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Ost und West · 1917-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1917) · p. Seite 127 - 128

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-03-01
Page
Seite 127 - 128 (sequence 3)
Language
German
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127 Rumänien und seine Juden. 128 einen förmlichen Selb'stmord des Staates bedeutete. Charles Netter war nach Konstantinopel gekommen und vom französischen Botschafter empfangen worden. Der Präsident des Konstantinopeler Lokal-Komitees der Alliance, Salomon Fernandez, führte ihn beim Großvesir und beim Minister des Aeußeren Savfet Pascha ein. Dieser versicherte in einem Schreiben ,an Netter vom 9f Januar 1877, daß er nicht verfehlen werde, bei der nächsten Gelegenheit der Konferenz das Anliegen der Alliance zu unterbreiten und schloß mit den Worten „cela nous fera honneur". Das geschah auch, aber die Konferenz war mit dem Schicksal, der christlichen Völkerschaften derart beschäftigt, daß sie keine Zeit fand, an die Juden zu denken. Desto mehr bot die Judenfrage den türkischen Delegierten Gelegenheit, ihrer gerechten Erbitterung gegen die europäischen Großmächte -Luft zu machen. Am 17. Januar schrieb Salomon- Fernandez an die Alliance, er wisse aus sicherer ,Qelle, daß die Konferenzmitglieder durch den türkischen Vertreter in die größte Verlegenheit gebracht worden seien, der folgende Ansprache an sie hielt: Während Europa sich bemüht, für gewisse christliche Völkerschaften Vorteile zu erlangen, hat die kaiserlich ottomanische Regierung sich mit einer Reklamation zu befassen, in der auf die elende Lage der Juden in Rumänien und in einem anderen benachbarten, sogar sehr großen Staat hingewiesen wird!; wenn nun die Konferenz von . den Gefühlen der Gerechtigkeit und der Humanität beseelt ist, müßte sie sich zuvörderst mit der Lage dieser Bevölkerung befassen." Keiner der europäischen Bevollmächtigten ist auf diese Anregung eingegangen. Das Ende vom Spiel war, daß die Türkei alle ihr gemachten Vorschläge zum Selbstmord ablehnte. Die Verhandlungen waren erfolglos geblieben. Der Krieg hing in der Luft. Die Denkschrift der Pariser Reunion war nicht einmal auf die Tagesordnung gesetzt worden. Indessen war der ganze Aufwand von Geist, Diplomatie, Tatkraft und Organisationsgabe, der die Pariser Reunion von 1876 und die aus ihr hervorgegangene Denkschrift an die Großmächte hervorgebracht hatte, nicht vergebens gewesen. Sie sollte ihre Früchte tragen — auf dem Berliner Kongreß. Auf dem Balkan gärte es nämlich immer mehr. Große Umwälzungen bereiteten sich vor, die auch für die Juden weittragende Folgen haben konnten, aber die Juden durften ruhig schlafen, Europa wachte über sie. DER BERLINER KONGRESS 1878. ,,Im Namen des allmächtigen Gottes! Ihre Majestät die Königin des vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland, Kaiserin von Indien; Seine Majestät der Deutsche Kaiser und König von Preußen; Seine Majestät der Kaiser von Oesterreich, König von Böhmen, Galizien usw. Apostolischer König von Ungarn; der Präsident der französischen Republik; Seine Majestät der König von Italien; Seine Majestät der Kaiser aller Reußen; Seine Majestät 'der Sultan der Ottomanen in dem 'Willen, entsprechend den Bestimmungen des 'Paüser Vertrages vom 30. März 1856 im Sinne einer europäischen Ordnung die Fragen zu regeln, welche in den letzten Jahren, zufolge der Ereignisse im Orient sowie des stattgehabten Krieges entstanden 'sind, der durch den Vorvertrag von San Stefan zuih Abschluß gelangt ist, waren vereint der Meinung, daß der Zusammentritt eines Kongresses das beste Mittel sei, eine Uebereinstimmung unter ihnen zu erzielen." Mit diesen feierlichen Sätzen beginnt der am 13. Juli 187S vom Berliner Kongreß beschlossene Vertrag. In diesem Vertrag finden sich folgende Paragraphen: Artikel 43. Die hohen Vertragschließenden anerkennen die Unabhängigkeit Rumäniens, knüpfen jedoch die Anerkennung an die Erfüllung der in den beiden nächsten Artikeln dargelegten Bedingungen : Artikel 44. In Rumänien darf der Unterschied des religiösen Glaubens und des Bekenntnisses niemandem als Grund der Ausschließung oder der Unfähigkeit zum Genüsse der bürgerlichen und der politischen Rechte entgegengehalten werden, ebensowenig betreffs der Zulassung zu öffentlichen Aemtern. Funktionen und Ehren, oder der Ausübung der verschiedensten Professionen imd Gewerbeaften, in welcher Ortschaft immer es sei. Die Freiheit der Ausübung aller Kulte wird allen Angehörigen des rumänischen Staates gesichert sein, ebenso wie allen Fremden, und kein Hindernis wird ihnen entgegengesetzt werden, sei es in der hierarchischen Organisation der verschiedenen Gemeinden, sei es in ihrem Verkehr mit ihren geistlichen Oberhäuptern. Die Staatsangehörigen a!ler Mächte, Handelsleute oder sonst, werden in Rumänien ohne Unterschied der Religion auf dem Fuße völliger Gleichberechtigung behandelt werden. Artikel 45. Rumänien tritt Seiner Majestät dem Kaiser von Rußland jenen Teil des Gebietes von Beßarabien wieder ab, welcher auf Grund des Pariser Vertrages von 1856 von Hußland abgetrennt wurde 'und welcher im Westen vom Talweg des Prut; im Süden vom Talweg des Kilia- Armes und der Mündung von Stary Stambul begrenzt wird." Wie man sieht, legt der Artikel 44 die völlige und uneingeschränkte bürgerliche Gleichlb'erechtigunig der Juden in [Rumänien endgültig fest. Der gesamteuropäische Areopag hatte seinen Willen unzweideutig kundgegeben. Er hatte die rumänische Judenfrage gelöst. Er hatte sich verpflichtet, die staatliche Selbständigkeit und Unabhängigkeit, um die Rumänien (seit Jahrzehnten 'kämpfte und für die es, nach dem Bruch mit der Türkei, auf den Schlachtfeldern von Bulgarien das Blut seiner Söhne reichlich vergossen hatte, nicht eher anzuerkennen, als bis den Juden (ihr Recht geworden. Der Kampf, den die 'besten und hervorragendsten Juden in England, Frankreich', Holland, Deutschland und Oesterreich seit zwölf Jahren für ihre unterdrückten Brüder unermüdlich gekämpft hatten, war zu deren Gunsten vor dem höchsten Forum Europas entschieden worden. In den jüdischen Gemeinden von Berlin, Wien, Paris und London herrschte berechtigte Siegesfreude. Bis eine solche grundstürzende Reform durchgeführt wurde, mußte natürlich eine geraume

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