Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
- Article
- Psychologie der Macht
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 147 - 148 (sequence 2)
- Language
- German
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147 Psychologie der Macht. 148 Zwingherrschaft wird zur geistigen Führung, welcher sich der Unterworfene immer williger unterordnet, zwecks gemeinsamer Arbeit an der Erreichung gemeinsamen Nutzens. In dieser Form bietet die Gewalt noch immer viel der Verlockung zum Bösen, aber j-ie ist dann kein Böses mehr an sich, sondern sie ist vielfach die unumgängliche Bedingung, das Gute in der Welt zu schaffen. Das Böse tritt dann nur noch sozusagen als Nebenprodukt des Lebensprozesses auf, als eine Folge der menschliche nUnvollkommenheit, wird aber von dem Guten überwogen und überwunden. Man wird hierbei unwillkürlich an die schöne, im Talmud aulbewahrte Sage von Alexander dem Großen erinnert, der den ,,Weisen des Südens" zehn Fragen vorgelegt habe; die letzte lautete: ob der Mensch nach Herrschgewalt streben solle; die Weisen verneinten es; der König aber erwiderte: allen euren bisherigen Antworten stimme ich zu; was jedoch die Herrschaft anbetrifft, denke ich anders; der Mensch soll nach Macht streben, aber sie stets dazu benutzen, um das Gute in der Weit zu stiften. Die enge Wesens Verwandtschaft der Macht mit dem Bösen tritt eist auf, wo erstere als Selbstzweck erscheint, wo sie um ihrer selbst willen angestrebt wird, nicht als Mittel, bestimmte Zustände zu verwirklichen oder bestimmte Güter zu erreichen. Der Begriff der Macht trägt eigentlich seinen Widerspruch in sich. Macht ist ja scheinbar eine höhere Stufe der Unabhängigkeit, in Wirklichkeit jedoch ist sie deren Verneinung. Der Mächtige muß stets jemanden haben, über den er die Macht besitzt, ohne ihn zerrinnt seine Macht in Nichts. Die Macht will ausgeübt sein. „Der Starke ist am stärksten allein", heißt es. Das mag vielleicht wahr sein. ' Aber der „Mächtige'' ist ganz ohnmächtig allein, er muß stets Menschen um sich haben, die seine Macht zu fühlen bekommen; hat er solche nicht, so fühlt er sich arm und verlassen, — wenn er seine Sache auf die Macht gestellt hat. Und hier ist der Punkt, wo die Tragödie der Macht beginnt. Sie kann sich ihrer nur bewußt werden, indem sie sich in einem anderen Bewußtsein spiegelt, ihre Wirkung auf dieses beobachtet und fühlt. Sie mißt dann ihre eigene Größe an der Größe der Reaktion, die sie hervorruft. Nun kommt hier die Eigentümlichkeit des Menschen (und aller ' anderen Lebewesen) in Betracht, die darauf beruht, daß er die Unlust, den Schmerz viel schärfer empfindet, weit heftiger auf sie reagiert, als auf die Lust und das Angenehme, wenn auch beide, objektiv gemessen, von gleicher Intensität sind. L>as ist schon in den biologischen Naturbedingungen begründet. Der Lebensprozeß des Organismus besteht zu einem sehr bedeutenden Teil in der Anpassung an die Umstände. Was fördernd auf ihn einwirkt, und zu seiner Steigerung beiträgt, empfindet er als eine Fortsetzung der gegebenen Bedingungen, demnach als etwas Natürliches,Selbstverständliches, das ihm von Seiten der Welt gebührt. Oft wird es verarbeitet, ohne daß es erst recht bemerkt wird. Nur wenn etwas Störendes in den Lebensprozeß tritt und ihn unterbricht oder behindert, wird es als Unlust schmerzhaft empfunden, die Wachsamkeit des Organismus wird erregt und eine Reaktion tritt ein. Dabei können bie beiden entgegengesetzten Reize von seiten der Außenwelt an Stärke vollkommen gleich sein. Gleichwohl wird der letztere viel kräftiger empfunden, als der erstere. Diese Erscheinung läßt sich auf allen Gebieten des Lebens beobachten. Der Mensch der gemäßigten Zone empfindet fünf Grad Kälte als eine feindliche Gewalt, fünf Grad Wärme dagegen als normale Temperatur. Unter sonst gleichen Umständen ist die Freude über einen Gewinn von hundert Mark viel kleiner, als das Bedauern über einen Verlust der gleichen Summe. Demgemäß ist auch der Groll gegen den Verursacher eines Schadens viel nachhaltiger, als die Dankbarkeit für den Bringer eines Vorteils von gleicher Höhe. Darin dürfte auch der vulgäre Pessimismus gegründet sein, der des Glaubens ist, die Welt und das Leben beständen aus lauter Uebeln. Im Leben eines Durchschnittsmenschen, der siebzig Jahre alt geworden ist, hat sicher die Summe der Lustgefühle der entgegengesetzten mindestensdieWagschalegehalten, das beweistjadie einfache Tatsache, daß er lebte. Das Ueberwiegen der Unlustgefühle müßte ja eine vorzeitige Vernichtung des Organismus herbeiführen. Allein die Unlustgefühle sind viel stärker und nachhaltiger empfunden worden, und füllen das Bewußtsein und die Erinnerung in größerem Maße aus, als ihr Gegenteil. Auch im Bereiche der Form wird das Lusterregende, also das Schöne", viel weniger intensiv und „wirklich" empfunden, alsdasHäßliche. Letzteres macht den stärkeren Eindruck, prägt sich der Phantasie und dem Gefühl viel tiefer ein und erweckt die Vorstellung, als stünde dahinter eine echtere, stärkere Wirklichkeit, eine