Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1917)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 135 - 136 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2583875-2584069-2584072-2605703--16548-2605750- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
135 Rumänien und seine Juden. 136 vierzehn Delegierten aller Parteien beider Häuser des ungarischen Parlaments an den Minister des Aeußeren, Grafen Andrassy, die Anfrage, tob die Regierung geneigt wäre, bei Gelegenheit des nahebevorstehenden Kongresses „die erniedrigende und verletzende Behandlung, welche die israelitischen Bewohner Rumäniens in diesem Lande erfahren," zur Sprache zu bring'en, jund 'ob sie gesonnen sei, „für das Interesse dieser Unglücklichen im Namen der Grundsätze ider Zivilisation Und der Gerechtigkeit ihren Einfluß geltend zu machen?" Graf Andrassy erwiderte, daß die (Regierung in der Weise, wie es die internationalen Verhältnisse erlaubten, bisher keine Gelegenheit verabsäumt habe, dahin zu wirken, daß das (Schicksal der Israeliten im Orient im allgemeinen, und so auch in Rumänien, wie es sich unter den gegebenen Verhältnissen immer am zweckmäßigsten erwies, nach Tunlichkeit verbessert werde. „Insofern sich hierzu auf dem Kongreß eine Gelegenheit ergeben Wird, wird es die Regierung selbstredend für ,ihre Pflicht erachten, in derselben Richtung für das Prinzip der Gleichberechtigung', welches sie nach innen und nach außen vonr Augen hat, im Vereine mit den anderen Regierungen einzutreten und ihre Stimme geltend zu machen." In der Vollsitzung der österreichischen Delegation von! 4. Juni richtete der Delegierte Dr. Ignatz Kuranda an den Grafen Andrassy eine von zwanzig Mitgliedern, darunter den hervorragendsten österreichischen Parlamentariern, unterzeichnete Interpellation gleichen Inhaltes, nur in viel nachdrücklicherem Tone, in der hervorgehoben wurde, daß sich unter den unterdrückten Juden in Rumänien 80 000 österreichische Staatsangehörige befanden. (Diese wurden, wie erinnerlich, durch den Handelsvertrag von 1875 der rumänischen Judengesetzgebung wehrlos ausgeliefert.) Die Antwort Andrassys fiel auch hier in demselben Sinne, wie die vorhergehende aus. Unter den rumänischen Juden waren indessen die Ansichten geteilt. Es bildeten sich zwei Parteien; die eine wollte die Judenfrage endlich dem Einfluß der hohen Politik und der ausländischen Einmischung entzogen wissen und erstrebte eine Verständigung mit den Rumänen. Die andere dagegen ervVartete trotz der bisherigen Mißerfolge alles PI eil einzig von der Intervention der Großmächte. Der Kampf zwischen beiden Parteien spielte sich in Zeitschriften und Flugblättern ab, die heute längst verschollen sind. Ein schwaches Echo davon ist in den Korrespondenzen der in Deutschland erschienenen jüdischen Zeitungen erhalten, namentlich der Allgemeinen Zeitung des Judentums, deren I-Ierausgeber Dr. Ludwig Philippson überall in hohem Ansehen stand und der auch bemüht war, unparteiisch und gerecht zu sein. In der Nr. 10 1878 des genannten Blattes findet sich ein Brief aus Bukarest vom' 26. "Februar, aus dessen Inhalt Folgendes mitgeteilt sei: „Wir erfahren soeben aus den öffentlichen Blättern, daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Berlin die Vorstände der deutschen Gemeinden aufgefordert hat, sich mit ihm zu einer Petition an den Fürsten Bismarck zu vereinigen, bei dem bevorstehenden Friedensschlüsse die Gleichstellung der rumänischen Israeliten zu erwirken. Man wird es uns, den zunächst Beteiligten, nicht verdenken, wenn wir uns über dieses (Vorhaben äußern. Wir erkennen die gute Absicht gern an, vermögen aber weder die Opportunität, noch selbst die Zweckmäßigkeit des fraglichen Schrittes einzusehen. Bei der bevorstehenden europäischen Konferenz wird Rumänien nach zwei Beziehungen hin zur Sprache kommen: es wird sich um den Besitz des rumänischen Bessarabiens und um die Unabhängigkeitserklärung handeln. Die letztere, so ist die allgemeine Meinung, wird unter den obwaltenden Umständen auf keine Schwierigkeiten stoßen; ja man wird es im europäischen Interesse finden, diese Unabhängigkeit Rumäniens möglichst zu stärken. Daß hierbei von irgend einer diplomatischen Seite her die Bedingung der Gleichstellung der Juden verlangt werden sollte, ist um so {weniger (denkbar, als es einen Widerspruch enthielte, in dem Augenblicke, wo man einen Staat für unabhängig erklärt, in seine inneren Verhältnisse eingreifen und ihm Vorschriften machen zu wollen. Selbstverständlich wünschten wir, daß es anders sei; aber durch die Erfahrung gewitzigt, geben wir uns gar nicht der Täuschung hin, was wir wünschen, darum sofort für möglich oder wahrscheinlich zu halten. Dahingegen wird bei der starken | Empfindlichkeit der Rumänen für ihre Selbständigkeit |der Schritt, der beabsichtigt wird, einen nachteiligen Einfluß ausüben, da die Rumänen hierin wiederum einen feindseligen Akt der Israeliten erblicken Würden, sogar eine Anmaßung, die sie an uns izu (strafen suchen werden. Dies) wäre aber um so bedauerlicher, als wir' gegenwärtig die Hoffnung hegen, die rumänischen Gesetzgeber seien allmählich zu der Ueberzeugung gelangt, daß sie einer Verbesserung unserer Verhältnisse nicht mehr aus dem Wege gehen könnten. Die Opfermütigkeit, welche die Juden in allen Beziehungen aus Wahren patriotischen Gefühlen, auf den Schlachtfeldern, in den Lazaretten und für alle sonstigen Bedürfnisse des Staates durch die Tat erwiesen haben, so wie das Bedürfnis, alle Kräfte des Volkes zu konzentrieren, sowohl um den gegenwärtigen kritischen Zeitpunkt glücklich zu überstehen, als auch |um die Wunden des Krieges zu heilen und dem kleinen Staate nach außen Ansehen und Sympathien zu erwerben, schreiben den maßgebenden Kreisen entschieden vor, auch den Juden die angemessene Stellung in Volk und Staat zu geben. Es ist ja möglich, daß auch diese unsere Hoffnungen, sich nicht erfüllen, aber wir müssen doch alles vermeiden, was sie von vornherein vereiteln oder deren Erfüllung erschweren könnte. Dahin würde aber die beabsichtigte Petition führen. Gerade die rumänischen Judenfeinde würden auf sie hinweisen, als auf eine Machination, um den Rumänen in den Augen Europas zu schaden und als auf einen Zwang, den man ihnen antun wolle. Wir von unserem Standpunkte aus würden also raten, diese Petition zu unterlassen." In Nr. 13 ergriff ein „in Rumänien seit vielen Jahren etablierter Bürger eines Staates, der keine Religionsunterschiede kennt, also hier ganz unparteiisch ist, dafür aber Land und Leute und deren Verhältnisse ganz genau kennt," das Wort, um' „die Aufmerksamkeit unserer Glaubensgenossen auf den bevorstehenden Kongreß zu lenken, damit dieser den gordischen Knoten durch seinen Machtspruch durchhaue." Er warnt davor, daß man etwa den Rumänen, welche die russische Diplomatie jetzt verderben wolle, mit Drohungen komme. „Wir verlangen nichts Unrechtes, wir bitten nur um Gewährung unserer Rechte, für welche wir Juden im Verhältnis dieselben Opfer wie die anderen, eigent-