsten Stücke der Ausrüstung desMenschen für den Kampf ums Dasein. Wenn der Schmerz im allgemeinen ein Warnungssignal ist, das der Organismus dem Bewußtsein gegen eine herannahende Zerstörungsgefahr gibt, so ist es wichtig, daß dieser Instinkt stets wach sei, den kleinsten lebensfeindlichen Reiz wittere, und zur Abwehr aufstachele, während die lebensfreundlichen, also lustbetonten Reize ohne besondere Erregung hingenommen werden können, um zur Förderung des Lebensprozesses verarbeitet zu werden. Nun kommt aber die Kehrseite der Medaille. Die schärfere Empfindung zieht eine stärkere Reaktion nach sich. Auf eine Handlung, die ihm Schmerz zufügt, wird das Lebewesen, vor allem der Mensch, energischer antworten, als auf eine solche von gleicher Stärke, die ihm Lust bringt. Der aktive Teil, der Verursacher von Leid, wird also einen kräftigeren Widerhall wecken, als