Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1917)
- Article
- Am Tage des Gerichtes
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 121 - 122 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2584069-2584072-2605702--16540-2605743- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
121 Am Tage des Gerichtes. 122 im Reiche Gottes und alle Sterblichen deinen Namen anrufen, da alle Frevler auf Erden sich dir wieder zuwenden, und alle Bewohner des Erdballs erkennen, daß sich vor dir allein jedes Knie zu beugen, und dir allein jede Zunge zu schwören hat. Der Ehre deines Namens bringen sie Anbetung dar und nehmen auf sich das Joch deines Reiches in Liebe.*' . . . Simon Berg war von den schlichten Worten dieses Vortrages so hingerissen, als hätte er sie nicht seit seiner 'Kindheit jeden Tag dreimal fast mechanisch wiederholt, sondern als brächten sie ihm eine neue Offenbarung. Es lag besondere Wucht in diesen Sätzen, wie sie jetzt in derselben Stunde gesprochen wurden, da sie zum ersten Male aus der Seele ihres Urhebers kamen. Simon vergaß ganz sein Leid, alles, was ihn durchwühlt hatte versank irgendwo in entfernte Tiefen und er fühlte sich wie in eine reinere! Welt erhoben. Ein Gefühl der Kraft und Uebcrwindung quoll in ihm auf; er fühlte sich stark' genug, einen schweren Kampf aufzunehmen und zu siegen. Mit gierigem Ohr nahm er alles auf, was jetzt folgte. Und. oben auf der Bima stimmte David Chasan jetzt einen großen Gesang an: es war die Schilderung der Zeit, da das Reich Gottes anbrechen wird: Die Gerechten schauen es und freuen sich, die Redlichen frohlocken und die Frommen stimmen fröhliche Lieder an, denn das Unrecht hat seinen Mund geschlossen, alle Bosheit ist wie Rauch verdunstet und du Gott hast die Herrschaft der rohen Gewalt von der Erde vertilgt. Und nun tritt die Versöhnung der Völker ein. „Alle nahen sie, dir zu dienen, und preisen) deinen herrlichen Namen. Auf fernen Inseln verkünden sie deine Gerechtigkeit. Stämme, die dich nie gekannt, sehnen sich nach dir, sie preisen dich an allen Enden der Erde und sprechen: Ewig groß; ist der einzige Gott. Sie schämen sich ihrer Trugbilder und verlassen ihre Abgötter und neigen vereint die Schulter, um dir zu dienen" . . . Der Gesang braust dahin, wie eine Siegeshymne, mächtig schwellen seine Wogen an und reißen alle fort. Die Menge läßt sich nicht mehr halten und fällt dröhnend ein. Es ist. wie wenn ein unendlicher Zug aller Völker der Erde sich aufgemacht hätte und hinpilgert, um in das Reich der Wahrheit und der Gerechtigkeit zu kommen, wo ewig die Güte Gottes Avaltet. Die Schritte sind beflügelt, wie in gewaltigen Reigen geht es vorwärts, und voran schreitet, gleich einer Feuersäule, der himmelan stürmende Gesang, der sie mit seinem ehernen Rhythmus begleitet . . . ,,Sie beten dich an, so weit der Sonnenball über die Erde rollt, und sie suchen dein Antlitz zu schauen. Sie erkennen die Macht deines Reiches und preisen dein Heldentum. Die Irrenden finden den leuchtenden Weg und in freudigem Beben gelangen sie vor dein Angesicht und krönen dich mit dem Prachtdiadem" . . . Immer berauschender hallt das Lied, es erfaßt Himmel und Erde und die ganze Natur stimmt mit ein . . . „Es singen die Meere, die Berge brechen in Jubi'i aus, es frohlocken die» Eilande, wenn dein Reich anhebt. Alle nehmen auf sich das Joch deiner Herrschaft in Liebe; es erhöhen dich die Scharen der Völker und sie reichen dir die Königskrone." Der Gesang ist in einen stürmischen Freudenschrei ausgeklungen, die Menge hat ein Taumel erfaßt und es ist ihr, als sehe sie, wie Gott hoch oben seine Himmel öffnet, über die wimmelnden Scharen der Völker ergießt sich ein großer Strom seines starken und milden Lichtes, er streckt seine Arme aus und nimmt die Königskrone entgegen, die ihm die Menschenkinder reichen und setzt sie auf sein strahlendes Haupt . . . Dann schweigt der Gesang, es schließen sich die Tore des Himmels; dasl Licht ist entschwunden. Simon Berg aber wird von einem warmen, milden Gefühl ergriffen. Ein tiefer Friede ergießt sich über sein ganzes Wesen. Es ist ihm, als hätten sanfte und kräftige Wellen ihn erfaßt und hinausgetragen ins offene Meer, weitab von den Gestaden der Menschen. Nur die unendliche spiegelglatte See umgibt ihn und über ihm wölbt sich ein klarer hoher Himmel und eine göttliche Ruhe liebkost ihn. Aber es ist keine Mattigkeit in diesem Gefühl, umgekehrt, ihn durchströmt es wie ein Hauch frischer Jugendkraft, ein Drang, alles, so weit sein Auge reicht, zu umfassen, es an sich zu schmiegen, in sein Herz aufzunehmen. Die ganze Welt erstrahlt ihm in einer noch nie gesehenen Schönheit. Vor seinem inneren Auge tauchen alle Menschen auf, die er gekannt, mit denen er gearbeitet und gekämpft, alle erscheinen ihm jetzt wie merkwürdig verschönt und geadelt, auf allen ruht ein geheimnisvoller Glanz. Er möchte ihnen allen freundliche Worte zurufen, sie Brüder nennen, er möchte jedem etwas Gutes erweisen, von seiner Kraft schenken, ihnen helfen, irgendein Opfer bringen, ihnen zuliebe sich weh tun. Er versenkt sich in diese Stimmung und kostet sie aus, er vertieft sich in sie, wie einer, der durch einen wohlriechenden Garten geht und die köstlichen Düfte mit Macht einatmet, um für den weiteren. Weg soviel als möglich mitzunehmen . . . „Simon, willst du nicht auch ein wenig hinausgehen?" weckt ihn sein Nachbar aus dem Traum. Musaph war zu Ende, die große Pause vor Minchah hatte begonnen. Das Bethammidrasch war schon zur Hälfte geleert. (Schluß folgt.)