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Ost und West · 1917-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1917) · p. Seite 133 - 134

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-03-01
Page
Seite 133 - 134 (sequence 6)
Language
German
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133 Rumänien und seine Juden. 134 Europa hallte es, daß (ohne ihre Hilfe das mächtige Rußland unterlegen wäre, ihr Selbstgefühl war ins Unermeßliche gewachsen, sie sahen sich schon als die führende Macht auf ider Balkanhalbinsel, und nun sollten sie eine der schönsten Provinzen verlieren und obendrein noch wie ein besiegtes Volk behandelt werden. Man verhandelte über sie, ohne sie nach ihrer Meinung zu fragen, ohne sie zu den Beratungen zuzuziehen. Die Wut des Volkes wandte sich, von den führenden Politikern geschickt aufgewiegelt, gegen den Fürsten, der diese ganze Politik eingefädelt hatte und nun trotz seiner hohen Beziehungen, trotz seiner nahen Verwandtschaft mit dem Zarenhofe, dem brutalen Gewalthaber gegenüber vollständig ohnmächtig war. Inzwischen wurde am 3. März der Friede von San Stefano^ geschlossen, der das Schicksal Beßarabiens endgültig" zu besiegeln schien. In diesem Frieden ward nämlich der Hohen Pforte die Zahlung einer Kriegsentschädigung von vierzehnhundertzehn Millionen Rubeln auferlegt. Aber in Anbetracht der mißlichen finanziellen Lage der Türkei geruhte der Sieger, als Entgelt für einen Teil der Summe die Dobrudscha in Besitz zu nehmen; doch großmütig, wie er nun einmal war, wollte er diese Provinz gamicht behalten (sie grenzte eben nicht an sein Gebiet), sondern behielt sich das Recht vor, sie an Rumänien in Tausch gegen Beßarabien abzutreten. Gleichzeitig verletzte aber dieser Vertrag die geheimen Abmachungen zwischen Rußland und Oesterreich-Ungarn bezüglich Bosniens und der Herzegowina. Auch England hatte allen Grund, mit ihm unzufrieden zu sein. Ihm war dieser Krieg sehr willkommen gewesen, denn einmal schwächte er die Türkei und brachte sie in eine größere Abhängigkeit von England, sodann hatte er Rußlands Fortschreiten in Zentralasien für eine geraume Weile aufgehalten, seine Kräfte in Europa beschäftigt und jden Haß der muselmanischen Welt gegen es vertieft. Als die russischen Truppen vor den Toren Konstantinopels standen, erschien eine englische Flotte im Marmarameer und gebot ihnen Halt. England trat also als Retter der Türkei; auf und war nun nicht gesonnen, den großen Machtzuwachs, der dem Zarenreich aus dem Sieg erblühen sollte, zu dulden. Oesterreich-Ungarn und England protestierten also gegen den Frieden von San Stefano. Und da die Großmächte ja stets nur Recht und Gerechtigkeit verteidigen, so fand man heraus, daß die internationalen Abmachungen des Pariser Vertrages von 1858 umgestürzt wurden und ganz Europa um seine Meinung befragt werden mußte. Man verlangte nunmehr den Zusammentritt eines Kongresses sämtlicher Großmächte, der den Vertrag von San Stefano einer Revision unterziehen sollte. An diese Hoffnung klammerten sich die rumänischen Staatsmänner. Bratianu trat eine Rundreise durch Zentral- und Westeuropa an, um die Mächte zu bewegen, Rumänien gegen die Vergewaltigung durch Rußland zu schützen. Aber jede der Großmächte beabsichtigte, für sich so viel Vorteile als möglich herauszuschlagen, und keine dachte daran, sich Rumäniens wegen mit Rußland zu verfeinden. Der englische Botschafter in Wien, antwortete Bratianu: Großbritannien fühle gerecht und edel, bedauere deshalb die Rumänen von ganzem Herzen; aber Großbritannien liebe es nicht, sich in die Angelegenheiten von Verbündeten (wie es Rumänien und Rußland waren) hineinzumengen. Der Bukarester Regierung blieb also nur übrig, den Zusammentritt des Kongresses, der für den 13. Juni in Berlin anberaumt war, abzuwarten, um noch einmal ihr Glück zu versuchen. DIE VORBEREITUNGEN ZUM LET Als im Januar 1878 klar wurde, daß ein internationaler europäischer Friedenskongreß sich mit der Neuordnung der Zustände auf der Balkanhalbinsel befassen würde, begannen die Freunde der rumänischen Juden, die schon so viel für sie geredet und geschrieben hatten, sich aufs neue zu regen. In Berlin existierte seit Jahren ein besonderes Rumänen-Komitee, das sich mit den Mitteln zur Lösung der Judenfrage in Rumänien befaßte, und das aus den angesehensten jüdischen Persönlichkeiten bestand. Jetzt schloß sich diesenBestrebungcn auch Gereon, von Bleichröder an, der mächtige Bankier, der finanzielle Berater ■ und Vertraute Bismarcks, neben dem Baron Cohn der Vermögensverwalter Kaiser Wilhelms. Das mußte als bedeutender Triumph der jüdisch-russischen Sache gelten. Denn Bleichröders Ansehen und Einfluß war groß. Man wußte, daß er neben David Hansemann beim Abschluß des Friedens mit Frankreich mitgewirkt und auch sonst dem Staate große Dienste geleistet hatte, die mit seiner Erhebung in den Adelsstand belohnt wurden. Die jüdische Gemeinde in Berlin überreichte am 1. Februar dem Fürsten Bismarck eine von den Vorständen sämtlicher jüdischer Gemeinden Preußens mitunterzeichnete Petition, in der gebeten wurde, beim Friedensschluß die Stellung der Juden in Rumänien zu regeln. TEN KAMPF UM DIE BEFREIUNG. Die Petition wurde schon am 28. Februar vom Staatssekretär des Auswärtigen Amtes im Namen des Reichskanzlers sehr huldvoll beantwortet: „Der Herr Reichskanzler wird, wie bisher, so auch künftig, gern jede geeignete Gelegenheit* benutzen, um seine Teilnahme für die Erfüllung der in jenen Vorstellungen dargelegten Wünsche zu betätigen. Der Zeitpunkt, zu welchem der Versuch einer solchen Einwirkung zu machen sein wird, läßt sich freilich mit Bestimmtheit nicht vorhersehen; sollten indessen die Verhandlungen der aus Anlaß der gegenwärtigen Friedensunterhandlungen in Anrege gebrachten Konferenz eine Möglichkeit dazu gewähren, so wird der deutsche Bevollmächtigte alle Bestrebungen unterstützen, welche dahin zielen, daß den Angehörigen jedweden Religionsbekenntnisses in den betreffenden Ländern dieselben Rechte und Freiheiten zuteil wurden, welche ihnen in Deutschland verfassungsmäßig gewährleistet sind." e In einer Vollversammlung der ungarischen Delegation*) richtete Moritz Wahrmann im Namen von *) „Delegationen" heißen in Oesterreich-Ungarn die Ausschüsse beider Häuser des Parlaments einer jeden ReichshäJfte, die über die gemeinsamen, besonders die auswärtigen Angelegenheiten zu beraten haben. Ihnen sind die gemeinsamen Minister der Doppelmonarchie verantwortlich.

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