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Ost und West · 1917-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1917) · p. Seite 137 - 138

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-03-01
Page
Seite 137 - 138 (sequence 8)
Language
German
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137 Rumänien und seine Juden. 138 licli noch mehr brachten und bringen. Die Gewährung unserer Bitte seitens des Kongresses wird keinen Widerspruch enthalten, sondern die Bedingung, unter welcher die Unabhängigkeit der Ru)mänen anerkannt wird, damit endlich Friede, Ruhe und Ordnung in diesen Gegenden herrsche. Es ist alle Welt im 'Voraus überzeugt, daß sämtliche Klassen der christlichen Bevölkerung zufrieden sein werden, denn die Räte der Krone hätten schon längst den gesetzgebenden Körperschaften die Juden- Emanzipation vorgelegt, aber sie fürchten, ihr Prestige bei einigen Schreihälsen einzubüßen. Gegen einen KongreBbeschluß läßt sich natürlich nichts tun und sie würden mit '.Vergnügen die Gelegenheit ergreifen, um die Gleichberechtigung aufs Tapet zu' bringen und zu legalisieren. Es könnte auch der Fall eintreten, daß die Kammern in Bukarest, wenn sie vernähmen, daß der Kongreß die Judenfrage -in den Bereich seiner Beratungen ziehe, stante pede die Emanzipation wDtieren." Die Nr. 14 bringt einen Brief des Predigers von Bukarest, Dr. Moritz Beck, eines Westösterreichers, der erst vor wenigen Jahren nach Rumänien gekommen und der Landessprache unkundig war. (Er ist es bis heute 'geblieben, hat die rumänische Staatsangehörigkeit nicht | erworben, hatte das Mißgeschick heim (Ausbruch des jetzigen Krieges interniert zu werden, während zwei seiner Söhne im österreichischen Heere kärnpfen.) Dieser Korrespondent kanzelt seinen Vorgänger in der Nr. 10 mit herben Worten ab;, deren Schärfe noch durch die von der Redaktion stark gemilderte Form durchschimmert: „Mit Bezugnahme auf eine Korrespondenz aus , Bukarest vom 26. Februar a. c, abgedruckt in einer der letzten Nummern Ihres geschätzten Blattes, gestatten Sie mir freundlichst einige Bemerkungen. Der Korrespondent meint, der Schritt, welchen die deutsch-israelitischen Gemeinden zum Zweck unserer Gleichstellung in Rumänien unternehmen, werde schwerlich unserer Sache förderlich sein, sondern im Gegenteil nur dazu beitragen, die Verbitterung der Rumänen gegen uns wachzurufen oder zu vergrößern, möglicherweise gar nachteilige Folgen für .unsere Glaubensbirüder des Landes heraufzubeschwören. Was denn? Wir sollen still abwarten; es ist zu hoffen, (die jRumänen werden freiwillig, aus eigenem Antriebe unsere gesetzliche Gleichstellung aussprechen. Wie aber, wenn die Hoffnung auf die Großmut und Gerechtigkeitsliebe der Rumänen uns täuscht, wird sich uns bald wieder eine Gelegenheit bieten, unsere Sache vor <ias Forum Europas zu bringen? Und daß diese Hoffnung eine sehr schwache ist, davon kann sich jeder, der im Lande lebt, unschwer überzeugen. Es deuten wohl manche Anzeichen darauf hin, daß ein Umschwung der Gesinnung platzgegriffen hat, die Stimmung gegen uns ist vielleicht zurzeit eine freundlichere, als ehedem; aber kann dies den Schritt, den die Berliner Gemeinde angeregt hat, überflüssig machen? Wir halten dafür, daß er höchst notwendig ist, daß wir unseren hochherzigen Glaub ensbrädern im Auslande zu tiefem Danke verpflichtet sind, daß sie mit solchem Eifer unser Recht verteidigen und daß wir sie bitten, flehentlich bitten müssen, ja nichts zu verabsäumen, was ihnen zweckdienlich und erfolgverheißend erscheint. Geben wir einen Augenblick zu, Rumänien sei in der Tat gewillt, unsere gerechten Wünsche zu befriedigen, dann hat sein etwaiger Vertreter am "Kongresse oder an der Konferenz nur namens seiner Regierung die Erklärung abzugeben, wenn durch die Agitation unserer ausländischen Glaubensbrüder die. Judenfrage im Orient zur Sprache kommt: Meine Regierung ist fest entschlossen, die Lage der jüdischen Untertanen zu verbessern, sie den übrigen Staatsbürgern gleichzustellen. Da wird ja jedem, Rumänien demütigenden Beschlüsse oder Wunsche des Kongresses von vornherein die Spitze abgebrochen. Wenn die Wünsche Europas, oder sagen wir die der Humanität, mit den Absichten Rumäniens so friedlich zusammenstimmen, welche üble Folgen müßten wir befürchten? Es ist mithin klar, daß unsere Glaubensbrüder im Auslande unserer Sache einen wesentlichen Dienst leisten, wenn sie dahin wirken, daß sich der bevorstehende Kongreß öder die Konferenz über uns ausspreche. Sollten aber die .Rumänen, was wir argwöhnen, von solch menschenfreundlichen Gesinnungen gegen "uns nicht beseelt, sondern vielmehr willens sein, nach wie vor durch mittelalterliche Rachegesetze uns unser Leben zu vergällen; sollte ihre jetzt zur Schau getragene größere Judenfreundlichkeit nur eine vorübergehende Laune sein, die sich später, wenn die wichtigen Fragen der angestrebten Unabhängigkeit, Integrität des gegenwärtigen Territoriums, der europäischen Garantie so oder so gelöst sein werden, in den alten Ingrimm gegen die Juden verwandeln wird: nun, so ist es doch sicherlich unsere Pflicht, mit allen Mitteln dahin zu wirken, daß sich der Kongreß . mit unserer unerträglichen Lage beschäftige und eine bessere Gestaltung derselben Rumänien dringend Und warm ans Herz lege oder gar zur Pflicht mache. Schließlich noch eins: Es heirscht unter den rumänischen Juden gegenwältig allgemein die Ansicht vor, — zweifellos wird diese auch vom' Korrespondenten in der Nr. 10 geteilt —, daß es zum mindesten inopportun wäre, jetzt bei den rumänischen Kammern die Lösung junserer Frage zu urgieren; denn sie würden im! günstigsten Fall erklären, daß, da nach Artikel VII der Rumänischen Verfassung, Ausländem, -— lund zu ihnen rechnet man auch alle Juden in Rumänien — nichtchristlicher Konfession das Heimatrecht nicht erlangen können, unserer Gleichstellung vor dem Gesetz eine Verfassungsänderung vorausgehen müsse, zu dieser aber sei nur die ad hoc einberufene Constituante beberechtigt. Wir selber sind demnach zur Untätigkeit verurteilt, es bleibt Uns also nur die Hoffnung übrig, daß unsere ausländischen Glaubensgenossen ohne unser Hinzutun unser gutes Recht verfechten mögen. Wer nun diesem Schritte feind ist, kann nach unserer Ansicht nicht als Vertreter der Juden in Rumänien sprechen; er gehört einer gottlob täglich mehr zusammenschrumpfenden Minorität an, die, weil sie durch 'Reichtum gegen die Quälereien barbarischer Gesetze geschützt ist, jede Aktion zugunsten der Verbesserung der Verhältnisse aller Juden in Rumänien für überflüssig oder gar für gefährlich erklärt. Unsere edelsinnigen Brüder des Auslandes sollen sich in ihrem Tun durch nichts irremachen lassen; unsere Lage ist zurzeit eine solche, daß sie nicht mehr verschlimmert werden kann: sie anüssen uns als;p nur helfen. Das Schicksal von 200 000—250000 Seelen ist keine interne Frage, deren Lösung dem Belieben eines kleinen Staates anheimgestellt bleiben soll, sie ist eine eminent europäische, die vor das Forum Gesamt-Europas gehört."

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