Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1917-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1917) · p. Seite 119 - 120

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1917)
Article
Am Tage des Gerichtes
Date
1917-03-01
Page
Seite 119 - 120 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584069-2584072-2605702--16539-2605742
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

119 Am Tage des Gerichtes. 120tut, allsogieich nimmst du ihn auf." Dort oben sang es weiter. „Er gleicht der Blume, die verblüht, dem Schatten, der flieht, dem Rauch, der verweht, der Wolke, die vergeht. Ein huschender Traum, ein zerflattender Schaum ist der Mensch und seine Herrlichkeit." Und in Simon Berg antwortete eine Stimme: ,,Bis zu seiner Todesstunde wartest du auf ihn, sobald er Buße tut, allsogieich nimmst du ihn auf." Dieses wohlvertraute Wort, das er unzählige Male wiederholt und gehört, klang ihm jetzt wie neu, es hatte einen unmittelbaren, seltsam tiefen Inhalt bekommen, ein unerhörter Glanz umstrahlte es, es füllte ihm das ganze Bewußtsein aus . . . Bis zu seiner Todesstunde . . . nein, so lange brauchte Gott nicht' auf ihn zu warten . . . Der Lebenstrieb regte sich kräftig in ihm. Er malte sich aus, daß er alles; überstanden habe, und wieder frei das Haupt erheben konnte. Alles Beklemmende war von ihm genommen. Er war geläutert und versöhnt, konnte wieder in sein Inneres blicken, sein ganzes Leben durchmustern. Ausgebrannt war der häßliche Fleck, keine Spur war davon zurückgeblieben, nur eine Erinnerung, wie an eine üb erstandene Lebensgefahr. Man denkt mit einem Schauer, gemischt von Bangen und Lebensfreude, daran zurück. Er arbeitete und schaffte, baute, seiner Schwester ein Haus und erzog seine Kinder, und sein Dasein spann sich ruhig weiter. 'Nur eine milde Nachsicht behielt er zurück im Urteil über andere. Er wußte fortab, wie leicht man straucheln konnte. Wie eine schöne Landschaft im Sonnenschein lag das weitere Leben vor ihm, und darüber wölbte sich ein wolkenloser Himmel. Sein Tatendrang erwachte. Er fühlte das freudige Weben seiner Kräfte . . . Wenn nur erst alles vorüber wäre .... Er müßte hindurch. Es galt, durch einen tiefen Morast hindürchzuwaten, um in die ersehnte Gegend zu gelangen. Er nahm sich zusammen. Da er gewohnt war, Gefahren und Unannehmlichkeiten ins Auge zu fassen, fing er an, einen Plan zu entwerfen, wie er zu Stefan Gemba kam, ihm eingestand, daß er seine neuntausend Gulden bisher verheimlicht hatte, ihm das Geld zurückgab und ihn um Verzeihung bat. Er legte sich die Worte zurecht, suchte den passenden Ton und die Stimmlage heraus, nicht zu demütig, aber auch nicht allzu stolz ... Er bittet ihn dreimal um Verzeihung. Was wohl Stefan Gemba tun wird? . . . Herrgott, das wird ja eine Hölle sein! Alles, was er je gelitten, alles, was er seit gestern abend ausgestanden, war ein Scherz dagegen. Aber es mußte sein, er hatte es auf sich genommen. Es gab keine andere Rettung. Er würde nie wieder im Leben heil dastehen . . . Nein, er mußte den verborgenen Wurm, der an ihm nagte, aus dem Herzen reißen. Eine gewaltsame Operation war nötig . . . Wie sollte er sich sonst davor schützen, daß solche qualvollen Stunden wiederkamen, wie er sie seit gestern abend durchlebte? . . . Was war das nur? Es saß in ihm, tief verborgen; eine geheimnisvolle Macht . . . Man geht herum, hat keine Ahnung, daß man so etwas mit sich herumträgt . . . plötzlich erwacht es, richtet sich auf! und reckt den Kopf und zischelt einen drohend an, wie eine Schlange hinter dem Zaun ... Es peitscht und züchtigt . , . Eine Angst überkam ihn, wie vor einer physischen Krankheit. Lieber eine kurze) •Weile Schmerz erdulden, als ein langes Siechtum auf sich nehmen ... Er suchte sich zu überreden, daß dies einfach das Gescheitere war . . . Er überwindet das ganze Grauen, den Ekel und die Scham, geht hin zu Stefan Gemba, in einer halben, qu.alvollen Stunde ist alles erledigt. Dann atmet er frei auf, und hat das Bewußtsein, eine gerechte Sühne vollbracht zu haben; er ist fortab gepanzert, nichts kann mehr an ihn heran. Die Rechnung ist beglichen . .; Das muß gleich geschehen . . . Nein, nein doch ... Er wollte noch eine Weile warten . . . Zu Mincha, bei der großen Pause, wenn alle hinausströmten und sich im Freien ergingen, um frische Luft zu schnappen ... Es war ja noch Zeit ... Er hatte es mit sich ausgemacht . . . Jetzt wollte er sich zusammennehmen und aufhorchen ... Er hatte inzwischen alles überhört . . . Oh, jetzt waren sie schon beim Knie - fall ... In David Chasans Stimme war etwas wie ein leises Zittern gekommen ... Er erging sich in Trillern, die gebrochen klangen, wie in sehnsüchtigen, ermattenden Seufzern ausströmten. Immer schlaffer wurde der Gesang, als Avollte er bald, ganz versickern. Der Chor hoch oben schwieg, und der Vorbeter sang einsam auf der Bima. Aber in der Luft lag es wie eine Spannung. Die Kinder reckten die Hälse, als erwarteten sie etwas Unglaubliches. , Dies eine Mal im Jahre sollte der Vorbeter niederknien im Gebet, ganz wie es der Hohepriester vor zweitausend Jahren im Tempel zu Jerusalem tat. Sonst durfte ein Jude nie das Knie beugen im Gebet . . . Der feierliche Augenblick nahte. Eine Note der Bangigkeit und des Zögerns kam in den einsamen Gesang. Die heilige Lade öffnete sich. Zwei Männer stiegen die Bima hinan und nahmen zu beiden Seiten des einsamen Sängers Aufstellung. Sie verharren in seheue'r Entfcrnung. David Chasan tritt mit einem jähen Ruck einige Schritte vom Altar zurück. Sein Gesang klingt immer banger und ängstlicher, er zaudert. Dann läßt er sich langsam auf ein Knie nieder: ,,Waanachanu koreim . . . Wir aber, wir knien nieder und bücken uns und bekennen vor dem König aller Könige, dem Heiligen, gepriesen sei er" . . . Der Vorbeter sinkt in beide Knie, verharrt so eine Weile, dann beugt er sich tief hinab, bis seine Stirn den Boden berührt. Der Gesang ist verstummt. Die ganze Gemeinde hält ängstlich den Atem an und verharrt eine Weile in tiefem feierlichem Schweigen, als wären sie Zeugen eines großen und denkwürdigen Vorganges geworden. So hatten es einst ihre Vorfahren in Jerusalem gemacht, als der Hohepriester am Vcrsöhnungstage den Gottesdienst im Tempel auf Morija verrichtete. Eine ganz kurze Weile, kaum eine Minute, bleibt der hohe Mann oben auf der Bima in dieser gebückten Stellung, mit der Stirn den Boden berührend. Die beiden Männer erfassen ihn bei den Armen und richten ihn auf. Er steht wieder vor dem-Altar. Aber nun ist das "Große vorüber. Der Glanz ist erloschen. Der Schwung ist dahin . . . Ganz prosaisch und ein wenig trübselig fließt der Rest des herrlichen Kapitels dahin. Es ist wie eine Ruhepause nach einer großen seelischen Anstrengung. Doch bald ist die Mattigkeit "geschwunden und von neuem jubelt es hervor, halb Gesang und halb rezitatorischer Vortrag: ,.Darum hoffen wir zu dir, Ewiger, unser Gott, daß wir alsbald schauen werden die Herrlichkeit deiner Allmacht, da du verschwinden lassest die Abgötterei von der Erde und die nichtigen Wahngcbilde aufhören, da die Welt aufgerichtet wird

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.