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Ost und West · 1917-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1917) · p. Seite 117 - 118

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1917)
Article
Am Tage des Gerichtes
Date
1917-03-01
Page
Seite 117 - 118 (sequence 2)
Language
German
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117 Am Tage des Gerichtes. 118 wesen auf der Welt! . . . Arbeiten, sich mühen, kämpfen, säen und ernten . . . Das ging alles seinen eisernen, klirrenden Gang . . . Darm ruhte man so köstlich aus und sammelte frische Kräfte . . . Nie war ihm der Gedanke gekommen, nach dem Sinn dieses ewigen Gjetriebes zu fragen. Es Avar wie ein Gesang, der sich entrollte, wie das Spiel einer. Musikkapelle, bei dem man ja auch nicht fragt, wozu es da sei . . . Man stimmt ein und singt mit und freut sich, daß man dabei ist . . . Das war einmal . . . Aber seither war eine schrecklich lange Zeit vergangen. Simon Berg deuchte es, daß er um Jahrzehnte älter geworden war. Irgendeinmal platzten die Instrumente und keiner merkte es. Nun kommen falsche, knirschende Töne heraus und ergeben keinen Sinn und keine Harmonie. Wozu fahren die Geiger so aufgeregt mit den Armen hin und her? Wozu strengen die Sänger ihre Kehlen an und überschreien sich? Alles schrillt nur wild durcheinander und es gibt keinen Zusammenhang. Irgendwo im Geheimen befand sich ein Riß, und keiner wußte davon und keiner war stark genug, um ihn zusammenzuschweißen. Alles mußte nun so weiter gehen, immer abwärts, immer abwärts, bis es ganz unten verdunstete und verschwand . . . Simon Berg verlor den Faden seiner Gedanken und fühlte nur, daß etwas Schweres auf ihm lastete und ihn niederbeugte. Er hatte ganz vergessen, wo er war. Da weckte ihn eine tiefe Stille, die auf einmal ringsum entstanden war. Man hätte das Summen einer Fliege hören können. Er schüttelte sich und reckte sich gerade. Jetzt tauchte die Stimme des Vorbeters auf und schwebte kräftig und feierlich über den Köpfen der Versammlung : ..Und so möge zu dir emporsteigen der Weiheruf, denn du bist ja unser Gott, o König, der du vergibst und verzeihst!" Was war das? . . . Simon Berg wurde ganz wach. Die stille Schemoneh Esreh war längst vorüber. Man war jetzt bei der Keduschah. Durch die versammelten Scharen ging eine Bewegung, als hätten die Worte des Vorbeters sie elektrisiert. Jeder richtete sich auf, rückte seinen Tallith zurecht, dann verharrten sie eine Weile lauschend, in banger Erwartung. Der Chor hub an: „Unethanneh thokeph*) . . . Wir wollen schildern den hohen, heiligen Tag, an den ohne Beben keiner zu denken vermag. Heut richtet sich auf Gottes Weltenrcich, der keinen Mächtigen der Erde schont, der gerecht ist und liebend zugleich, der in Wahrheit und Gnade thront. Erhaben sitzt er zu Gericht, das Buch der Menschentaten vor seinem Angesicht. Und es liest sich laut von selber, was niemand sonst bekannt, wie es hinein - geschrieben des Menschen eigne Hand. Und Gott ist. Zeuge, Richter, auch Anwalt im Verein, er forscht, prüft, entscheidet, tut alles nur allein." Es war, wie wenn ein Zauber die Leute umfinge. Die Verse des alten Hymnus, an den sich eine ergreifende Märtyrerlegende knüpft, und der machtvoll dahinrauschende Gesang weckten in allen Anwesenden tausend Erinnerungen und Bilder. Die Himmel öffneten sich vor ihren gläubigen Gemütern und sie sahen Gott auf seinem Throne sitzend, das aus Sonnenstrahlen gewobene Buch der Menschentaten vor ihm aufgeschlagen, wo- *) Teilweise mit Benutzung der Uebersetzung von Arnold B. Ehrlich. rinnen die Seele des Menschen, während sie nachts dem entschlafenen Körper entschlüpft, mit dem kleinsten Finger feurige Zeichen über die Tafeln ziehend alles aufzeichnet, was sie selbst am Tage verübt hat. Es lag etwas Erschütterndes und Aufwühlendes in dem Gesang. Jetzt schwieg er eine Weile still, dann setzte er gleich wieder ein, und es klang wie das Dröhnen von Fanfaren, die einen herannahenden Königszug ankündigen: ,,Horch, wie mächtig die Posaune schallt, wie schauerlich es widerhallt, die Engel im Himmel erbeben, ängstlich und eilig herbei sie schweben und rufen mit zitterndem Munde: Jetzt naht die große Stunde. Heut ist der Tag des Gerichts. Er fordert die himmlischen Scharen, vor Gott, den gerechten und wahren, .den heiligen Gott des Gerichts." Jetzt schwiegen Chor und Gemeinde und eine feine, zarte Knabenstimme fing an zu singen, daß es wie der einsame, sehnsüchtige Gesang einer Hirtenflöte klang: ,,Alles, was da füllt die Erde, zieht vor dir vorbei, wie vor einem Hirten seine Herde. Und wie der Hirte mit seinem Stabe über alle seine Lämmer Musterung hält, so prüfst du, Hirte der ganzen Welt, die Seelen der Lebenden all, was jede an sich habe. Du zählst und wägst und missest und erforschest jeden einzelnen Fall, und erteilst jedem die verdiente Gabe." Jetzt fiel der Vorsänger wieder ein, und seine Stimme tönte voll zutraulicher Hingabe und mutiger Zuversicht: „An des Jahres Beginn schreibst den Spruch du hin, besiegeist ihn am Versöhnungstage: Wer entstehe, wer vergehe; wer am Ende seines Lebens, wer in der Mitte seines Strebens aus der Welt genommen werde; wer durch Pest und Plage, wer in natürlichem Tod, wer durch Hungersnot, wer durch Feuersgluten, wer durch Wassers Fluten umkommen werde; wen Schwert oder Feuerwaffe, wen wilder Tiere Zahn, wen böser Menschen Walin, wen der Elemente Wut dahinraffe; wer gefolgt vom Glücke, wer von Schicksals Tücke; wer sich Reichtum erwerbe, Aver in Armut sterbe, wer zur Höhe steige, Aver zur Tiefe neige; Aver in Ruh und Frieden, wer in Seelenangst hienieden. Doch unabwendbar ist nimmer des Spruches Macht, denn deine Gnade stets die Menschen bewacht." Nun erscholl es wie ein kräftiger Mahnruf und hallte hin über die Köpfe der Menge, gleich einem großen Bekenntnis: „Und Buße und Gebet und gute Taten wenden ab das böse Verhängnis!" Die Gemeinde wiederholte den Ruf tausendstimmig, daß die Fenster erklirrten. Gleich aber setzte ein munter dahinfließender Gesang ein. Doch Simon Berg hörte aus dem ganzen GeAvoge der nachfolgenden Verse nur den einen heraus: „Bis zu seiner Todesstunde wartest du auf ihn, sobald er Buße tut. allsoglcich nimmst du ihn auf." David der Chasan legte in diese Worte eine besondere Innigkeit und Kraft, und jenem bohrten sie sich in die Seele hinein und übertönten alleanderen. Das Lied erzählte von der Nichtigkeit des Erdensohnes: „Der Mensch, entstammt der Erde Staub und ist verdammt dem' Wurm zum Raub, er müht ums Brot sich bis zum Tod und bricht wie Glas und Avelkt wie Gras." In Simon Bergs Seele; hallten immer die Verse wider: „Bis zu seiner Todesstunde wartest du auf ihn, sobald er Buße

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