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Ost und West · 1917-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1917) · p. Seite 131 - 132

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-03-01
Page
Seite 131 - 132 (sequence 5)
Language
German
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131 Rumänien und seine Juden. 132 anzugliedern, seine Hegemonie in der südöstlichen Slawenwelt bis nacli Saloniki und zum Schwarzen Meer zu begründen, das Moskowiterreich in seine natürlichen Grenzen zurückzudrängen, die Welt von dieser ewigen Gefahr auf immer zu befreien, und ganz Südosteuropa der abendländischen Kultur anzugliedern. Allein, das hätte geheißen, die polnische Frage aufrollen — und da war es zweifelhaft, ob Deutschland mitgehen würde. Jedenfalls waren die Lenker jener Zeiten einer solchen Konzeption nicht gewachsen. Man zog es daher vor, in einer geheimen Konvention mit Rußland, (welches im voraus fest entschlossen war, sie nicht zu halten), sich einen Teil der türkischen Beute (Bosnien und die Herzegowina) zu sichern, und dafür Neutralität zu garantieren. Die Folge dieser Politik ist der heutige Krieg. Rußland hatte also von seilen seiner beiden westlichen Nachbarn den Rücken gedeckt und konnte losschlagen. Allein an der Schwelle der Türkei lag Rumänien, ein Vasallenstaat der Pforte, nach dem Wortlaut der Pariser Konvention von 1858 verpflichtet, ihr Heeresfolge zu leisten. Zwar hatte Fürst Carol erklärt, er unterwerfe sich der Oberhoheit des Sultans mit der Absicht, sie bei der erstbesten Gelegenheit abzuschütteln, und an seinen Vater schrieb er einmal, Rumäniens politische Stellung verlange, daß es mit dem Stärkeren gehe. Allein, wie konnte man wissen, \ver der Stärkere war? Schon 1876 hatte sich Rußland wegen der Erlaubnis zum Durchmarsch seiner Truppen nach Bukarest gewandt und von Rumänien diesen Treubruch gegen den Sultan verlangt. Das wäre ein Geringes gewesen. Allein den rumänischen Staatsmännern wurde dabei immer klarer, daß Rußland ihnen zum Lohn für diesen Verrat das Opfer auferlegen würde, Beßarabien abzutreten. Dieses schöne, reiche Land von üppiger Fruchtbarkeit war fast ausschließlich von Rumänen bevölkert, galt seit unvordenklichen Zeiten als ein Teil der Moldau, und hatte nie, wie etwa Siebenbürgen, unter fremder Oberhoheit gestanden." Im Jahre 18.1.2 hatte es Rußland an sich gerissen, mußte es jedoch 1856 wieder an die Moldau herausgeben. Nun machte sich der Appetit auf Bessarabien bei den Russen wieder geltend. Zwischen dem Fürsten Carol und seinem Minister Bratianu, der als der geschickteste rumänische Staatsmann galt, entstand nun eine Meinungsverschiedenheit, wer von den beiden Gegnern der Stärkere war. Dem Fürsten galt Rußland als solcher, und er war geneigt, sich dessen Wünschen zu fügen, nur darauf gedacht, soviel Kompensationen wie möglich herauszuschlagen. Bratianu dagegen rechnete auf die Hilfe von Europa im Verein mit der Türkei. Allein Europa, insofern es nicht durch geheime Abmachungen oder Rücksichten auf Rußland gebunden war, zog es vor, abzuwarten, bis die beiden Gegner ihre Kräfte gemessen hatten; die Türkei zeigte ebenfalls keine Lust, Rumänien, über dessen Treulosigkeit es sich keine Illusionen machte, den Rücken zu stärken. So kam am 16. [April 1877 zwischen Rußland und Rumänien eine geheime Konvention zustande, in welcher erstcres für ungehinderten Durchzug seiner Truppen letzterem den Schutz seiner politischen Unabhängigkeit und die Integrität seines Gebietes garantierte. Am 23. April erfolgte die formelle Kriegserklärung Rußlands an die Türkei, der Durchmarsch der russischen Heere begann, ein erheuchelter Protest Rumäniens erfolgte, aber Eisenbahnen, Telegraphen und alle anderen Hilfsmittel Wurden den Russen, natürlich gegen Bezahlung in barem Golde, zur (Verfügung gestellt. Drei Tage darauf genehmigten die rumänischen Kammern offen die geheime Konvention mit Rußland, um am 11. Mai den Kriegszustand mit der Pforte zu erklären. Der Krieg nahm nun einen unerwarteten Verlauf. Die Russen gerieten, trotz ihrer Uebermacht und obgleich alle Vasallen der Türkei sich gegen diese erhoben, in eine mißliche Lage, die namentlich vor Plewna nahezu bedrohlich ward; der Zar war genötigt, den Fürsten Carol um Hilfe zu bitten, und sich seinen Bedingungen zu fügen, nämlich, daß der Fürst den Oberbefehl über alle, also auch die russischen Truppen, übernahm. Am 10. Dezember ergab sich die von Osman Pascha mehrere Wochen lang heldenmütig verteidigte Festung Plewna, und damit war der Krieg eigentlich schon zu Ungunsten der Türkei entschieden. Die rumänische Armee hatte an dem Siege einen unbestrittenen Anteil, den die geschickte Bearbeitung der öffentlichen Meinung Europas durch den Fürsten Carol ins rechte Licht zu rücken wußte. Besonders schmeichelte es dem Nationalstolz cler Rulmänen uncl hob ihr Ansehen in Europa, daß die große russische Macht ihren Beistand angerufen, und russische Truppen dem Oberbefehl ihres Fürsten unterstellt hatte. Fürst und Volk waren jetzt sicher, keinen Fußbreit rumänischer Erde abtreten zu müssen und wiegten sich in der Hoffnung, aus der türkischen Beute einen recht großen Happen zu erhaschen. Aber es kam anders. Am 31. Januar 1878 wurden zwischen Rußland und der Türkei vorläufige Abmachungen vereinbart, in denen über Rumänien gesagt wurde, daß ihm ein Gebietszuwachs und die Unabhängigkeit gesichert sei. Allein den Kommentar hierzu hatte drei Tage zuvor der Zar in Petersburg dem rumänischen Vertreter gegenüber gemacht", .indem er ihm unzweideutig erklärte, er wäre entschlossen, Beßarabien zu annektieren, und Rumänien als Gebietszuwachs die Dobrudscha zu gönnen. Dieser Landstrich, unfruchtbar und sumpfig, war überwiegend von Bulgaren, Armeniern, Griechen und Türken (sowie von mehreren Tausend Juden) bewohnt, und hatte für Rumänien als Täuschobjekt im. Vergleich mit Beßarabien so gut wie gar keinen Wert. :Es war also im Grunde ein empfindlicher Gebietsverlust, verbunden mit einer bitteren Demütigung, den Rußland den Helfer von Plewna als Lohn zugedacht hatte. Am selben 31. Januar erschien der Graf Ignatiew, der den ganzen Feldzug organsiert hatte, in Bukarest als Sonderbevollmächtigter des Zaren und wiederholte die russischen Forderungen in drohender Sprache. Die Rumänen wußten, nun genau, woran sie waren. Gleichzeitig machte Ignatiew dem Fürsten Carol den Vorschlag, auch die Krone des neugeschaffenen Fürstentums Bulgarien anzunehmen und beide Länder in eine Personalunion zu vereinigen. Der Fürst Carol jedoch lehnte ab, da ihn schon die Krone Rumäniens allein zu drücken anfing. (Das war für die Bulgaren ein großes Glück, sonst hätte ihnen nämlich in dem jetzigen Krieg das Schicksal Rumäniens gelächelt.). Für die Rumänen begannen nun schwere uncl bittere Tage. Sie hatten endgültig mit der Türkei gebrochen, im Kriege für .Rußland geblutet, ihre Armee hatte sich mit unerwarteten, wenn auch ziemlich billigen Lorbeeren bedeckt, durch ganz

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