Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1917)
- Article
- Am Tage des Gerichtes
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 115 - 116 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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115 Am Tage des Gerichtes. 116 AM TAGE DES GERICHTES. Novelle von Binjamin Segel. III. Die stille Schemone Esreh hub an. Zuerst war es, wie ein Meer, das schlummernd daliegt im verglimmenden Abendrot, nur leise vom Winde geschaukelt. Allmählich wurde es lebendiger. Ein Murmeln ging durch die Reihen der Beter und wuchs immer an, und in Simons Ohren klang es, wie wenn aus weiter Ferne ein Bergstrom herannahte. Durch das gedämpfte Brausen erklangen zeitweise schmerzliche Klagetöne. Abgebrochene Seufzer und unterdrücktes Schluchzen verschmolzen zu leidenschaftlichen Akkorden, und schwollen immer kräftiger an, dann beruhigten sie sich langsam, wie aufgeregte Meereswogen sich glätten, wenn der Sturm sich legt. Die Versammelten umfing eine Atmosphäre der Weitabgewandtheit und Versenkung. Jeder einzelne war ganz sich selbst überlassen, völlig auf sich allein gestellt, wie vereinsamt mitten in der großen Versammlung. So mancher tat dieses eine Mal im Jahre einen Blick in sein Inneres und erkannte sich selbst. Von manchen Lippen kam ein heißes Flüstern . . . „Tilge weg unsere Sünden und laß unsere Missetaten verschwinden aus deinem Angesicht, wie du verheißen hast: Ich, ich bin es, der auslöscht deine Frevel um meinetwillen und deiner Sünden gedenke ich nicht. Und weiter sagtest du: ich zerstreue wie Nebeldunst deine Verfehlungen und wie ein Gewölk deine Frevel, kehre heim zu mir, ich erlöse dich." . . Simon Bergs Lippen regten sich nicht, nur seine Augen wanderten über die Blätter des aufgeschlagenen Machsors: „Du kennst die Rätsel der AVeit und die verborgensten Geheimnisse aller Lebenden. Du blickst in die innersten Kammern und prüfst Herz und Nieren, kein Ding bleibt dir unbekannt, nichts ist verhüllt vor deinen Augen." . . Dann kam die .große Beichte: AI chet. ,,Was wir vor dir gesündigt haben im Zwang und aus freiem Willen . . Was wir vor dir gesündigt haben im Geheimen und offenkundig . . . 'Was wir vor dir gesündigt haben durch Uebervorteilung des Nächsten . . Und was wir vor dir gesündigt haben im Handel und Wandel . . . Und was wir vor dir gesündigt haben durch grundlosen Flaß . . . Und was wir vor dir gesündigt haben im Taumel des Herzens . . . All das, o Gott der Vergebung, verzeih uns, vergib uns, sühne uns!"..... Simon Berg hatte ein Gefühl, als wäre ein geheimnisvoller, kalter, erbarmungsloser Lichtstrahl bis in die tiefsten Falten seiner Seele gedrungein und hätte sein Inneres durchleuchtet und entblößt, und nun stand er da, mit einem großen schmutzigen Fleck behaftet, wie mit einem eklen Gebreste, verlassen und verloren, gleich einem hilflosen Kranken in der Wüste. Lind ringsum flüsterte und raunte und sauste es, stieg an und sank zurück in rhythmischem Wechsel, wehklagte und mahnte, lockte und drohte. Simon Berg wurde von einer brennenden Sehnsucht erfaßt, unterzutauchen, sich zu vergessen, diesem unerbittlichen Alleinsein zu entgehen, das ihn wie mit eiserner Faust umklammert hielt. Er fühlte ein Verlangen, zu flüchten, um sich selbst zu entfliehen, sich irgendwo zu verstecken, wohin dieses Flüstern und Rauschen ihn nicht erreichen konnte, das so unbarmherzig in seine Seele sickerte und sie in Aufruhr versetzte. Doch fühlte er, daß ihm ein schweres und gräßliches Etwas anhaftete, welches ihm nachgehen würde. Es war wie eine bösartige Wunde, die ausgebrannt werden mußte . . . Zurückgeben . . . zurückgeben und um Verzeihung bitten. Eine schwere Welle erhob sich in ihm und überflutete sein Herz. Ihm dunkelte es vor den Augen. Er sah sich vor Stefan Gemba stehend, das Bündel Banknoten in der Hand und ihn demütig um Verzeihung bittend. Stefan Gembas verschwommenes Gesicht grinste höhnisch, die dicken, wurstförmigen Lippen schmatzten laut. Er aber. Simon Berg, stand da mit gesenktem Haupt und stammelte verworrene Phrasen. Ein Grauen erfaßte ihn . . . Nein, nein! Nur das nicht. Um keinen Preis der Welt! Lieber wollte er alles1 tragen und in sich verschließen und bleiben, was er einmal geworden war. Er ging unter den Leuten herum, blieb der alte Simon Berg, der er stets gewesen, umgekehrt, sein Ansehen wuchs mit dem Anwachsen seines Reichtums. Ganz im Geheimen aber er trug am Leibe einen Aussatz, ein sorgsam, verhülltes Geschwür. Man grüßte ihn, man neigte sich vor ihm, er lächelte allen freundlich zu. Nach innen aber hatte er ein anderes Gesicht. Er glich jenen Verstorbenen, die im Jenseits keine Ruhe fanden und ,auf der Erde umhergetrieben wurden; von außen sahen sie aus ganz wie lebende Menschen, aber wenn man einen Zipfel ihres Oberkleides lüftete, sah man die Totengewänder, die ihr klapperndes Gerippe umhingen. Er, Simon Berg, würde nie an die Vergangenheit zu denken wagen, sondern immer nur nach vorwärts blicken. Und wenn sein eigener Sohn eine Niedertracht beginge, wenn er lügen, betrügen oder stehlen würde, er könnte ihn nicht tadeln, ohne in seinem Innern eine Stimme zu hören: Und du? ... . Er setzt ja nur das Werk des Vaters fort . . Simon Bergfühlte, daß eine tiefe Schwäche ihn erfaßte, sein ganzes Wesen Avar wie in Auflösung begriffen, er blickte hilflos um sich. Sein Auge irrte durch die Reihen der Betenden. Alle standen sie da in ihren 'weißen Gewändern, die Häupter mit dem Tallith umhüllt, umschwirrt von jenem gedämpften Flüstern, in das sich von Zeit zu Zeit ein zerknirschtes Weinen und Klagen mischte. Er schloß die Augen und überließ sich willenlos einem dumpfen Brüten, wie ein Ertrinkender, dessen Arme zu schwach geworden sind, um gegen den Strom anzukämpfen. Quälende Gesichte tauchten vor ihm auf. Sein ganzes Leben erschien ihm leer und schal. Er liebte niemanden in der Welt, nicht seine beiden Kinder, nicht seine Schwester, nicht einmal das Andenken seiner verstorbenen Frau. Alles war ziellos. Es hatte keinen Sinn, auf der Welt umherzutrotten, sich zu plagen, zu erwerben, zu genießen, denn alles war seelenlos und innerlich befleckt, wie er selber. Man durfte nicht den kleinsten Zipfel des Obergewandes lüften, sonst kamen die Totengewänder zum Vorschein, und der Modergeruch erfüllte die Luft . . . Wie war es doch früher so schön ge-